Wirtschaft und Menschenrechte: 20 Jahre Bhopal «Am Ende werden wir Recht bekommen»

Zwanzig Jahre nach der Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal, die 22000 Menschenleben gefordert und unzählige mit schweren Folgeschäden zurückgelassen hat, weigert sich Dow Chemical/Union Carbide noch immer, das verseuchte Gelände zu reinigen und die Opfer zu entschädigen. Fast eben- so lange kämpft Rashida Bee als eine der Überlebenden für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung.

Die Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984 wird Rashida Bee nie vergessen: «Wir schliefen alle in unseren Häusern, als plötzlich Leute zu rufen begannen: ‹Lauf lauf!›. Wir standen auf, um zu sehen, was geschehen war, als wir von einem starken Husten befallen wurden. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Meine Augen tränten und fühlten sich an, als ob sie von tausend Nadeln durchbohrt worden wären», erinnert sich Rashida Bee, als ob es gestern gewesen wäre. Als sie die Augen schliesslich öffnen konnte, bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. «Die Strassen waren voller Menschen, die um ihr Leben rannten. Der Boden war bedeckt mit Leichen von Kindern, Frauen und Männern, die von der fliehenden Menge zertrampelt worden waren. Einige riefen, dass Gas entwichen sei – doch wir hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte», sagt Rashida Bee. Obwohl sie und ihre Familie nur drei Kilometer von der Pestizidfabrik von Union Carbide entfernt wohnten, hatte sie keine Ahnung, dass hinter den Fabrikmauern unter mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen mit hochgiftigen Substanzen gearbeitet wurde. «Doch die Verantwortlichen von Union Carbide wussten genau, dass die Fabrik eine Zeitbombe war», sagt Rashida Bee. Entsprechende Aussagen des damaligen Vorsitzenden Warren Anderson seien in Unternehmensdokumenten sogar schriftlich festgehalten.

Kampfgeist geweckt

Was danach folgte, kann Rashida Bee noch heute nicht fassen. Zehn Tage nach dem Unglück verkündete die Regierung unter dem Namen «Operation Faith», dass der Betrieb in der Union Carbide wieder aufgenommen werde, um die restlichen Chemikalien zu verarbeiten. Die Leute sollten ruhig in ihre Häuser zurückkehren. Aus Angst vor einem weiteren Gasunglück kehrte Rashida Bee zusammen mit ihrem Mann und ihrem Vater in ihr Heimatdorf zurück. Da ihr Mann jedoch infolge starker Atembeschwerden nicht mehr arbeiten konnte und ihr Vater an Krebs erkrankte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als nach Bhopal zurückzukehren, um dort Arbeit zu finden und medizinische Hilfe zu bekommen. Zusammen mit 100 anderen Frauen aus den vom Unglück am meisten betroffenen Gebieten erhielt Rashida Bee wenige Monate später die Möglichkeit, im Rahmen eines Regierungsprogramms eine Ausbildung in der Herstellung von Büromaterialien zu machen und damit für den Unterhalt der Familie aufzukommen. «Als ich das Elend und die Verzweiflung dieser Frauen sah, wurde mir erstmals richtig bewusst, dass wir alle dasselbe Schicksal erlitten hatten und dass Union Carbide dafür verantwortlich gemacht werden musste», sagt sie. Als sich die Regierung nach Abschluss der Ausbildung weigerte, die Frauen weiter anzustellen, gründete Rashida Bee die «Bhopal Gas-Affected Women Stationery Employees Union», die bis heute eine der aktivsten Überlebendenorganisationen ist. Nach einem Sitzstreik im Produktionszentrum konnten die Frauen ihre Arbeit zwar wieder aufnehmen, verdienten jedoch nicht einmal die Hälfte der anderen Arbeiterinnen. «Ihr seid verseucht und damit vermindert arbeitsfähig», lautete die Begründung der staatlichen Arbeitgeber, die damit klar gegen indisches Arbeitsrecht verstiessen. Der rechtliche Kampf gegen die Diskriminierung ist bis heute nicht abgeschlossen, da die Regierung die positiven Entscheide des Arbeitsgerichts und des Industriegerichts angefochten hat. Seit Anfang 2003 ist der Fall beim obersten Gerichtshof hängig. Bis heute sind in Bhopal mehr als 22000 Menschen an den Folgen der Gaseinwirkungen gestorben und über 100000 leiden an chronischen Krankheiten. Rashida Bee hat bereits sieben Familienmitglieder wegen Krebs oder Tuberkulose verloren. Sie selbst ist seit dem Giftgasunglück teilweise blind, hat Atemprobleme, Knochenschmerzen und leidet unter heftigen Angstattacken. «Ein Grossteil der Opfer sind in einen Teufelskreis geraten», sagt sie. Viele können wegen ihrer Krankheiten nicht mehr arbeiten, müssen aber teure medizinische Behandlungen bezahlen und geraten so in wirtschaftliche Not. Hinzu kommt die soziale Ächtung der Bhopal-Opfer, insbesondere der Frauen. «Kein Mann will eine Frau aus Bhopal heiraten, die entweder kinderlos bleibt oder ein missgebildetes Kind zur Welt bringt», sagt Rashida Bee.

«Endlich reinigen»

Die vergangenen zwanzig Jahre in Rashida Bees Leben sind von zahlreichen, teilweise monatelangen Sitz- und Hungerstreiks, unzähligen Demonstrationen und Gerichtsprozessen geprägt. Im Sommer 1989 marschierte sie zusammen mit 75 Frauen, 25 Kindern und einigen Männern mehr als 750 Kilometer von Bhopal nach Dehli, um dem indischen Premierminister persönlich ihre Forderungen nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung vorzutragen.

«Wir fordern, dass Dow Chemical, die Union Carbide im Jahr 2001 übernommen hat, für die medizinische Versorgung der Opfer und der folgenden Generation sowie deren soziale und wirtschaftliche Rehabilitation aufkommt und dass den damaligen Verantwortlichen, die die Gefahr kannten, der Prozess gemacht wird», sagt Rashida Bee. «Ausserdem soll Dow Chemical endlich das verseuchte Gelände reinigen.» Noch immer lagern auf dem Gelände mehr als 5000 Tonnen Giftabfälle, die Umwelt und Grundwasser verseuchen. «Mehr als 20000 Menschen trinken noch immer verseuchtes Wasser», empört sich Rashida Bee.

Anlass zur Hoffnung

Obwohl ein Grossteil der Forderungen bislang ungehört geblieben ist, gibt es für die unermüdliche Kämpferin auch Anlass zur Hoffnung. Erst vor kurzem hat der oberste Gerichtshof Indiens entschieden, dass es in der Verantwortung der indischen Regierung liege, der Bevölkerung den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu garantieren. «Dieses Urteil zeigt, dass auch soziale Rechte einklagbar sind», sagt Rashida Bee. Hoffnung schöpft sie auch aus der internationalen Unterstützung, die nicht zuletzt dank ihrem eigenen Engagement ständig wächst. Als eine der Initiantinnen der internationalen Kampagne für Gerechtigkeit in Bhopal ist sie immer wieder nach Europa und in die USA gereist, um Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen über die Situation in Bhopal aufzuklären, mit Führungskräften von Dow Chemical zu sprechen oder mit Sitzstreiks vor Firmensitzen gegen das verantwortungslose Handeln von Dow Chemical zu protestieren. Für ihr Engagement wurden Rashida Bee und ihre Mitstreiterin Champa Devi Shukla letztes Jahr mit dem renommierten «Goldman Environmental Prize» ausgezeichnet. «Der internationale Druck auf die indische Regierung und Dow Chemical wächst», sagt Rashida Bee. «Ich bin sicher, dass wir nicht noch einmal zwanzig Jahre warten müssen, bis wir Recht erhalten.»



Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨