Mexiko Crevettenfarm bedroht 500 Fischerfamilien

Ein korrupter Bürgermeister versucht im mexikanischen Unión Hidalgo mit allen Mitteln, auf Gemeindeland eine Crevettenfarm anzulegen. Fischer und Umweltschützer wehren sich gegen das Projekt, das die Existenz von 500 indigenen Fischerfamilien gefährdet.«Ich bin stark, bin fleissig, will arbeiten und finde keine Arbeit. Ich will weg, hier sehe ich keine Zukunft.» Mit diesen Worten begründete vor gut 80 Jahren mein Ur-Onkel Jakob, genannt Jöckle, seinen Ausreiseantrag vom St. Galler Rheintal nach Argentinien. Jöckles Worte klingen jedem vertraut, der in Afrika lebt: Sie könnten genauso gut von Olmeini aus Uganda stammen, oder Hassan aus Mali oder Amadou aus Senegal und all jenen, die es nach Europa zieht, um der Perspektivenlosigkeit ihres Daseins zu entfliehen.

Drei Dutzend Unterschriften trägt die Beglaubigung, die der Rat der Alten von Ranchu Gubiña und der Bürgerrat von Unión Hidalgo Sofia Olhovich und ihrem Mann Carlos Manzo mit auf die Reise nach Europa gegeben haben – davon drei nur als Fingerabdruck: Nicht alle Fischer vom Volk der Zapoteken aus der 15000-Seelen-Gemeinde (Ranchu Gubiña ist der zapotekische Name von Unión Hidalgo) hatten Gelegenheit, eine Schule zu besuchen. Dies ermöglichte jahrzehntelang den lokalen Kaziken der Regierungspartei PRI, Wahlen immer durch Stimmenkauf und leere Versprechen zu gewinnen.

Doch seit die Firma Camarón Real del Pacífico vor vier Jahren begonnen hat, an der Lagune Mangroven zu roden, um mehrere hundert Hektar Bassins für eine Crevettenfarm anzulegen, regt sich Widerstand. Mangroven und Lagune sind Gemeindeland. Bisher ernährten sie 500 Fischerfamilien. Zudem sind Mangroven in Mexiko als fragiles Ökosystem geschützt. Fischer und Umweltschützer erreichten deshalb durch Anzeigen bei staatlichen Umweltbehörden, dass das Crevettenprojekt, das gegen insgesamt sieben Gesetze verstösst, suspendiert wurde.

Korruption

Doch deswegen gibt Armando Sanchez Ruiz, PRI-Mitglied, Bürgermeister von Unión Hidalgo und zugleich Präsident von Camarón Real del Pacífico, nicht auf. Schliesslich hatte er sich bei den Wahlen 2001 mit Geld und Macht den Sieg gesichert gegen jene Gruppen, die das Gemeindeland gegen Crevetten-Investoren verteidigen: Hinter dem Unternehmen Camarón Real del Pacífico stehen die PRI-Bauerngewerkschaft UGOCEM und als künftiger Abnehmer die US-Firma Ocean Garden.

Sanchez Ruiz reichte also im März 2002 unter neuem Namen – Desarrollo Acuicola Oaxaca Pacífico – für die alten Investoren bei den Behörden einen Bericht über die angebliche Umweltverträglichkeit der geplanten Farm ein. Das Projekt ist somit weiterhin hängig.

Unterschlagung

Die Opposition stellte nach dem ersten Amtsjahr von Sanchez Ruiz im Dezember 2002 fest, dass dieser von den 11 Millionen Pesos (ca. 1,2 Millionen Franken), welche die Gemeinde erhalten hatte, nur für deren 3 Rechenschaft ablegte. Den Rest hatte er offenbar unterschlagen, um das private Crevettenprojekt voranzutreiben. Gegen diese Arroganz gründete die Opposition im Februar 2003 den Bürgerrat von Unión Hidalgo (Consejo Ciudadano Unihidalguense, CCU).

Dass Carlos Manzo mit seiner Frau im November 2004 im Namen von CCU nach Europa reisen konnte, um Solidaritätsgruppen zu informieren, verdankt er nicht zuletzt einer Urgent Action von Amnesty International (AI): Bei einer Demonstration für die Forderung nach einer Buchprüfung hatte Sanchez Ruiz in die Menge feuern lassen. Ein Dorfbewohner wurde getötet, mehrere wurden verletzt. Der Bürgermeister flüchtete dann zwar in die Provinzstadt, liess aber die Bevölkerung weiterhin per Polizei terrorisieren. Es gab weitere Demonstrationen und Verletzte. Schliesslich wurden Manzo und weitere CCU-Vertreter unter falschen Anschuldigungen im Mai 2003 verhaftet.

Bestrafung gefordert

Aufgrund des internationalen Drucks kam Manzo im Dezember 2003 frei. Doch dies genügt ihm nicht: «Wir fordern die Bestrafung der Mörder. Wir können nicht ruhig leben, wenn sie weiter frei herumlaufen. Sie sind eine beständige Bedrohung unseres Lebens und des sozialen Friedens der Gemeinde» – nicht zuletzt, weil das Projekt, das wegen kaufkräftiger Gourmets in den USA, in Japan und in Europa die Existenz der indigenen Fischer bedroht, immer noch nicht vom Tisch ist.

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨