Kindersoldaten Kalaschnikows statt Schulbücher

Emmanuel Jal war sieben Jahre alt, als er von SPLA-Vertretern ausseinem Dorf im Südsudan in ein militärisches Ausbildungslagergebracht wurde. Als elfjähriger Kindersoldat kämpfte er mit einer Kalaschnikow in der Hand gegen Panzer. Wie durch ein Wunder hat Emmanuel Jal diese Hölle überlebt.


Drei bis vier Mal pro Monat träume er noch, sagt Emmanuel Jal. Immer den gleichen Traum: Ein Kampfflugzeug, das grösser und grösser wird und eine grosse Bombe abwirft. Dann wacht er auf, tastet um sich und weiss, dass alles in Ordnung ist. Er liegt im Bett, rennt nicht mehr auf dem Schlachtfeld um sein Leben. Vor vier, fünf Jahren war es noch viel schlimmer, «da kamen die Träume viel häufiger».

Als Emmanuel Jal 1980 in Tony in der Provinz Bahr El Ghazal im Südsudan zur Welt kam, stand das Land kurz vor einem neuen Bürgerkrieg. 1983 erhob sich die Sudan Peoples’ Liberation Army (SPLA) gegen die Zentralregierung in Khartum. Damals wechselte Emmanuel Jals Vater die Fronten: Der ehemalige Polizist in Diensten der Regierung wurde Kommandant in John Garangs Befreiungsarmee. Jals Mutter starb, bevor er sieben Jahre alt war.
Deshalb hat ihn niemand geschützt und versteckt, als Vertreter der SPLA ins Dorf kamen, um Kinder zu rekrutieren. «Sie versprachen, uns in eine gute Schule zu bringen», erinnert sich Jal. Gelandet sind er und Zehntausende weiterer Kinder im Alter zwischen 5 und 15 Jahren in einem Militärlager jenseits der Grenze in Äthiopien. Die über tausend Kilometer lange Strecke dorthin mussten sie grösstenteils zu Fuss zurücklegen. Viele Kinder sind unterwegs gestorben.

Ins Militärlager

«Am Anfang hatten wir tatsächlich Unterricht» erinnert sich Jal. Den Kindern wurde vor allem Englisch beigebracht, denn viele verstanden sich gegenseitig nicht, weil sie aus verschiedenen Regionen des Sudans stammten. Nach wenigen Monaten wurde Jal aber in ein militärisches Ausbildungscamp gebracht, wo er eine sechsmonatige Ausbildung erhielt. Geübt wurde mit Holzgewehren. «Wir waren richtig stolz, als wir schliesslich eine richtige AK-47 erhielten», sagt Jal. Die Kalaschnikow war grösser als er selbst.
Benutzt hat er sie das erste Mal, als die Kindersoldaten das Regime des äthiopischen Diktators Mengistu Haile Mariam im Kampf gegen die Befreiungsbewegungen unterstützen sollten. Als Mengistu 1991 gestürzt wurde, musste die SPLA ihre Stützpunkte in Äthiopien verlassen und ging zurück in den Sudan.

Horrorbilder

Während rund 30000 Kindersoldaten die Gelegenheit nutzten und auf einem entbehrungsreichen Marsch nach Kenia flüchteten – nur rund die Hälfte hat das Flüchtlingslager Kakuma in Nordkenia erreicht –, wurde Emmanuel Jal mit anderen Kindersoldaten nach Juba verlegt. Im Kampf um die wichtige Provinzhauptstadt wurden die Kindersoldaten – die Rote Armee, wie sie genannt wurden – jeweils zuerst in den Kampf geschickt. Sie waren Kanonenfutter in einem aussichtslosen Kampf mit Kalaschnikows gegen Panzer. Die Kinder sind wild um sich schiessend losgerannt. Angst hätten sie keine gehabt, oder jedenfalls keine gezeigt. «Kinder wissen nicht, was es bedeutet, wenn sie getroffen werden. Sie können sich nicht vorstellen, nicht mehr zu leben», erklärt Jal. Damals war er elf.
Wenn er erzählt, wie Kinderköpfe von Panzerraupen zerquetscht wurden und «platzten wie Bomben», verliert sich sein trauriger Blick in der Ferne. Diese Bilder, das spürt man, werden ihn nie mehr los lassen. Aber einen Moment später lacht er wieder: «Manchmal bin ich einfach in den Fluss gesprungen, dort war ich am sichersten.»

Für die Freiheit

Missbraucht fühlt er sich nicht von den Rebellen. Die Kindersoldaten waren überzeugt, dass sie für die Freiheit kämpften. «Wir Kinder haben ja in den Dörfern gesehen, was die arabischen Reitermilizen und die Regierungstruppen angerichtet haben», erklärt er. Die Frauen wurden missbraucht und getötet, Brüder und Schwestern als Sklaven und Sklavinnen in den Norden verschleppt, die Rinderherden gestohlen.

1992 ist er, zusammen mit rund 400 anderen Kindersoldaten, desertiert. «Wegen der Schule», wie er betont. Es hatte sich herumgesprochen, dass viele der nach Kenia geflüchteten Kinder dort oder in den USA in die Schule gehen konnten. Das war auch sein sehnlichster Wunsch.
Drei Monate waren sie unterwegs, ohne Nahrung, mit wenig Wasser. Sie gerieten in Minenfelder, wurden von wilden Tieren angefallen, kamen unter Beschuss durch gegnerische Truppen. Gegessen haben sie, was sie finden konnten: Blätter, Schnecken, Geier. Einzelne assen in ihrer Not das Fleisch von toten Kameraden, andere nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.

Die wunderbare Wolke

Als sie wieder einmal jede Hoffnung aufgegeben hatten, Wasser zu finden, liessen sie sich unter einem grossen Baum nieder. «Wir waren völlig entkräftet und bereiteten uns darauf vor, hier zu sterben», erzählt Jal. Er hat gebetet, wie immer, wenn er nicht mehr weiterwusste, hat Gott gebeten, ihnen Wasser zu schicken. «Da bildete sich über diesem Baum eine Wolke und es hat geregnet. Nur hundert Meter weiter war es staubtrocken», erinnert sich Jal. Er sei nur dank Gottes Hilfe dieser Hölle entkommen, ist er überzeugt.

In Waat, einem Dorf im Südsudan, trafen sie durch einen glücklichen Zufall auf die Engländerin Emma McCune, die hier humanitäre Hilfe leistete. Von den ursprünglich 400 geflüchteten Kindersoldaten lebten noch 16. McCune brachte Jal mit Hilfe von Freunden nach Kenia. Hier ging sein Wunsch endlich in Erfüllung. Er hat Primar- und Sekundarschule nachgeholt. Jetzt ist er auf der Suche nach einem Stipendium, um an die High School oder an die Universität gehen zu können – am liebsten in England. Er träumt davon, ein Studium als Elektroingenieur zu absolvieren.
In Kenia hat er auch die Musik entdeckt, Songs geschrieben und eine CD produziert. Die Musik ist seine Botschaft, mit der er gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten kämpft und dafür, dass mehr ehemalige Kindersoldaten eine Schule besuchen können, wie er. «Der Rap», sagt er, «tut meiner Seele gut.» Er beruhigt und hilft, die Träume, die ihn nicht mehr loslassen, zu verscheuchen.          
Von Jürg Keller

Erschienen in «AMNESTIE !» vom November 2004
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion