Sudan Macht aus Gewehr läufen

Der Konflikt in Darfur rüttelt die Welt auf, aber jenseits des humanitären Dramas offenbart er die strukturellen Probleme des gesamten Sudan.


Das riesige Bergmassiv von Jebel Marra im Westen des Sudan, mit dem gleichnamigen erloschenen Vulkan im Mittelpunkt, war früher für seine Zitrusfrüchte berühmt. «Wohl die landwirtschaftlich reichste Region ganz Ostafrikas», erinnert sich Andrew Natsios, hochrangiger Leiter der US-Entwicklungshilfsbehörde USAID. Heute leben die Bauern von Jebel Marra im Elend, ausgebombt im eigenen Land, und die Region ist eine Hochburg der Darfur-Rebellenorganisation «Sudan Liberation Army» (SLA). Zerlumpte Kindersoldaten der Rebellen mit altertümlichen Kalaschnikow-Geweh-ren bewachen die Zugänge zu den abgeschirmten Regionen, in denen mittellose Menschen ohne jede Zufuhr von Versorgung in zerstörten Dörfern dahinvegetieren. Dies ist die Kernregion des Darfur-Konfliktes. Uno-Organisationen bezeichnen ihn als derzeit schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt.

Organisierte Vertreibung

Der Krieg zwischen der sudanesischen Zentralregierung und zwei gut organisierten Rebellenorganisationen in Darfur brach im Februar 2003 aus, als in einer Blitzaktion die Hauptstadt der Provinz Nord-Darfur, El Fasher, kurzzeitig von den Aufständischen besetzt wurde. Die SLA und die «Justice and Equality Movement» (JEM) forderten Autonomie für die vernachlässigte Region. Die Regierung schlug brutal zurück: Armee und Luftwaffe starteten einen rücksichtslosen Krieg gegen die Rebellen und ihre vermuteten zivilen Unterstützer. Regierungstreue Milizen, die so genannten Janjawid («mit Gewehren bewaffnete Reiter»), fielen über die Dörfer der drei rebellierenden Ethnien der Zaghawa, Fur und Massalit her.

Was als Krieg zur Zerschlagung von Rebellen begann, wurde schnell zur organisierten Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen. Menschenrechtsorganisationen haben detailliert nachgewiesen, dass die «arabischen» Milizen gezielt die drei genannten «afrikanischen» Ethnien von ihrem Land verjagten, ihre Dörfer anzündeten und plünderten sowie Vieh und Ernten stahlen. Die geflohenen Menschen, die sämtliche Habe verloren haben, sammeln sich nun in international versorgten Vertriebenenlagern, während das frei-
gewordene Land den Milizen und deren ethnischen Gruppen zur Verfügung steht. Nach US-Recherchen sind in Darfur 574 Ortschaften komplett und 157 zum Teil zerstört worden.

Unzulängliches System

Wie in allen solchen Konflikten wird eine Rollenverteilung in Opfer und Täter nach ethnischen oder politischen Gesichtspunkten der Wirklichkeit nur unvollständig gerecht.
Araber gegen Afrikaner, Nomaden gegen Bauern, Anhänger der Zentralregierung gegen ihre Feinde – all dies ist jeweils nur ein Teil der Wirklichkeit. Der Krieg in Darfur hat ebenso wie der jahrzehntealte Konflikt im Süden des Landes seine Ursachen in den Unzulänglichkeiten des sudanesischen politischen Systems. Dieses lässt eine gerechte Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen und Regionen an den Entscheidungen über ihr Lebensumfeld nicht zu.
Wie überall im Sudan erschreckt in Darfur vor allem die Gleichgültigkeit, mit der die Machthaber es hinnehmen, dass Millionen von Menschen ins Elend stürzen. An einer selbstbestimmten Entwicklung der Bevölkerung waren die sudanesischen Machthaber noch nie interessiert. In Darfur wurden die traditionellen informellen Herrschaftsstrukturen jahrzehntelang vom Staat zerschlagen oder mit Günstlingen einer neureichen Elite besetzt, die sich nicht um die Lebensgrundlagen der Bauern- und Hirtenvölker kümmert.

Lokale Konflikte um Acker- und Weideland, um Zugang zu Wasserquellen und Märkten und um die Besetzung politischer Ämter wurden somit verschärft. Hinzu kommt, dass die sudanesische Armee ihre Soldaten jahrzehntelang hauptsächlich in Darfur rekrutierte, um im Süden des Landes einen der brutal-
sten Kriege Afrikas zu führen. Gleichzeitig war die Grenzregion das Rückzugsgebiet für die Kriegsparteien des Nachbarlandes Tschad. Gegen Ende der 90er-Jahre galt Darfur als Hochburg von Waffenschmugglern und Banditen.

Garang will regieren

Der Ausbruch des Krieges hängt unmittelbar mit der Entwicklung des gesamten Sudans zusammen. Im Juli 2002 schlossen die Regierung von Präsident Omar al-Bashir und die Rebellenorganisation des Südens, die «Sudan People’s Liberation Army» (SPLA), ein historisches Rahmenabkommen für einen künftigen Friedensvertrag ab, das von einem Waffenstillstand begleitet wurde.

Nach Unterzeichnung eines endgültigen Friedensvertrages soll demnach die SPLA den Südsudan sechs Jahre lang autonom regieren. Ihr Führer John Garang soll zugleich zum Vizepräsident des gesamten Landes ernannt werden. Anschliessend ist ein Unabhängigkeitsreferendum für den Süden vorgesehen. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Garang vor allem daran interessiert ist, den ganzen Staat innerhalb eines föderalen Systems zu regieren. Kein Zufall also, dass nur wenige Monate nach dem Waffenstillstand der Krieg nach Darfur verlagert wurde: Nach dem Süden, so das Kalkül der Rebellen, soll auch der Westen autonom sein können. Und – wer weiss – danach auch Teile des Ost- und des Zentralsudans.
Die SPLA sieht sich als Avantgarde der Unzufriedenen in allen Teilen des flächenmässig grössten afrikanischen Landes und als einzige Kraft, die anschliessend die vielen auseinander strebenden Teile des Sudan wieder zusammenfügen kann. So dient die Rebellenorganisation SLA in Darfur als eine Art Tochtergesellschaft der SPLA im Süden, die nun von den Regierungssoldaten be-kämpft wird. 

«Dritte Kraft»

Gerade das macht die Sache kompliziert. Die Darfur-Soldaten in der Regierungsarmee sind einer Autonomie für ihre Region nicht unbedingt abgeneigt, weshalb in der Hauptstadt Khartum die Einschätzung vorherrscht, der Krieg in der Region sei ein Stellvertreterkrieg zwischen rivalisierenden Militärs. Die brutalen Janjawid-Milizen sind demnach eine Art «dritte Kraft» der Regierung, die der eigenen Armee nicht ganz über den Weg traut.
Hinzu kommt, dass die zweite Rebellenbewegung JEM eine andere Ausrichtung hat als die SLA: Ihre Führung stammt aus den Kreisen nordsudanesischer Islamisten. Deren Führer Hassan al-Turabi, jahrelang die «graue Eminenz» des Regimes in Khartum, steht mittlerweile unter Hausarrest, und seine Partei «People’s Congress» wird verfolgt.

Umfassender Frieden?

Eine Lösung der Krise in Darfur ist daher nicht von Veränderungen im politischen Machtgefüge des gesamten Landes zu trennen. Jenseits der Sonderregelung für den Südsudan muss es eine Regelung für die Autonomie aller Landesteile des Sudan geben, wenn eine Kette von Nachahmerkriegen vermieden werden soll. Solange der Krieg in Darfur nicht beigelegt ist, bleibt der Frieden in Sudan wertlos. Pünktlich zu den neu aufgenommenen Verhandlungen zwischen Regierung und SPLA Anfang Oktober sprachen die Rebellen dies noch einmal deutlich aus: Die Regierung habe die Wahl zwischen umfassendem Frieden oder umfassendem Krieg.
Zudem müssen lokale Konflikte auch lokal bewältigt werden können. Schon heute ist im Süden zu erkennen, dass viele SPLA-Kader zunächst ihre neue Machtfülle auskosten wollen, anstatt die selbstbestimmte Entwicklung politischer Basisinstitutionen zuzulassen. In Darfur, wo die Erinnerung an früher funktionierende traditionelle Institutionen langsam durch die Erfahrung des gegenwärtigen Horrors verdrängt wird, ist ebenfalls zu befürchten, dass die Macht
zunehmend aus den Gewehrläufen kommen wird. Konflikte können so auf Dauer nicht gelöst werden.

Der Uno-Sonderbeauftragte Jan Pronk stellte vor dem Sicherheitsrat drei Bedingungen für einen dauerhaften Frieden im Sudan auf, die vor allem auch für die westliche Region gelten: Das Land braucht eine Regierung, die ihre Bevölkerung vor Gewalt schützt; die Institutionen des Landes müssen die bestehende Vielfalt des Landes widerspiegeln; und die Wirtschaftspolitik muss auf einer fairen Verteilung von Ressourcen und Wohlstand basieren. Es klingt nach einer Auflistung von Selbstverständlichkeiten. Aber für den Sudan wäre dies eine Revolution.        

Dominic Johnson

Dominic Johnson ist Auslandsredaktor der «tageszeitung» in Berlin.



Erschienen in «AMNESTIE!» vom November 2004
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion