Taser Umwerfende Spannung

Elektroschockpistolen, so genannte Taser, finden immer häufiger den Weg in Polizei- und Militärarsenale in aller Welt – von Liestal bis Guantánamo. Jetzt zeigt eine Studie von Amnesty International: Seit 2001 sind in Nordamerika über 70 Menschen durch einen Taser-Einsatz gestorben.

Wer je einen Taser-Stromschlag am eigenen Leib erlebt hat, vergisst ihn nie mehr. «Sie nennen es die fünf längsten Sekunden deines Lebens. Niemand möchte ein zweites Mal davon getroffen werden», sagt ein Sheriff aus dem US-Bundesstaat Michigan. Und ein US-Waffenexperte gibt zu: «Ich habe niemals grössere Schmerzen empfunden.» Kein Wunder: Ein Taser jagt Strom in der Stärke von 50 000 Volt durch den Körper. Mit der Elektroschockpistole können aus einer Distanz von maximal sechs Metern zwei kleine Pfeile abgefeuert werden, die durch dünne Drähte mit dem Gerät verbunden bleiben und so den Stromfluss aufrechterhalten. Die hohe Spannung lähmt für einige Sekunden das Nervensystem. Die beschossene Person bricht zusammen und kann widerstandslos festgenommen werden.

Der Elektroschock habe keine langfristigen gesundheitlichen Folgen und diene deshalb sowohl dem Schutz von Polizeibeamten wie auch mutmasslichen Delinquenten. So argumentieren die Herstellerfirma und Polizeikorps, die den Taser anwenden. Die Bilanz von Amnesty International (AI) sieht deutlich düsterer aus: Alleine in den letzten drei Jahren kamen in den USA und Kanada mindestens 74 Personen ums Leben, nachdem sie von Tasern getroffen worden waren. In mindestens fünf Fällen trug die Elektroschockwaffe gemäss dem offiziellen Eingeständnis zum Tod bei.

Hausarrest missachtet

Eines der Opfer war James Borden. Der 47-Jährige aus dem US-Bundesstaat Indiana, der unter Diabetes und einer Herzschwäche litt, wurde im November 2003 festgenommen, weil er einen Hausarrest missachtet hatte. Trotz seines verwirrten Zustandes und gegen den Rat eines herbeigerufenen Notarztteams wurde er nicht ins Spital gebracht, sondern ins Gefängnis. Dort widersetzte er sich Befehlen des Gefängnispersonals, das ihm daraufhin mehrere Elektroschocks versetzte und ihn zu Boden drückte – bis er blau anlief und das Bewusstsein verlor. Bei seiner Einlieferung ins Spital war Borden bereits tot.

Ein gesundheitliches Risiko durch Taser sieht AI vor allem für Menschen mit einer Herzschwäche, Personen unter Drogen- oder Medikamenteneinfluss sowie für Schwangere. Im kalifornischen Chula Vista wurde die Polizei im Dezember 2001 zur Schlichtung eines Familienstreits gerufen. Kaum dem Auto entstiegen, feuerte ein Beamter mit einem Taser auf Cindy Grippi, die im sechsten Monat schwanger war. Die Frau, die in keiner Weise aggressiv war, fiel Bauch voran auf den Beton der Garageneinfahrt. Danach spürte Cindy Grippi keine Bewegungen des ungeborenen Babys mehr. Zwei Tage später gebar sie ihr totes Kind. Experten halten den Elektroschock für die wahrscheinlichste Todesursache.

Vorreiterrolle

In den USA gehört der Taser bei 5000 Polizeikorps oder Gefängnisverwaltungen zur ständigen Bewaffnung. Jeden Monat kommen 170 hinzu. Die US-Armee verwendet Taser unter anderem bei der Überführung von Terrorverdächtigen nach Guantánamo Bay. Seit einigen Jahren führen auch europäische Länder die Elektroschockpistole ein – allen voran die Schweiz. Stolz vermeldete die Herstellerfirma im Sommer 2003, die Schweiz habe als erstes europäisches Land den Taser offiziell bewilligt. Anlass war eine Empfehlung der Schweizerischen Polizeitechnischen Kommission an die Polizeikorps, die Waffe zu beschaffen.

Gemäss Medienberichten haben Polizeikorps in mehreren Kantonen und Städten Taser-Pistolen in Einsatz genommen oder getestet, darunter in Schwyz, Stadt und Kanton Zürich, Genf, Dübendorf und im Kanton Bern. Nach Angaben von Martin Lory vom wissenschaftlichen Dienst der Stadtpolizei Zürich handelt es sich durchwegs um Geräte vom Typ X26 (siehe unten).

Vorgeprescht war die Kantonspolizei Baselland, die bereits Anfang 2003 drei Geräte des Typs M26 in Einsatz nahm. Auf eine parlamentarische Anfrage antwortete die Baselbieter Regierung, lediglich eine Sondereinheit sei mit dem Taser ausgerüstet und wende ihn nur gegen extrem gewalttätige Personen an. Wie oft und in welchen Situationen die Polizei Baselland den Taser bisher eingesetzt hat, will Mediensprecher Meinrad Stöcklin nicht sagen. Auch auf die Frage, ob die getroffenen Personen im Anschluss medizinisch untersucht worden seien, erhielt «Amnestie!» keine Antwort.

Verzicht

Umgekehrt haben die Polizeikorps des Kantons Neuenburg und der Stadt Bern die Taser-Beschaffung explizit abgelehnt. Der Kanton Wallis verzichtet nach einer Testphase darauf. «Der Taser kommt für uns zurzeit nicht in Frage», sagt Jean-Marie Bornet von der Walliser Kantonspolizei. Über die genauen Gründe schweigt er sich aus – lokale Medien hatten indes berichtet, die Polizei halte die Verletzungsgefahr für zu hoch.

Ein Gesundheitsrisiko schliesst auch Martin Lory nicht aus. Allerdings bestehe dieses eher im Sturz nach einer Taser-Lähmung als im Stromschlag selbst. Er räumt aber ein, dass es nur ungenügende wissenschaftliche Untersuchungen über die gesundheitlichen Folgen von Taser-Treffern gibt. Hier ist er mit Amnesty International einig. Die Menschenrechtsorganisation kritisiert, dass vor der Vermarktung der Modelle M26 und X26 einzig Ergebnisse von Tierversuchen vorlagen.

Postkarte vom Chef

Der Taser richte im Durchschnitt weniger Schaden an als eine Schusswaffe, argumentiert die Taser-Lobby. Dies mag richtig sein, geht indes von der Voraussetzung aus, dass die Elektroschockpistole praktisch nur als Alternative zur Schusswaffe eingesetzt wird. Die Praxis aus den USA zeigt aber, dass die Schwelle für eine Anwendung ständig sinkt. Zum Beispiel streckte ein Polizist in Arizona ein neunjähriges, psychisch behindertes Mädchen nieder, das aus einem Heim davongelaufen war. Hunderte von Häftlingen in den USA werden jedes Jahr mit Tasern diszipliniert.

Zu einer so weit verbreiteten Anwendung werde es in der Schweiz nicht kommen, glauben die Befürworter. «Zurzeit setzen nur Spezialisten den Taser ein. Dies soll auch so bleiben», sagt Martin Lory von der Stadtpolizei Zürich. Schlüssig ist dieses Argument aber nur unter zwei Bedingungen: Die «Spezialisten» dürfen nicht für normale Polizeiaufgaben herangezogen werden. Und die Polizei muss offen informieren. Hier liegt noch manches im Argen: Als AI Anfang 2004 die Polizei in Genf, Waadt und Bern zum Thema Taser anschrieb, kam aus zwei Kantonen keine Antwort. Der Polizeichef von Genf sandte eine Postkarte.

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨