Todesstrafe Die Würde bleibt unantastbar

Christa Dold von der Koordinationsgruppe gegen die Todesstrafe unterhielt eine langjährige Brieffreundschaft mit dem Todestraktinsassen James Allridge in Texas. Nachdem die Umwandlung des Todesurteils in eine lebenslange Haftstrafe abgelehnt worden war, begleitete sie ihren Brieffreund auf seinem letzten Gang. Ein Erfahrungsbericht.

«Gefangener Künstler exekutiert für Mord an Angestelltem», steht über einer Meldung vom 27. August 2004 im «Houston Chronicle» zur Hinrichtung des 42-jährigen Afroamerikaners James Allridge. Als ich im Flughafen von Houston, Texas, auf meinen Rückflug in die Schweiz warte, stosse ich auf diese übrig gebliebene Spur meines Freundes, der Stunden zuvor Opfer eines sinnlosen Ritualmordes geworden ist. Die Fotografie in der Zeitung zeigt eine Protestierende, die während der Hinrichtung von James eines seiner Blumenbilder hält. Seine Bilder als Zeugen, so hatte es sich James gewünscht.

Positives Schaffen

Unsere Freundschaft begann vor rund zehn Jahren. Im gleichen Jahr exekutierte der texanische Staat den älteren Bruder Ronald. «Wenn du sehen könntest, welche Folgen die Hinrichtung meines Bruders für meine Familie hatte. Ich will nicht, dass sie nochmals solchen Schmerz durchleben muss. Nicht wegen mir», schrieb James damals in einem Brief. Und er setzte alles Menschenmögliche daran, die Vollstreckung abzuwenden. Mit aufrichtiger Reue für seine Tat wollte er beweisen, dass er zu Veränderung und positivem Schaffen fähig ist. Er wollte zeigen, dass er keine «fortgesetzte gesellschaftliche Bedrohung» darstellt, wie dies die Geschworenenjury 1985 entschieden hatte.

Während der 20 Jahre Haft entstanden rund 150 teilweise prämierte, leuchtende Farbstiftzeichnungen, ein Gedichtband sowie Artikel für Gefängnismagazine und einen eigenen Newsletter. «Ich möchte nicht einfach nur leben, ich möchte lebendig sein», mit diesen Worten breitete James sein Lebenswerk vor einem Mitglied des Begnadigungsausschusses aus, das ihn eine Woche vor dem Hinrichtungstermin interviewte. Er bat nicht um Freiheit, sondern um eine lebenslängliche Haftstrafe.

Auch Drittpersonen engagierten sich für ihn. Der ehemalige Direktor des texanischen «Bureau of Classification and Records» bezeugte nach Durchsicht sämtlicher Unterlagen das überzeugende Potenzial zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung: «Es gibt wirklich keinen Grund, die Strafe nicht in lebenslängliche Haft umzuwandeln. Mit den heute vorliegenden Informationen müssen wir uns fragen, ob Allridge eine weitere Bedrohung für die Gesellschaft darstellt, wie damals vermutet wurde.» Auch vier Mitglieder der damaligen Jury befürworteten eine Umwandlung des Todesurteils. Zwei ehemalige Wärter beschrieben, wie James «durch sein vermittelndes Eingreifen in Konfliktsituationen wahrscheinlich Leben gerettet hat». Und ein Mitgefangener berichtete: «Er war immer bereit auszuhelfen. Viele inspirierte er, ihren eigenen künstlerischen Ausdruck zu verwirklichen und so ihrem unproduktiven Alltag zu entfliehen.»

Gnadenlos

Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 in Texas wurde kein einziges Todesurteil wegen Aussicht auf Rehabilitation umgewandelt. Keine Gnade auch für James Allridge. «Ich fühle noch immer nicht die leiseste Entmutigung.» Dies die Worte von James, nachdem der Anwalt ihm die Ablehnung des Ausschusses mit sechs zu null Stimmen eröffnet hatte. Noch immer könne der Oberste Gerichtshof ihm einen Aufschub gewähren, erklärte er. An dieser Hoffnung hielt er bis zum letzten Tag fest.

Am Morgen des 26. August 2004 fanden sich nochmals die Familie und einige Freunde und Freundinnen von James sowie sein geistlicher Beistand – die Nonne Helen Prejean*– zu einem vierstündigen Besuch ein.

Der Vater litt, wie auch vor der Hinrichtung des ersten Sohnes, unter Herzbeschwerden und Albträumen. «Ich glaube, er wird verrückt», sagte mir die Mutter von James.

Jeder und jede ging in dieser Umgebung ohne Privatsphäre oder Berührungen anders mit den Gefühlen um. Wirklich glauben, was geschah, konnte niemand. Auch James nicht: «Wie bereitet man sich auf den Tod vor? Ich war immer so beschäftigt, mich auf das Leben vorzubereiten.» Doch die Uhr tickte und die Stunden zerrannen wie Sand in den Händen. Mit erhobenem Kopf liess sich James um 12 Uhr mittags in Handschellen legen, um zur Vollzugsstätte – der Walls Unit in Huntsville – gebracht zu werden.

Knapp zwei Stunden vor der Hinrichtung fegte der Oberste Gerichtshof den Strohhalm unserer letzten Hoffnung und damit das Leben eines begabten und geliebten Menschen ins Nichts. James musste nun der sinnlosen Realität seines Todes in die Augen blicken. «Ich möchte, dass du meine Geschichte erzählst», offenbarte er mir am Telefon. Auch seine Kunstkarten wollte er weiter verkauft wissen, um andere zum Tode verurteilte Menschen zu unterstützen.

Seiner Familie konnte er den Schmerz seines Verlustes nicht ersparen. Nach umständlichen Sicherheitskontrollen begaben wir uns in das rote Backsteingebäude. «Wir sind da, um Sie zu schützen», versicherte uns ein uniformierter Wärter, bevor wir in den Raum geführt wurden, wo James mit einer Kanüle im Arm aufgebahrt lag.

In Liebe

Selbst in dieser Kammer des Todes blieb James’ Würde unantastbar. Er entschuldigte sich bei den anwesenden Angehörigen des Opfers und kehrte sich zu uns: «Ich verlasse diese Welt so, wie ich gekommen bin: in Liebe.»


«The Death of Innocents: An Eyewitness Account of Wrongful Executions»
Random House, ISBN 3-442-43542-0.

Über das Leben und Sterben eines unschuldig zum Tod Verurteilten erschien kürzlich auch ein Buch von Wendy Schmid-Eastwood. Sie ist ein ehemaliges AI-Aktivmitglied und begleitete Richard Wayne aus Texas:
«Twisted Truth»
Athena Press London, ISBN 1-84401-148-8.

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨