Kolumbien Weibliche Körper als Kriegsterritorium

Im Rahmen ihrer laufenden Kampagne gegen Gewalt an Frauen hat Amnesty International einen Bericht über die Situation von Frauen im kolumbianischen Bürgerkrieg veröffentlicht. Das Fazit ist erschütternd – fast drei von vier Frauen sind von Gewalt betroffen.


Das Schicksal von Rina Bolaño ist  eine Ausnahme – nicht wegen seiner Tragik, sondern weil es publik wurde. Am 12. August 2003 wurde die Bakteriologin, die im Norden des Landes für ein Gesundheitsprogramm mit indigenen Gemeinden arbeitete, von der FARC-Guerilla entführt, misshandelt und zweimal vergewaltigt.
Als sie nach zwei Wochen freigelassen wurde, wagte sie es, Anzeige zu erstatten und in der Öffentlichkeit über das Erlebte zu berichten.
Mit schweren Folgen: Am 12. September wurde Rina Bolaño gerichtlich angeklagt, die Guerilla unterstützt zu haben. Ihr Entführer hatte nämlich in der Zwischenzeit in den eigenen Reihen die Unterstützung verloren, sich der Armee gestellt und sein ehemaliges Opfer der Kollaboration bezichtigt. Als er wieder in die Armee eingegliedert wurde, musste Bolaño über einen Monat im Gefängnis verbringen. Erst im August 2004 wurde sie durch die Generalstaatsanwaltschaft von der Anklage entlastet – bezüglich der eingereichten Anzeige wegen Vergewaltigung hat sich bisher jedoch nichts getan.

«Dank Bolaños mutigem Schritt an die Öffentlichkeit ist das Thema Gewalt gegen Frauen für einmal thematisiert worden», sagt Marta Fotsch, Kolumbien-Expertin bei der Schweizer Sektion von Amnesty International (AI). Der Fall zeigt aber auch, wie schnell eine Frau in Kolumbien vom Opfer zur Täterin gemacht werden kann, wenn sie sich zu wehren versucht. Marta Fotsch lernte Rina Bolaño kennen, als sie Ende 2003 und im vergangenen April eine AI-Expertin für Genderfragen auf zwei Untersuchungsreisen begleitete. Die Gespräche mit Überlebenden seien nicht leicht gewesen, meint Fotsch: «Aus Angst vor Stigmatisierung und Drohungen sind nur wenige Frauen bereit zu sprechen – geschweige denn, Anzeige zu erstatten.» Trotzdem konnte Amnesty International die Ergebnisse am 13. Oktober in Bogotá in Form eines neuen Berichts vorstellen.

Enführt und vergewaltigt

«In Kolumbien ist der Körper einer Frau Territorium, um das die Kriegsparteien kämpfen», beginnt das erschütternde Dokument mit Titel «Scarred bodies, hidden crimes». Schon im Jahr 2000 hatte der Bericht über menschliche Entwicklung des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP festgestellt, dass in Kolumbien 60 bis 70 Prozent aller Frauen Opfer von Gewalt werden. Laut Amnesty International bildet die in der Gesellschaft verbreitete geschlechtsspezifische Diskriminierung von Frauen den Nährboden für sexuelle Gewalt als Waffe im 40-jährigen Bürgerkrieg. Die Mehrzahl solcher Fälle gehe auf das Konto der Paramilitärs und der mit ihnen verbündeten Sicherheitskräfte. So vergewaltigen Paramilitärs oft Frauen und Mädchen in Gemeinden, die sie der Kollaboration mit der Guerilla bezichtigen.

Intimsphäre verletzt

Aber auch die Guerilla wendet sexuelle Gewalt an, etwa bei Entfüh-
rungen oder indem sie ihre Kämpferinnen zu Zwangsabtreibungen und Empfängnisverhütung zwingt. Die bewaffneten Akteure halten auch Sexsklavinnen oder erlassen in den von ihnen besetzten Gebieten strenge Verhaltensvorschriften, etwa Kleidervorschriften, welche die Intimsphäre der Frauen verletzen.
Besonders bedroht sind Vertreterinnen indigener Gemeinschaften, intern Vertriebene, Menschenrechtsaktivistinnen, Gewerkschafterinnen – ganz zu schweigen von Sexarbeiterinnen, Homosexuellen oder HIV-Positiven, die als sozial «unerwünscht» zur Zielscheibe werden. Medizinische Unterstützung für die Überlebenden ist weder gratis zugänglich noch genügend institutionalisiert.

«Zu lange haben die kolumbianische Regierung und die Öffentlichkeit das Thema als privates Problem abgetan», betont Marta Fotsch. AI anerkennt zwar in ihrem Bericht aktuelle Bestrebungen der Regierung und Bemühungen einzelner staatlicher Institutionen, gegen sexuelle Gewalt und für Gleichberechtigung der Geschlechter vorzugehen. Der direkte Bezug zum bewaffneten Konflikt fehle jedoch und Straflosigkeit sei nach wie vor an der Tagesordnung. Fälle von Vergewaltigungen tauchten kaum in den Statistiken auf, und die wenigen Klagen würden weder untersucht, noch die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Angesichts dieser Situation hat die Regierung laut AI bisher keine umfassenden Massnahmen ergriffen.
Dies, obwohl Kolumbien die Uno-Konvention über die Eliminierung jeglicher Form von Gewalt gegen Frauen (CEDAW) ratifiziert hat und obwohl zahlreiche andere Uno-Konventionen das Recht von Frauen auf ein Leben ohne sexuelle Gewalt festschreiben. Laut Römer Statut des Internationalen Strafgerichtshofes ist sexuelle Gewalt im Rahmen eines bewaffneten Konflikts ein Kriegsverbrechen. Die Uno-Resolution 1325 des Sicherheitsrates von 2000 ruft alle Akteure in bewaffneten Konflikten auf, die Rechte von Frauen und Mädchen zu schützen.

Druck ausüben

Auch die Uno-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen machte nach einer Kolumbienreise schon vor drei Jahren auf das Problem aufmerksam. «Mit unserer Kampagne wollen wir weltweit Druck ausüben, damit Gewalt gegen Frauen in Kolumbien sowohl im Land selbst wie auch international zu einem Thema wird», sagt Marta Fotsch. «Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt im bewaffneten Konflikt geworden sind, müssen end-    lich eine Stimme bekommen. Mit  über eineinhalb Millionen Mitgliedern kann Amnesty International dazu beitragen.»   
Von Dominique Schärer





Erschienen in «AMNESTIE !» vom November 2004
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion