Honduras Jung, rechtlos, tot

Chancenlosigkeit treibt in Zentralamerika Jugendliche in kriminelle Banden. Morde an Bandenmitgliedern und Strassenkindern sind in Honduras gesellschaftlich toleriert. Unter dem kriegsartigen Konflikt leiden Unbeteiligte.


Der 15-jährige Junior Lopez verblutete mit fünf Kugeln im Rücken, sein 14-jähriger Freund Belsin Rivero erhielt drei Schüsse in den Bauch und starb an einem Kopfschuss aus nächster Nähe. Beide hatten bereits Jahre auf der Strasse gelebt, als am helllichten Tag eine Gruppe Männer sie durch die Stadt jagte und sie vor der Friedhofsmauer ermordete.

Armut, eine überforderte alleinerziehende Mutter, ein prügelnder Stiefvater – irgendwann ziehen Kinder das Leben auf der Strasse vor. Ihre Einsamkeit mildern sie, indem sie sich mit anderen Kindern zusammenschliessen. Überlebensnotwendige Kleinkriminalität ergänzt die Gelegenheitsjobs. Teilweise werden sie von Erwachsenen, darunter auch – beispielsweise in Bolivien – Polizisten, gezwungen, in deren Auftrag zu klauen. Die Geschädigten sind oft arme Kleinhändler. Häufig greifen diese zur Selbstjustiz: Über Lynchmorde an Jugendlichen und gezielte Tötung von Strassenkindern wird aus ganz Lateinamerika berichtet. Doch in keinem Land ist die Todesrate so hoch wie in Honduras: Über 2300 Morde an unter 23-Jährigen seit 1998 nennt das neueste AI-Update vom September 2004 zu aussergerichtlichen Hinrichtungen an Kindern und Jugendlichen.

Maras

Grund sind unter anderem die Maras. Die länderübergreifenden Streetgang-Netzwerke mit mehreren 10000 Mitgliedern bilden im Kern der Organisation mafiose Strukturen. Überfälle, räuberische Erpressung, Morde und Vergewaltigungen gehen auf ihr Konto. Rivalitäten um Territorien, Drogenhandel etc. tragen sie bewaffnet aus. Um in die Führung aufzusteigen, muss ein Gangmitglied Mitglieder einer gegnerischen Mara oder eine Zivilperson getötet haben. Entstanden sind die Maras in den Städten der USA, als sich während der Bürgerkriege der 1980er-Jahre MigrantInnen aus Zentralamerika gegen Banden anderer ethnischer Gruppen zur Wehr setzten. In den 90ern deportierten die USA die Bandenmitglieder in ihre Heimatländer.

In El Salvador stammen gemäss einer Universitätsstudie 83 Prozent der Mara-Mitglieder aus den ärmsten Schichten, 73 Prozent sind ohne Vater aufgewachsen. Die meisten Mareros sind zwischen 16 und 21 Jahre alt. Sie sind nicht Strassenkinder im eingangs beschriebenen Sinn. Sie «müssten nur des Essens oder der Unterkunft wegen keineswegs kriminell werden», stellt Peter Peetz in einer Studie des Instituts für Iberoamerika-Kunde in Hamburg fest. Vielmehr sei Beschaffungskriminalität die Triebfeder.

Jobs vernichtet

Und doch haben Strassenkinder und das Bandenwesen die gleichen strukturellen Wurzeln: Die neoliberale Öffnung der Märkte vernichtet so viele Jobs, dass zahllose Jugendliche keine Chance in der legalen Wirtschaft haben. Der Eintritt in eine Mara bietet dagegen eine Möglichkeit sozialer Integration. Ausdruck findet dies in Sprache, Kleidung, Haartracht sowie Tätowierung als Mittel provokativer Abgrenzung. Zudem sind Waffen massenhaft verfügbar: Jede Person über 16 Jahren darf bis zu fünf Feuerwaffen besitzen – angeblich zwecks Verteidigung gegen Maras.
In Honduras beträgt nach Angaben des Sicherheitsbeauftragten des Präsidenten die durchschnittliche Überlebensdauer eines Mareros drei Jahre. Ein Grund ist der Krieg zwischen den Maras «18» und «Salvatrucha». Zudem ist die staatliche Politik der harten Hand populär, da sich Mara-Verbrechen immer wieder gegen BewohnerInnen armer Stadtteile richten. Wer in Honduras eine Tätowierung trägt, ist deshalb vogelfrei. Im August 2003 trat ein Gesetz in Kraft, das allein schon die Mitgliedschaft in einer Jugendbande unter Strafe stellt.

Sehnsucht

Dabei stellt die NGO Casa Alianza fest, dass nur eine Minderheit der Mareros gefährlich sei. Viele suchen einen Weg, aus der Bande auszusteigen, was angesichts des faschistoiden Ehrenkodex’ lebensgefährlich ist. In Honduras hat die katholische Kirche 12000 Jugendlichen geholfen, die Tätowierungen zu entfernen und sich aus den Banden zurückzuziehen. Eine Umfrage ergab, dass sich 87 Prozent der Mareros eigentlich ein ruhiges Leben wünschen. Zudem gibt es in Honduras gemäss Kindernothilfe rund 8000 Strassenkinder, die nicht in Maras eingebunden sind. «Sie kommen zwischen die Fronten und sind Opfer der Repression, die sich gegen die Banden richtet», erklärt Jürgen Schübelin von der Kindernothilfe Deutschland. In ihrem Bericht über die Morde an Jugendlichen zitiert die Uno-Sonderberichterstatterin Asma Jahangir honduranische Strassenkinder: «Alle sagten sie: Wir wollen in die Schule gehen und lernen. Und wir wollen dieses trostlose Leben hinter uns lassen und in Frieden, ohne Angst vor dem Tod, aufwachsen dürfen.»

Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Teilweise nennt die katholische Kirche fast die dreifache Zahl an Opfern wie Casa Alianza, auf deren Daten AI sich stützt. Dabei macht die Regierung für 76 Prozent der Morde Privatpersonen – vor allem Bandenmitglieder – verantwortlich. Casa Alianza schreibt dagegen nur 14 Prozent der Morde Banden zu. «Viele Morde privater und staatlicher Sicherheitskräfte werden Maras angelastet», erklärt Schübelin. Peetz schätzt, dass für 63 Prozent der Morde Todesschwadrone verantwortlich sind.

Mordende Polizisten

Immerhin gesteht die Regierung ein, dass in 24 Prozent der Morde Behördenmitglieder, darunter 32 Polizisten, verwickelt seien. Diese haben öffentlichen Rückhalt: Als im vergangenen Mai 104 inhaftierte Mitglieder der Mara «Salvatrucha» bei einem Brand ums Leben kamen, weil die Gefängniswärter die Zellen nicht aufschlossen, wurde Andrés Pavon, Vorsitzender der honduranischen Menschenrechtsorganisation, im staatlichen Radio mit dem Tod bedroht. Im staatlichen Fernsehen wurde vorgeschlagen, nahe Verwandte von ihm zu töten: Er hatte es gewagt, Aufklärung zu fordern.
Zwar hat die Regierung – vor dem Hintergrund, dass Honduras von 2004 bis 2006 in der Uno-Menschenrechtskommission Einsitz nimmt – verbal die Verantwortung für die Aufklärung der Morde übernommen. Auch wurde bereits im März 2002 eine staatliche Spezialeinheit zur Aufklärung der Kindermorde gegründet. Die Bilanz ist niederschmetternd: In 3 Prozent der Fälle wurde ein Verfahren eröffnet. Es kam zu 3 Urteilen (Aufklärungsrate: 0,13 Prozent). Jene 50 Fälle, in die gemäss Casa Alianza Polizisten involviert sind, blieben ohne Urteil.

Seit Jahren verharren die Kaffeepreise auf tiefstem Niveau. Jobs sind rar. Die kriminellen Netzwerke haben bei den wirtschaftlich chancenlosen Jugendlichen ein unerschöpfliches Rekrutierungsfeld. Zugleich ist die Bedrohung durch Banden Rechtfertigung für einen die Menschenrechte missachtenden Staatsapparat. Auch wenn die Kombatanten teilweise versteckt agieren, ist klar: Wie im Krieg leidet vor allem die unbeteiligte Bevölkerung – beispielsweise Kinder wie Junior und Belsin.   


Von Daniel Haller


Erschienen in «AMNESTIE !» vom November 2004
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion