«Made in China» im Zwangsarbeitslager

19 Jahre seines Lebens hat Harry Wu in chinesischen Zwangsarbeitslagern verbracht. Später emigrierte er nach Amerika, wo er seit 15 Jahren dafür kämpft, die grausame Realität in diesen Lagern an die westliche Öffentlichkeit zu bringen.

Harry Wu hält in seiner Hand eine Papierklammer, eines der typischen Dinge, die den Stempel «Made in China» tragen. Mit der linken Hand versucht er, die Metallflügel vom der Plastikverbindung zu trennen. «Es ist sehr schwierig. Die Gefangenen, die diese Klammern zusammensetzen, haben jeden Abend blutende Hände.» Laut Harry Wu werden 40 Prozent dieser Papierklammern, die auf dem US-amerikanischen Markt in Umlauf sind, von chinesischen Gefangenen zusammengesetzt. Um gesetzliche Vorschriften zu umgehen, werden die Bestandteile der Klammern in legalen Fabriken gefertigt. Nur die Montage – die grosses Geschick ver verlangt – wird in den Zwangsarbeitslagern, den so genannten Laogais, gemacht. «Auf diese Weise kann niemand sagen, dass diese Papierklammern von ZwangsarbeiterInnen hergestellt wurden.»

19 Jahre seines Lebens hat Harry Wu im «chinesischen Gulag» verbracht, weil er es gewagt hatte, Zweifel an der sowjetischen Invasion beim Volksaufstand in Ungarn 1956 zu äussern. Während dieser Zeit war Harry Wu in 12 verschiedenen Zwangsarbeitslagern, wobei er in jedem etwas anderes herstellte: Chemikalien, Eisen, Kohle, Hühner- oder Schweinefleisch und Früchte – alles für den Export nach Hong Kong, Japan oder Indonesien.

Seit Harry Wu in Amerika im Exil ist, führt er die Stiftung zur Untersuchung der Laogais. Diese «Spezialunternehmen» werden alle unter zwei verschiedenen Namen geführt – einem für die Justiz und einem für die Produktion: «Gefängnis Nummer eins Peking» und «Gummistiefelfabrik Peking». Dabei entlastet die Selbstfinanzierung des chinesischen Gefängnissystems den Staatshaushalt enorm. Dieser ist jedoch bei weitem nicht der Einzige, der von den billigen ZwangsarbeiterInnen profitiert. Laut Harry Wu sind die Laogais auch für die Zentralregierung eine zentrale Einkommensquelle, und sogar multinationale Unternehmen gehören zu den Profiteuren.

«Der fehlende Zugang zu Information machen Nachforschungen allerdings sehr schwierig», sagt Harry Wu. So vermutet er beispielsweise, dass die Importfirma Universal Sun Ray und die Warenhauskette Ben Franklin Stores mit Kunstblumen «Made in China» handeln, die in Zwangsarbeitslagern hergestellt wurden. Sein Verdacht beruht auf der Aussage von Sun, einem politischen Gefangenen, der in einem Zwangsarbeitslager Kunstblumen zusammensteckt. Die Blumen, die er herstellt, sind für den Export bestimmt. Die Markenbezeichnung ist in Englisch und die Preise sind in Dollar angeschrieben.

Auch die Bekleidungsindustrie steht am Pranger der Stiftung. «Wir haben ein Gefängnis mit 1500 Gefangenen besucht, die im Auftrag einer renommierten Kleidermarke Knöpfe an Kleidungsstücke nähten», sagt Harry Wu. Die Konzerne, die er aufzählt, reichen von Weinhäusern bis hin zu Namen bekannter Fotoapparatemarken. In Amerika wurden bereits fünf Unternehmen wegen des Einsatzes von Zwangsgefangenen verurteilt. «Den Unternehmern im Westen läuft das Wasser im Mund zusammen bei der Vorstellung, wie viel Profit sie in China machen können. Ich möchte die Industrieländer aber vor falschen Vorstellungen warnen. Die Gleichung Kapitalismus = Demokratie ist falsch – China ist das beste Beispiel dafür. Lasst euch nicht von Elektronik oder Klimaanlagen irreführen.»

«Den Unternehmen im Westen läuft das Wasser im Mund zusammen bei der Vorstellung, wie viel Profit sie in China machen können.»

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨