Standpunkt Alle kennen einen, der es geschafft hat

Peter Baumgartner war von 1994 bis 2004 Afrika-Korrespondent des «Tages-Anzeigers». Er lebt weiterhin in Nairobi.

«Ich bin stark, bin fleissig, will arbeiten und finde keine Arbeit. Ich will weg, hier sehe ich keine Zukunft.» Mit diesen Worten begründete vor gut 80 Jahren mein Ur-Onkel Jakob, genannt Jöckle, seinen Ausreiseantrag vom St. Galler Rheintal nach Argentinien. Jöckles Worte klingen jedem vertraut, der in Afrika lebt: Sie könnten genauso gut von Olmeini aus Uganda stammen, oder Hassan aus Mali oder Amadou aus Senegal und all jenen, die es nach Europa zieht, um der Perspektivenlosigkeit ihres Daseins zu entfliehen.

Es gibt quer durch den Kontinent kaum ein deprimierenderes Bild als die Gruppen von jungen Männern, die untätig an den Strassenrändern sitzen, weil sie keine Arbeit finden. In Kenia etwa strömen jedes Jahr rund 450 000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt, für etwa 30000 gibt es einigermassen feste Stellen. In den meisten anderen afrikanischen Staaten ist das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage kaum besser. Mancher Konflikt von Somalia bis Sierra Leone hätte eher gelöst werden können, wäre es für die macht- und geldgierigen Kriegsherren nicht so leicht, immer wieder junge Männer ohne Arbeit und Einkommen hinter die Waffen zu kriegen.

Nirgendwo auf dem Kontinent ist der Drang junger Menschen nach Europa so ausgeprägt wie in Westafrika. Natürlich wissen sie alle, was sie in Europa erwartet: Dass sie unten durch müssen, dass sie aufgegriffen, wegen illegaler Einreise in Lager gesteckt und zurückspediert werden können. Und natürlich wissen die Amadous, Hassans und Abdoulayes aus Westafrika auch, dass sie – anders als Ur-Onkel Jöckle in Argentinien – in Europa nicht willkommen sind. Sie wissen, dass sie als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, als Bedrohung betrachtet werden und höchstens noch für jene schlecht bezahlten Arbeiten geduldet werden, für die sich in Europa niemand mehr interessiert. All das schreckt sie nicht ab. Alle kennen sie einen, der es geschafft hat. Das allein zählt – und die Hoffnung, ihren Familien Geld schicken und später vielleicht zurückkehren zu können, mit prallvollen Taschen und der Achtung ihres Dorfes sicher.

Afrika hat die Sklaverei, den Kolonialismus, hat Hunger und Dürren überstanden – im Kampf ums Überleben sind die Menschen in Afrika hart im Nehmen. Zudem ist Afrika der Kontinent der Migration: Nirgendwo ist der Zustrom in die Städte grösser als in Afrika. Wer beim ersten Anlauf scheitert, kehrt ins Heimatdorf zurück und versucht es später wieder. Jede Familie hat zwei oder drei Mitglieder, die ständig auf Arbeitssuche sind – notfalls eben in Europa.

Heute leiden in Afrika viele unter dem Verhalten jener relativ wenigen, die auf allerlei Schleichwegen nach Europa aufbrechen und unter dem Vorwand des politischen Asyls irgendeine Beschäftigung suchen: Für Afrikanerinnen und Afrikaner ist es ausgesprochen schwierig – und wird es immer schwieriger–, ein Visum nach Europa zu erhalten, so berechtigt es sein mag. Wahrscheinlich würde sich das ändern, wenn die afrikanischen Regierungen kooperationsbereiter wären bei Rückschaffungen, zumindest von straffällig gewordenen Staatsangehörigen. Unmittelbar betroffen sind indessen die wirklichen politischen Flüchtlinge, die aufgrund der Verhältnisse in ihren Ländern, etwa in Ruanda, in Eritrea, in Äthiopien oder Guinea, um Leib und Leben fürchten und daher anderswo um Asyl nachsuchen müssen.

Das Dilemma ist nicht lösbar, es sei denn, Afrika kann möglichst schnell möglichst viele Arbeitsplätze schaffen. Solange sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Afrika nicht radikal bessern, werden immer wieder junge Menschen nach Europa drängen.

Ihre Hoffnung ist ein unbändiger Motor – und: Sie alle kennen einen, der es geschafft hat.

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨