Sudan Verteilkämpfe um Ölreichtum

Die Konflikte im Sudan haben zum Teil historische Wurzeln:Die britischen Kolonialherren bevorzugten die Bevölkerung im Norden gegenüber den Stämmen im Süden. Seit im Süden des riesigen Landes Öl gefunden wurde, kämpfen die Regionen um ihren Anteil am Ölreichtum.


«In der Region zeigt sich ein charakteristisches Muster von Plünderungen lokaler Viehbestände, verbunden mit Bedrohung und Einschüchterung der Zivilbevölkerung», stellt das US-Beobachtungsteam zum Schutz der Zivilbevölkerung (Civilian Protection Monitoring Team) im Sudan fest. Das Zitat bezieht sich nicht auf Darfur, das zurzeit in allen Medien in den Schlagzeilen ist. Doch der Zyklus sich wiederholender Konfliktmuster ist augenfällig. So gemäss dem US-amerikanischen «Monitoring Team» auch in Malakal, in der Provinz Oberer Nil im Südsudan.

Während die Details des Nord-Süd-Friedensplans ausgearbeitet werden, flammt in dieser ölreichen Gegend bereits ein neuer Konflikt auf. Ausgelöst wurde er dadurch, dass ein Militärkommandant der Regierungsarmee zur Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) übergelaufen ist. Damit ist die Rolle der Regierung in dieser Region in Frage gestellt und es ist unklar, ob die Machthaber in Karthum oder die militante SPLA eine eindeutige Vormachtstellung besitzen.

Historische Wurzeln

Bereits in präkolonialer Zeit behandelte der arabisch-muslimische Norden den von zahlreichen verschiedenen Volksgruppen bewohnten Süden als Hinterland, als Quelle von Rohstoffen und SklavInnen. «Die spätere britische Kolonialherrschaft von 1899 – 1947 milderte dieses Machtgefälle nicht», erklärt Liz Hodgkin die historischen Wurzeln der andauernden Konflikte. Hodgkin ist Sudanspezialistin bei Amnesty International (AI) und hat im vergangenen September an der AI-Untersuchungsdelegation in den Sudan teilgenommen.

Während sich das Zentrum um Karthum dank britischer Förderung entwickelte und Nordsudanesen in Militär- und Verwaltungspositionen eingesetzt wurden, erhielt der Süden eine Sonderbehandlung. Mit der von England diktierten «Southern Policy» sollten lokale Stammesgesetze und -bräuche die lokale Machtstruktur bestimmen, was die strukturellen Unterschiede zum relativ uniformen Regierungssystem des Nordens nur noch verstärkte. Der Versuch zur Schaffung eines unbewohnten Niemandslandes zwischen Nord und Süd bildete den Höhepunkt dieser Bestrebungen. Die westliche und östliche Peripherie des Landes blieben bei diesen Bemühungen weitgehend unbeachtet. Dementsprechend diskriminiert, wirtschaftlich benachteiligt und bevormundet fühlte sich die dortige Bevölkerung.

Dominanz des Nordens

Der rapide Übergang in die Unabhängigkeit von 1947 brachte Vertreter des Nordsudan in die Positionen der ehemaligen Kolonialherren. Koordiniert durch eine so genannte Sudanisierungskommission übernahmen die Söhne der früheren Sklavenhändler plötzlich die Machtpositionen im Sudan, was 1955 zu ersten Aufständen im Süden und zum Aufflammen des seit Jahrzehnten andauernden Bürgerkriegs zwischen Nord- und Südsudan führte. «Der Sudan hat eine lange Geschichte im Kampf um die Freiheit», so Hodgkin. «Der Diktator Abbud wurde 1964 durch Massenproteste gestürzt, doch die folgende Periode der Demokratie – wie spätere auch – konnte sich nicht durchsetzen.»

Durch den Addis-Abeba-Friedensvertrag von 1972 erlangte der Süden vorübergehend einen gewissen Autonomiestatus mit regionalen Verwaltungsrechten. Dies jedoch «mit einem Vorbehalt der Zentralregierung für den Fall, dass Rohstoffe entdeckt würden», erklärt Hodgkin.

Ölfunde im Süden

Als 1978 in Bentiu in der Provinz Oberer Nil erstmals Erdöl entdeckt wurde, versuchte die Zentralregierung, grenznahe Ölquellen dem eigenen Hoheitsgebiet zuzuschlagen. Ein zweiter Bürgerkrieg zwischen der Regierung und der neu formierten Unabhängigkeitsbewegung SPLM (Sudanesische Volksbefreiungsbewegung) und deren militärischem Flügel SPLA unter John Garang brach aus. Im Verlauf des Bürgerkrieges entstanden zahlreiche regionale Konflikte. Eine Spaltung der SPLA Anfang der 90er-Jahre riss tiefe Gräben zwischen den verschiedenen Volksgruppen auf.

Der erste Export von Rohöl aus dem Sudan im Jahre 1999 stellte einen Wendepunkt dar: Öl wurde zum Hauptgrund der Konflikte. Zur Durchsetzung ihrer ökonomischen Vormachtstellung rekrutierte die Zentralregierung in Karthum die Muraheleen als Reitermilizen. «Die Regierung machte sich dabei ganz gezielt bestehende Konflikte zwischen arabischen Rindernomaden und den Sesshaften des Südens zu Nutze», erläutert Hodgkin. Deren Verhältnis sei aufgrund von jährlich wiederkehrenden Auseinandersetzungen um Weiderechte schon lange angespannt gewesen. Dieser Stellvertreterkrieg gegen Zivilbevölkerung und Rebellen der SPLA hat zu schwersten Menschenrechtsverletzungen geführt. Der Erlös des schwarzen Goldes floss in Waffenkäufe durch die Regierung.

Zwei Diktatoren

Die Friedensverhandlungen zwischen der SPLA und der Regierung in Karthum machten in den letzten Monaten Fortschritte. Doch die Gespräche zwischen Nord und Süd beziehen andere bewaffnete Auseinandersetzungen in diesem Land von der Grösse Westeuropas viel zu wenig mit ein. Beide Konfliktparteien beanspruchen die erdölreichen Gebiete im Zentralsudan für sich: Die nubischen Berge sowie die Regionen Abyei und Southern Blue Nile. Diese Ansprüche auf Macht und Reichtum gefährden die Friedensverhandlungen.

«Der Bürgerkrieg im Sudan ist national», schreibt die Nichtregierungsorganisation «International Crisis Group» (ICG) in Brüssel. Friedensbemühungen zögen folglich politische Veränderungen im gesamten Land nach sich. «Bleibt diese Dynamik in einer einseitigen Nord-Süd-Betrachtung unbeachtet, gefährdet das hohe Konfliktpotenzial in den peripheren Landesteilen die Friedensverhandlungen», warnte die ICG schon vor einem Jahr. Nicht nur Ost- und Westsudan fürchten, bei den Verhandlungen zwischen Staatschef Omar al-Bashir und SPLA-Chef John Garang die Betrogenen und Vergessenen gegenüber einer kleinen, wohlhabenden Elite im Norden zu bleiben: «Die Friedensverhandlungen sind Verhandlungen zwischen zwei Diktatoren: Garang und al-Bashir.» Dies ist gemäss Liz Hodgkin der Eindruck vieler Nord- und Südsudanesen.
Amnesty International fordert ein umfassendes Friedensabkommen unter besonderem Einbezug der vernachlässigten Gruppen: die arme Zivilbevölkerung sowie die Opposition gegen die Zentralregierung im Norden, die südlichen Gruppen ausserhalb der SPLA sowie die Rebellengruppen in Darfur und im Osten des Landes. Hodgkin verlangt zudem: «Die Menschenrechte müssen als Basis aller Friedensbemühungen anerkannt werden.»

Droht weiteres Darfur?

«Eigentlich fordern die benachteiligten Gebiete nur Schutz vor Diskriminierung», sagt Hodgkin, «mehr Schulen, Spitäler, eine gerechte Teilhabe an Wirtschaftsprozessen und den Schutz vor Nomadenangriffen.» In der Region am Roten Meer bahnt sich vielleicht ein weiteres Darfur an. Das Nomadenvolk der Beja lebt in einem an Bodenschätzen reichen Gebiet. Doch das in Port Sudan durch den Hafen, die Ölpipeline und die Ölraffinerie gewonnene Geld wird von Khartum eingezogen und in die Kriegsmaschinerie investiert. Unter weitgehendem Ausschluss der Weltöffentlichkeit liefern sich Beja-Rebellen und
Regierungstruppen immer wieder blutige Auseinandersetzungen. Wie die Rebellen in Darfur versuchten auch sie sich im Friedensprozess Gehör zu verschaffen – bisher vergeblich.   

Von Christa Dold


Erschienen in «AMNESTIE!» vom November 2004
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion