Sudan Die Regierung muss handeln

Samkelo Mokhine war als Mitglied einer Untersuchungsdelegation von Amnesty International im September während einer Woche in der Krisenregion Darfur untertwegs. Er erklärt im Gespräch, wie die Delegation arbeitete und wie die Situation in den Flüchtlingslagern ist.


E «Amnestie!»: Samkelo Mokhine, welchen Eindruck hatten Sie von den Menschen, die Sie in den Flüchtlingscamps angetroffen haben?
F Samkelo Mokhine: Die Menschen dort waren herzlich und gastfreundlich. In den vergangenen Monaten waren sie bereits MitarbeiterInnen der Uno und anderer humanitärer Organisationen begegnet, so dass sie uns mit grossem Interesse begrüssten. Mit Hilfe eines Dolmetschers konnten sie ihre Geschichten erzählen. Besonders die Flüchtlinge ohne Zugang zu den Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms suchten den Kontakt zu uns. Die Menschen versuchen mit ihrem Leid würdevoll umzugehen; ohne Nahrungsmittel fällt das aber sehr schwer.

E Amnesty International (AI) durfte zum ersten Mal nach Darfur einreisen. Warum wurde der Zugang erst jetzt bewilligt?
F Auf die Zentralregierung in Khartum wurde viel Druck ausgeübt, damit Menschenrechtsorganisationen wie AI sich ein Bild von der Lage in Darfur verschaffen können. AI hatte kurz zuvor in einem Bericht kritisiert, dass kaum jemand nach Darfur einreisen dürfe. Die Regierung versuchte daraufhin, diese Behauptung zu widerlegen. Schliesslich erhielt AI nicht nur die Erlaubnis, nach Darfur einzureisen, sondern konnte die Mission auch filmen.

E Wurden Sie von Regierungsrepräsentanten begleitet oder sind Sie alleine gereist?
F Wir waren insgesamt über eine Woche in Darfur. Zuvor hatten wir in Khartum während zwei Tagen RegierungsvertreterInnen getroffen. Die haben uns dann auch nach Darfur begleitet. Wir verbrachten die meiste Zeit in Westdarfur, da dort die meisten Menschen vertrieben und getötet werden. Die Grenze zum Tschad ist nahe, viele Vertriebene sind dorthin geflüchtet. Ausserdem haben wir Vertriebene in den Lagern interviewt und sind in den Städten Fällen nachgegangen, an denen AI arbeitet.

E Haben Sie sich manchmal bedroht gefühlt?
F Bedroht habe ich mich eigentlich nicht gefühlt. Ich hatte bald herausgefunden, dass die Männer, die mit Kalaschnikovs umhergehen und verschiedene Uniformen tragen, bis zu einem gewissen Grad staatlicher Kontrolle unterstehen. Auch an Ausgangssperren und Kontrollpunkte musste ich mich erst gewöhnen, aber dann fühlte ich mich ein wenig besser. Manchmal konnten wir nachts Schüsse hören, in Panik gerieten wir aber nie.

E Welche Verantwortung trägt die Regierung für die heutige Situation in Darfur?
F Die Spannungen zwischen Nomaden und den Bauern in Darfur bestehen schon seit langem. Plötzlich waren die nomadischen Stämme bewaffnet und haben, gemäss Berichten der Vertriebenen, die Bauerndörfer angegriffen, offensichtlich manchmal gemeinsam mit Polizei und Militär. In einigen Dörfern sind die Bodenkämpfe gemäss den Schilderungen von Militärhubschraubern aus der Luft unterstützt worden. Die Regierung ist für die Sicherheit ihrer Bürger verantwortlich. Trotzdem hat sie nichts unternommen, um Morde, Vertreibungen und Vergewaltigungen in einem derart grausamen Ausmass zu verhindern. Das kann der Regierung im für sie günstigsten Fall als Nichtbeachten und im schlimmsten Fall als Unterstützung der Gräueltaten angelastet werden. 

E Hat die Regierung etwas zur Beruhigung des Konfliktes getan?
F Die Regierung hat ein zusätzliches Polizeiaufgebot in die Region geschickt, um die «sicheren Zonen» abzuriegeln. Wegen des Misstrauens zwischen Regierung und Vertriebenen haben alle vermeintlichen Anstrengungen nicht dazu geführt, dass die Menschen in ihre Dörfer zurückkehren konnten. Die Regierung weigert sich, die Verantwortung für den Konflikt zu übernehmen.   

E Glauben Sie, dass die Zentralregierung auf die Resolution des Uno-Sicherheitsrats reagieren wird?
F Die Regierung hat deutlich gemacht, dass sie die Resolution akzeptieren wird, obwohl sie mit ihrem Inhalt nicht einverstanden ist. Ausserdem plant sie, sich den Forderungen der Uno anzunähern.

E Findet in Darfur ein ethnischer Konflikt statt?
F Es ist sehr schwer einzuschätzen, ob der Konflikt ethnische Gründe hat. Die Vertriebenen machen ihn auf jeden Fall an ethnischen Unterschieden fest. In einem Camp wollten Männer nicht mit unserer Übersetzerin zusammenarbeiten, weil sie eine hellere Hautfarbe und vielleicht eine arabische Herkunft hat. Tatsächlich scheinen ethnische Spannungen eine Rolle zu spielen: Sesshafte afrikanische Bauern und Bäuerinnen wurden vertrieben, vergewaltigt und getötet. Die nomadischen Stämme arabischen Ursprungs lassen nun ihr Vieh auf Land weiden, auf dem früher die Dörfer der Ackerbauern gestanden haben. Die AI-Mission konnte Aussagen, gemäss denen Milizen auch Nomadengemeinden angegriffen haben, nicht verifizieren. Ein Journalist hat Angriffe auf einen arabischen Stamm beobachtet – aber er meinte, dass der Stamm angegriffen wurde, weil er sich nicht an den Überfällen auf die Dörfer beteiligt habe. Das ist wie in Ruanda, wo während des Völkermords auch gemässigte Hutu umgebracht wurden.


E Sind Sie in Darfur Zeuge eines Völkermordes geworden?
F Ob in Darfur ein Völkermord stattfindet, untersucht gegenwärtig ein unabhängiger Untersuchungsausschuss der Uno. Es gibt keine genauen Angaben, wie viele Menschen getötet wurden. Die Regierung bemühte sich während der Mission auch nicht, eine Liste der Opfer zu erstellen. Delegationen, die Darfur nur für eine begrenze Zeit besuchen dürfen und ohne forensisches Fachwissen vorgehen, können niemals das volle Ausmass dessen, was in Darfur geschieht, erfassen. Es braucht den Untersuchungsausschuss, der sich des Problems mit gründlichen Recherchen annehmen und die gesetzlichen Konsequenzen ziehen kann.

E Welche Position hat die Regierung gegenüber der Afrikanischen Union (AU)?
F Die sudanesische Regierung zieht die AU der Uno bei der Krisenbewältigung in Darfur vor, weil sie ihr mehr vertraut. Auch die Uno-Resolution sieht die AU als zentralen Akteur bei der Lösung des Konflikts vor, obwohl die AU wenig Ressourcen hat. Die afrikanischen Regierungen werden im Verbund der Afrikanischen Union entscheidend zur Bewältigung der Krise beitragen.    

Von Kathrin Friedrich und Anne Kunze

Kathrin Friedrich und Anne Kunze arbeiteten in der Abteilung Öffentlichkeit der deutschen Sektion von Amnesty International.


Erschienen in «AMNESTIE!» vom November 2004
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion