Brennpunkt Bhopal: Endloses Warten auf Entschädigung

20 Jahre nach dem Chemieunglück im Indischen Bhopal warten die Betroffenen noch immer auf einer gerechte Entschädigung und auf eine Reinigung des verseuchten Geländes. Das Verantwortliche Unternehmen lehnt jegliche Verantwortung ab.

35 Tonnen giftige Gase entwichen in der Nacht auf den 3. Dezember 1984 aus einer Pestizidfabrik des US-Multis Union Carbide im indischen Bhopal. Innerhalb von drei Tagen starben mehr als 7000 Menschen, bis heute sind mindestens 15000 weitere Todesopfer zu beklagen. Über 100000 Menschen leiden als Folge der Chemiekatastrophe bis heute an chronischen Krankheiten.
Die Katastrophe war ein Schock für die Welt. Grundsätzliche Fragen nach Regierungs- und Unternehmensverantwortung bei Industrieunfällen wurden aufgeworfen. Für die Betroffenen haben diese Diskussionen bis heute nichts gebracht. Sie warten nach 20 Jahren immer noch auf eine gerechte Entschädigung und auf angemessene medizinische Betreuung.

Information verweigert

Die Union Carbide Corporation (UCC) und die heutige Besitzerin Dow Chemical, die UCC 2001 übernommen hat, drückten und drücken sich vor jeder Verantwortung und schieben die Schuld auf die indische Tochtergesellschaft Union Carbide India Limited (UCIL). In Wirklichkeit besass die damalige UCC 50,9 Prozent von UCIL und nahm massgeblichen Einfluss auf das Unternehmen. UCC hätte die Möglichkeit gehabt, die Katastrophe zu verhindern.

Der gravierendste Vorwurf an den US-amerikanischen Chemiemulti aber ist, dass er bis heute nichts unternommen hat, um die Bevölkerung vor weiterem Übel zu bewahren. UCC/Dow weigert sich nach wie vor, die in der Giftgaswolke freigesetzten Reaktionsprodukte zu benennen und detaillierte toxikologische Informationen herauszugeben. Deshalb kann für die erkrankten Personen keine adäquate medizinische Behandlung organisiert werden. Das stillgelegte Fabrikgelände ist noch immer kontaminiert: Der Boden wurde nicht gereinigt, die hochgiftigen Chemikalien lagern weiter auf dem Gelände und sickern ins Grundwasser ein. Täglich trinken die Menschen in Bhopal vergiftetes Wasser, die Zahl der chronischen Krankheiten nimmt zu. Damit werden die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung gravierend verletzt.

Die Chemiekatastrophe von Bhopal ist ein Musterbeispiel dafür, dass multinationale Unternehmen häufig nicht Willens oder nicht in der Lage sind, eine menschenrechtskonforme unternehmerische Verantwortung wahrzunehmen. In Bhopal sind wegen der Fahrlässigkeit eines US-Unternehmens über 20000 Menschen ums Leben gekommen und weit über 100000 sind für den Rest ihres Lebens gesundheitlich schwer geschädigt, aber die Unternehmensleitung lehnt seit 20 Jahren kaltschnäuzig jede Verantwortung ab.

Standards nötig

Bhopal macht deutlich, dass es dringend globale Menschenrechtsstandards für Unternehmen braucht. Die Uno-Normen für die Verantwortlichkeit von Unternehmen in Bezug auf Menschenrechte sind ein Schritt in die richtige Richtung. Das Prinzip der Freiwilligkeit, das zeigt Bhopal ebenso deutlich, hat im Bereich der unternehmerischen Verantwortung versagt. Es braucht zwingend einklagbare Standards, mit denen Täter zur Rechenschaft gezogen und Opfer entschädigt werden können.   

Von Jürg Keller

Der AI-Bericht «Clouds of Injustice – Bhopal Disaster 20 Years on» gibt einen Überblick über die in Bhopal in den letzten 20 Jahren begangenen Menschenrechtsverletzungen. Zusammenfassung (in Englisch) »