Buchbesprechung Keine überflüssigen Rechte

Mit «Frei von Furcht und Not» legen Rainer Engelmann und Urs Fiechtner ein facettenreiches Lesebuch vor, das die wechselhafte Geschichte der sozialen und wirtschaftlichen Menschenrechte nachzeichnet, aber auch Handlungsmöglichkeiten zu deren Stärkung aufzeigt.

«Hunger tötet ebenso wie eine Kugel.» Unter diesem Motto lancierte die bekannte internationale Hilfsorganisation «Food First Information and Action Network» (Fian) vor Jahren eine Kampagne zur Bekämpfung des weltweiten Hungers. Die Zahlen sind erschreckend: Tag für Tag sterben etwa Hunderttausend Menschen an Hunger oder dessen unmittelbaren Folgen, wie Jean Ziegler, Uno-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung, in seinem Essay «Die Weltgeschichte meiner Seele» aufzeigt. Dabei gehört der Zugang zu Nahrung wie generell das Recht auf soziale Sicherheit zu den in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbrieften wirtschaftlichen und sozialen Rechten, wie Ziegler betont.

Lage bleibt prekär

«Die Weltgeschichte meiner Seele» ist einer von zahlreichen Beiträgen der umfangreichen Anthologie zur Geschichte und aktuellen Situation der wirtschaftlichen und sozialen Rechte. Das Buch versammelt Essays, Reportagen sowie literarische Texte bekannter Persönlichkeiten. Dabei geht es den beiden Herausgebern vor allem darum, aufzuzeigen, dass soziale und wirtschaftliche Menschrechte keinesfalls entbehrlich sind: Nur wer nicht hungert und über eine intakte Gesundheit verfügt, kann am politischen Leben eines Landes wirklich teilnehmen.

Die Lage der sozialen und wirtschaftlichen Menschenrechte bleibt rund 50 Jahre nach Unterzeichnung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte weiterhin prekär. Doch gleichzeitig sind seither in einzelnen Bereichen wesentliche Schritte für deren Stärkung zu verzeichnen. In seinem Bericht «TRANSFAIR und RUGMARK – shopping for a better world» rückt uns Dieter Overath ins Bewusstsein, wie so manches Konsumgut, das täglich in unserem Einkaufskorb landet, in der Dritten Welt unter zum Teil an Ausbeutung grenzenden Arbeitsverhältnissen hergestellt wird. Das von Overath angeführte Beispiel der Schokolade verdeutlicht, wie ungerecht Arbeit entlöhnt werden kann: «Von einer Tafel mit 24 Stückchen erhält der Kakaobauer umgerechnet rund den Wert von einem Stückchen, obwohl er mit Abstand die meiste Arbeit hat.» Ein wirksames Mittel, um gegen diesen Missstand anzukämpfen, besteht für Overath darin, das eigene Einkaufsverhalten bewusster zu gestalten. Beispielsweise durch den konsequenten Einkauf von aus fairem Handel stammenden Produkten.

Einsatz lohnt sich

Nicht immer liegt eine Lösung jedoch so leicht auf der Hand: In «Nelisa – oder: die lange Geschichte der AIDS-Waisen in Südafrika» führt uns Lutz van Dijk eindrücklich vor Augen, dass eine gut funktionierende Zivilgesellschaft nur dann entstehen kann, wenn neben einer sozialen Grundsicherung und politischer Teilhabe auch Zugang zu ärztlicher Grundversorgung und zu Bildung besteht: Nelisa ist eines von 250000 südafrikanischen Kindern, die das HI-Virus zu Waisen gemacht hat. Durch bessere Präventionsarbeit und erleichterten Zugang zu Medikamenten wären ihre Eltern heute wohl noch am Leben.

Zwar mangelt es in «Frei von Furcht und Not» nicht an erschütternden Berichten, doch lässt das Buch keinen Zweifel offen, dass sich der Einsatz zur Durchsetzung der wirtschaftlichen und sozialen Rechte lohnt. Initiativen zur Förderung des fairen Handels und der zunehmende Druck der Öffentlichkeit auf global agierende Unternehmen sind ein gutes Beispiel dafür. Nun muss auch die Staatengemeinschaft ihre Versprechen einlösen.


Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨