«Blutdiamanten»: Kritische Kundschaft gefragt

Vor zwei Jahren trat unter dem Namen Kimberley-Prozess ein staatliches Kontrollsystem in Kraft, das den Handel mit Rohdiamanten zur Finanzierung von Bürgerkriegen verhindern soll. Während die Kontrolle des Rohdiamantenhandels so verbessert werden konnte, ist das Bewusstsein auf Seiten der Juweliere und der KonsumentInnen in Bezug auf Konfliktdiamanten nach wie vor gering.

«Diamonds are a girl‘s best friends», sang Marilyn Monroe in den 50er-Jahren noch relativ unbekümmert. Hätte sie das auch getan, wenn sie gewusst hätte, dass ihr Verehrer mit dem Kauf des hochkarätigen Schmuckstückes einen Bürgerkrieg mitfinanziert? Auch heute noch scheint sich ein Grossteil der Kundschaft von Juweliergeschäften in der Schweiz nicht dafür zu interessieren, was es mit den Konfliktdiamanten auf sich hat. «Mir ist es erst einmal passiert, dass mich einen Kundin direkt danach gefragt hat», sagt Ronald Sonderegger, Diamantenspezialist und Geschäftsführer der Bijouterie Sonderegger in Bern. Doch auch auf Seiten der Schmuckhändler besteht noch grosser Handlungsbedarf. «Im Allgemeinen ist das Bewusstsein bei den Schweizer Juwelieren nach wie vor gering», sagt Tatjana Mickasch von der Gruppe «Wirtschaft und Menschenrechte» der Schweizer Sektion von Amnesty International (AI), die im Rahmen einer internationalen Untersuchung von AI und Global Witness eine Umfrage bei Schweizer Juwelieren durchgeführt hat.

Komplexe Handelsketten

Der Weg von der Diamantenmine in Afrika bis an den Ringfinger von Frau Schweizer ist lang und komplex. Fast zwei Drittel der Diamanten stammen aus Afrika, von wo der Grossteil an die grossen Handelsbörsen nach London oder Antwerpen gelangt. Dort werden die Rohdiamanten verkauft und in Schleifereien nach Indien oder in den Nahen Osten gebracht, bevor sie schliesslich über verschiedene Händler und Zwischenhändler in den Detailhandel gelangen. Entsprechend schwierig ist auch eine effektive Kontrolle der zahlreichen Handelspartner.

Im Jahr 2003 trat der Kimberley-Prozess in Kraft mit dem Ziel, den Handel mit Rohdiamanten aus Konfliktgebieten zu unterbinden. Inzwischen beteiligen sich 67 Produzenten- und Handelsländer an dem Zertifizierungssystem (siehe Kasten). «Die Bilanz ist positiv», sagt Roland Vock, Ressortleiter Exportkontrollpolitik und Sanktionen vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco). Auch von Seite der Nichtregierungsorganisationen wird der Kimberley-Prozess als positiv bewertet. Eine bedeutende Schwachstelle sei aber die fehlende unabhängige Kontrollinstanz, sagt Mikasch. «Das Zertifizierungssystem beruht in erster Linie auf dem gegenseitigen Vertrauen der Länder», erklärt Vock. Deshalb begrüsse es die Schweiz sehr, dass sich immer mehr Länder (darunter auch die Schweiz) einer freiwilligen Evaluation unterziehen würden. «Je mehr Länder sich freiwillig kontrollieren lassen, desto grösser wird der Druck auf die anderen, ebenfalls mitzumachen», sagt Vock. Während der Handel mit den Rohdiamanten durch das Kimberley-Zertifizierungssystem inzwischen relativ kontrolliert verläuft, ist der Handel mit geschliffenen Steinen nach wir vor kaum reguliert. «Sobald die Steine geschliffen werden, fallen sie aus dem Zertifizierungssystem heraus», sagt Vock. Von diesem Moment an liegt die Verantwortung bei der Industrie, die dafür zu sorgen hat, dass potenzielle Schmuggelware im Veredelungsprozess nicht wieder in den Kreislauf eingeschleust wird. Bislang gilt hier lediglich die Selbstverantwortung in Form eines Systems von Garantien und Verhaltensrichtlinien. «Wichtig ist, dass die Juweliere die Zusicherung ihrer Händler verlangen, dass die Steine nicht aus einem Konfliktgebiet stammen», sagt Marc-Alain Christen vom Verband Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte (VSGU).

Transparenz gefragt

Von den 58 Schmuckverkäufern, die an der Umfrage von AI Schweiz teilgenommen haben, gab allerdings nur ein knappes Drittel an, von ihren Lieferanten standardmässig eine solche Garantie zu verlangen. «Im Diamantenhandel spielt Vertrauen einen wichtige Rolle», sagt Sonderegger. Beziehungen mit Händlern bestünden teilweise seit Generationen, und es sei kaum möglich, für jeden kleinen Stein eine Bestätigung dafür zu verlangen, dass er nicht aus einem Konfliktgebiet stammt. Dies ist laut Christen bei Schweizer Diamantenhändlern, welche die Edelsteine meist direkt an der Börse in Amsterdam bezögen, weniger ein Problem.«Problematisch ist eher der Handel mit fertigen Schmuckstücken über Grossisten oder der Kauf von Diamanten bei fliegenden Händlern», sagt er. Dennoch räumt auch Christen ein, dass die Bemühungen der Branche um mehr Transparenz grösser sein könnten. Der VSGU hat seine Mitglieder bereits verschiedentlich über die Problematik der Konfliktdiamanten aufgeklärt und auch AI eingeladen, über die Ergebnisse der Umfrage zu informieren. «Was es braucht, ist auch eine stärkere Sensibilisierung der KonsumentInnen», sagt Mikasch. Würden mehr KäuferInnen Garantiescheine verlangen, würde sich auch der Druck auf die Branche für eine bessere Kontrolle verstärken. «Nur wenn entlang der ganzen Handelskette Transparenz herrscht, ist eine effektive Kontrolle möglich.»


Weiter Informationen unter: The true cost of diamonds – Kimberley Process:
www.amnesty.org

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨