Moving closer to the ground Amnesty im Wandel

Dieses Interview ist erschienen im Magazin AMNESTY Nr. 69 vom März 2012.
In einer sich wandelnden Welt muss auch Amnesty sich wandeln: Unter dem Motto «Näher zum Ort des Geschehens» hat die Organisation diese Herausforderung angenommen.

PietroPietro Antonioli, Präsident des Internationalen Vorstands von Amnesty © AI PietroPietro Antonioli, Präsident des Internationalen Vorstands von Amnesty © AI

Das weltpolitische Umfeld der Menschenrechtsarbeit von Amnesty International hat sich seit der Gründung vor fünfzig Jahren dramatisch verändert. Macht und Einfluss haben sich von den traditionellen Industrieländern im Norden zu neu aufstrebenden (Wirtschafts-)Mächten im globalen Süden und Osten verschoben, namentlich nach Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Derweil kämpfen Europa und die USA mit tiefgreifenden Wirtschaftskrisen.

Will Amnesty International wirksam bleiben, muss die Organisation auf diese Veränderungen reagieren. Aufbauend auf ihrem bisherigen Erfolg muss sie ihre Basis im globalen Süden und Osten stärken, muss am Ort des Geschehens vermehrt präsent sein und Menschen, die sich für ihre Rechte einsetzen, aus der Nähe unterstützen. Auf dieser Erkenntnis gründete der Entscheid der Internationalen Ratsversammlung, des obersten repräsentativen Gremiums von Amnesty International, die Präsenz von Amnesty International im globalen Süden und Osten auszubauen. Sie beschloss, dafür die nötigen Ressourcen bereit zu stellen und die Strukturen und Abläufe der Organisation entsprechend anzupassen. Im Jahr 2011 wurde die Umsetzung dieses grossen organisationalen Veränderungsprojekts unter dem Namen «Moving closer to the ground» (etwa: «Näher zum Ort des Geschehens gehen») gestartet.

Interview mit Pietro Antonioli, Präsident des Internationalen Vorstands von Amnesty:
«Wir wollen am Ort des Geschehens sein»

In einer sich verändernden Welt geht Amnesty International neue Wege: Die Organisation will möglichst nah vor Ort sein – dort, wo Menschenrechtsverletzungen geschehen.

Interview: Sophie Dupont

AMNESTY: Der Arabische Frühling hat gezeigt, dass Veränderungen meist von innen kommen. Sind die Zeiten vorbei, als im Norden basierte NGOs den Ländern des Südens zu Hilfe kamen?
Pietro Antonioli: Von «zu Hilfe kommen » zu sprechen, ist etwas veraltet. Die internationale Solidarität und der Druck der öffentlichen Meinung weltweit spielen weiterhin eine wichtige Rolle, aber es braucht eine Weiterentwicklung. Amnesty International will gemeinsam mit Partnerorganisationen in den Ländern des Südens nicht mehr für, sondern mit den Opfern von Menschenrechtsverletzungen arbeiten.

Diesen Weg gehen die NGOs in der Entwicklungszusammenarbeit schon seit Jahren. Hat Amnesty International hier Verspätung?
Auf gewisse Weise, ja. Das hat nicht speziell mit Amnesty International zu tun, sondern mit der ganzen Menschenrechtsbewegung. Gleichzeitig wird der Menschenrechtsansatz immer häufiger verwendet, auch von Organisationen der Zivilgesellschaft und der Entwicklungszusammenarbeit. In dieser Hinsicht hat Amnesty keine Verspätung, im Gegenteil. Amnesty eröffnet also Büros in Ländern des Südens und fördert das Engagement auf lokaler Ebene. Wir planen die Eröffnung von zwölf subregionalen Büros in Afrika, Asien und Lateinamerika. Wenn wir vor Ort präsent sind, können wir schneller reagieren. Für die aktiven Mitglieder im Süden ist das essenziell. In Ghana konnte die lokale Sektion letztes Jahr die Vertreibung von 50000 Menschen verhindern.

Was nützt es dann noch, sich aktiv in der Schweiz zu engagieren?
Der Druck der westlichen Länder ist immer noch nötig! Wir dürfen den Einfluss der Schweizer Zivilgesellschaft nicht unterschätzen. Die Sektion in Ghana konnte bei ihrem Einsatz gegen Zwangsräumungen auf Unterstützung aus der ganzen Welt zählen. Ein anderes Beispiel: Die kürzlich erfolgte Freilassung von zwei Ärzten im Iran wäre ohne den Druck von aussen sicher nicht geschehen.

Die Entwicklungsländer haben ein wachsendes politisches und wirtschaftliches Gewicht. Welche Chancen und Herausforderungen entstehen dadurch für die Menschenrechte?
Die an Einfluss gewinnenden Länder sind nicht unbedingt jene, die sich am stärksten für die Menschenrechte interessieren. Für Amnesty ist es sehr wichtig, in Ländern wie Brasilien, Indien, China und Südafrika etwas bewirken zu können. Das ist eine grosse Herausforderung, aber auch eine enorme Gelegenheit: In manchen dieser Länder ist eine starke Zivilgesellschaft entstanden, die für ihre Rechte kämpfen will. Amnesty will in diesen Ländern lobbyieren. Unserer Organisation muss es beispielsweise möglich sein, mit der chinesischen Regierung zu sprechen.

In diesen Ländern wird Amnesty International oft als «westliche Organisation» angesehen. Wie können wir diese Wahrnehmung verändern?
Indem wir möglichst nahe vor Ort sind. Wenn wir Sektionen in Brasilien und Indien gründen, hat das auch zum Ziel, dass sich die Menschen weltweit mit unserer Bewegung identifizieren können.