Wirtschaft und Menschenrechte Nigeria: Von Ölkatastrophe zu Ölkatastrophe

Zehn Jahre nach der Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa ist die menschenrechtliche und ökologische Situation im ölreichen Nigerdelta so katastrophal wie eh. Immer wieder kommt es zu Konflikten und Ölkatastrophen mit schweren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden für die Lokalbevölkerung.

Chief Jonathan Wanyanwu ist ruiniert. Früher verdiente er mit seinen Palmölkulturen und Maniok-Feldern genug, um sich und seine Familie ernähren zu können. Seit dem 3. Dezember 2003 ist alles anders. Damals barst in Rukpokwu im nigerianischen Bundesstaat Rivers State eine verrostete Ölpipeline des Shell-Konzerns. Es war die dritte Ölpest in Rukpokwu in sieben Jahren. Das Rohöl schoss auf Chief Wanyanwus Land hinaus und verseuchte 300 Hektaren Boden, Trinkwasserquellen sowie eine gemeinschaftlich betriebene Fischfarm. Dann brach ein Feuer aus, das während vier Wochen nicht gelöscht werden konnte.

Noch Monate nach dem Unglück konnte eine Delegation von Amnesty International einen beissenden Geruch bezeugen, der von der Verschmutzung und dem Brand stammte. Von Wanyanwus Raffia-Palmen sind nur verkohlte Stummel übrig geblieben. Überall gibt es Öllachen. In der Regenzeit werden diese Reste auf weitere Felder und in Fischerei-gebiete geschwemmt. «Der Boden ist jetzt vergiftet und schlecht», sagt der Chief. «Es hätte eine nette Farm sein können.»

Erst drei Monate nach dem Pipelinebruch begann die «Shell Petroleum Development Company» (SPDC) mit der Reparatur des Lecks. Das Unternehmen behauptet, die Reparaturteams seien zuvor mehrmals von der Lokalbevölkerung am Betreten der Schadenstelle gehindert worden – obwohl die Gemeinde selbst die Firma über das Unglück informiert hatte. Die SPDC vermutet zudem, das Feuer sei von Unbekannten gelegt worden mit dem Ziel, internationale Aufmerksamkeit zu erregen. Nach Darstellung des Unternehmens werden viele Pipelines im Nigerdelta mutwillig beschädigt, um Entschädigungszahlungen zu erzwingen oder einen Job bei den Aufräumarbeiten zu erhalten. Darüber kann Chief Wanyanwu nur lachen: Durch die Ölpest von 1996 verlor er 157 Palmen, beim Unglück im Jahr 2001 wurden 200 Bäume verseucht. Als Entschädigung wurden ihm umgerechnet rund 100 Franken angeboten, etwa zwei Prozent des reellen Schadens. Und von Aufräumarbeiten ist nichts zu sehen.

Giftige Gase

Mehrere hundert Lecks in Ölleitungen werden im Nigerdelta jedes Jahr gezählt. Dazu kommt die schwere Beeinträchtigung der Luftqualität durch das Abfackeln von so genanntem «gebundenem Gas». Dieses Gas kommt zusammen mit dem Erdöl vor, muss bei der Förderung aber abgetrennt werden. In den Industrieländern wird es weiterverarbeitet oder wieder in die Erde gepumpt. In Nigeria wird es hingegen ungereinigt abgefackelt und entweicht bei ineffizienter Verbrennung als klimaschädigendes Methan in die Atmosphäre. Durch die Aufheizung der Luft verhärtet sich das angrenzende Ackerland. Die hohen Flammen verscheuchen Tiere, saurer Regen aus der Gasabfackelung zerstört Gewässer und lässt die Wellblechdächer in den Dörfern rosten. Bei Kindern in der Region treten gehäuft Augenprobleme, chronischer Husten und Hautkrankheiten auf. Ab 2010 ist die Gasabfackelung in Nigeria verboten. Shell strebt an, dieses Verfahren bereits 2008 einzustellen – ob dies gelingt, ist noch unklar.

Ölreichtum nicht verteilt

Erdöl ist das Lebenselixier der nigerianischen Wirtschaft. Mit 2,5 Mio. Barrel pro Tag ist das Land der elftgrösste Produzent der Welt. Der Rohstoff macht 98 Prozent der Exporte und 80 Prozent der staatlichen Einnahmen aus. Die Weltbank hat errechnet, dass vier Fünftel dieser Staatseinkünfte unter nur einem Prozent der Nigerianer verteilt werden. Namentlich die Bevölkerung im Produktionsgebiet des Nigerdeltas sieht vom Ölreichtum nichts. 70 Prozent müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Gewaltpotenzial auch. Ethnische Konflikte verschärfen die Situation. Alleine in den drei Bundesstaaten Delta, Bayelsa und Rivers kamen letztes Jahr bei Zusammenstössen innerhalb oder zwischen verschiedenen Stämmen mehrere hundert Menschen ums Leben. Häufig werden auch Einrichtungen der Erdölkonzerne angegriffen oder Angestellte in Geiselhaft genommen.

Um die Sicherheitslage im Nigerdelta zu verbessern, entsandte der Staat Sondereinheiten aus Militär und Polizei in die Region. Die Operation trägt den Namen «Restore Hope» (die Hoffnung wiederherstellen). Für die Bevölkerung von Odioma im Staat Bayelsa ist dies purer Zynismus: Am 19. Februar drangen Armee- und Marineeinheiten in die Stadt ein, schossen auf Zivilisten, vergewaltigten Frauen und fackelten Häuser ab. Mindestens 15 Menschen wurden getötet, unter ihnen der zehnjährige Lucky Sidia, der an einem Bauchschuss starb. Inikio Omieye, ein zweijähriges Kind, wurde von den marodierenden Soldaten in ein brennendes Haus geworfen und verbrannte. Mehrere Personen ertranken beim Versuch, über den Fluss zu fliehen. Im Nigerdelta ergreift der Staat Partei – nicht für die Bürgerinnen und Bürger, sondern für die Erdölkonsortien, an denen die als besonders korrupt verschrieene staatliche Gesellschaft NNPC massgebliche Anteile hält.

In den letzten Monaten sind verschiedene Fälle von Komplizenschaft zwischen Behörden und «Big Business» an die Öffentlichkeit gelangt. Nun hat die Kommission für Wirtschafts- und Finanzkriminalität gegen Erdölkonzerne und Spitzenbeamte Ermittlungen wegen mutmasslicher Steuerhinterziehung eingeleitet. Ebenso wird untersucht, wie die Unternehmen in den Fördergebieten insgesamt 193 illegale Flugzeug- oder Helikopterlandeplätze bauen konnten. Da bleiben die Ölkonzerne lieber unter sich: Von einer spanischen Ratingfirma wurde der Shell-Konzern kürzlich als der «ethischste Ölkonzern der Welt» ausgezeichnet, gefolgt von ExxonMobil und BP.



Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨