AI aktiv «Ich muss mich einsetzen»

Rudolf Oeschger ist seit 30 Jahren bei der Schweizer Sektion von Amnesty International aktiv – und kein bisschen müde. Er brachte Peter Benenson in die Schweiz.

«Ich habe mich schon immer dafür interessiert, was in der Welt passiert», sagt Rudolf Oeschger aus Freiburg. Wir sitzen auf einer sonnenbeschienenen Gartenterrasse – die Saane unter uns, die Kathedrale über uns, den Blick frei auf Unterstadt und Matte. Auf Wunsch der Mitglieder, wie er betont, leitet er immer noch die Deutschschweizer Gruppe in Freiburg. Rudolf Oeschger wurde 1931 in Haagen bei Lörrach geboren und wuchs zusammen mit einem Zwillingsbruder, drei älteren Schwestern und einem älteren Bruder in einer katholischen Arbeiterfamilie auf. Die gläubige Familie wurde während der Nazizeit unter Druck gesetzt. Wenn sie als Kinder wegen des Gottesdiensts am Sonntagmorgen zu den gleichzeitig angesetzten Sportanlässen nicht oder zu spät kamen, bedeutete das montägliches Nachsitzen. «Vielleicht kommt von da auch ein Teil der Motivation, für Amnesty International zu arbeiten», sagt Rudolf Oeschger. Von 1959 bis 1974 war er als Sekretär des Justinuswerkes tätig, eines kirchlichen Hilfswerks, das Studienbeihilfen an Auslandstudenten aller Kontinente vergab. Der Hauptsitz befand sich im Studentenheim in Freiburg, gegenüber der heutigen Universität «Misericorde». «Da waren Studenten aus 45 verschiedenen Ländern», berichtet er begeistert. Im Austausch mit den Studenten habe er viel über fremde Länder erfahren.

Wer ist Benenson?

Erfahrungsberichte aus erster Hand, an die er anknüpfen konnte, als er 1975 dank Radio ‹Beromünster› von Amnesty International (AI) erfuhr. «Früher war die Gruppenarbeit noch sehr viel persönlicher», erzählt er. Sie hätten sich mehr mit Einzelfällen beschäftigt, der Identifikationsgrad sei höher gewesen. Ansonsten haben sich die Strukturen von AI in seinen Augen über die Jahre positiv entwickelt. Auch die Mandatserweiterung begrüsst er. Peter Benenson habe schon 1981 ähnliche Ideen gehabt und diese zu verwirklichen versucht, beispielsweise für Wasser- und Gesundheitsversorgung sowie für Landwirtschaftsprojekte. Die Frage, wer Peter Benenson ist, hat Rudolf Oeschger seit seinem Beitritt zu AI interessiert. Hartnäckig ging er auf die Suche nach «unserem Gründer». Weil ihn «das Hirn» von AI interessierte, reiste er im Sommer 1980 nach London, um für vier Wochen im internationalen Sekretariat als «Volunteer» zu arbeiten. Er konnte Benenson treffen und lernte einen «bürgerlich gut gekleideten, klugen und sehr bescheidenen Mann» kennen. Seit dem ersten Treffen blieben die beiden Männer bis zum kürzlichen Hinschied von Benenson in Kontakt. «Er war ein idealer Christ», sagt Oeschger.

Glaube als Motivation

Schliesslich ist Rudolf Oeschger der Mann, der Peter Benenson in die Schweiz gebracht hat. Am 26. Mai 1981 referierte der AI-Gründer an der Universität Freiburg über das 20-jährige Bestehen von AI. Im gleichen Jahr habe die Universität Freiburg Benenson den Ehrendoktor verleihen wollen, erinnert sich Oeschger. Dieser habe das Angebot ausgeschlagen mit der Begründung, er könne nicht eine Ehre annehmen, die allen AI-Mitgliedern gebühre: «Ohne all die Menschen, die weltweit für die Verwirklichung dieser Idee arbeiten, gäbe es AI nicht.» Eine geradezu biblische Bescheidenheit, die Rudolf Oeschger beeindruckt. Der Glaube, auch eine Motivation, für AI zu arbeiten? Oeschger: «Wenn ich meine Religion leben will, muss ich mich für AI einsetzen.»

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨