Peter Benenson (1922 – 2005) Revolutionär für Menschenrechte

«Ich bedaure nichts so sehr, wie die Tatsache, nicht im spanischen Bürgerkrieg gekämpft zu haben. Als ich jung war, glaubte ich daran, dass es möglich ist, die Welt zu verändern, und wir hätten es damals fast geschafft. Doch dann tauchte Hitler auf und für uns brach eine Welt zusammen. Der Kampf für die Freiheit war mein Leben lang meine grösste Leidenschaft.»

Peter Benenson, Gründer von Amnesty International, ist im Februar im Alter von 83 Jahren gestorben. Tausende von Menschen weltweit verdanken ihr Leben der kämpferischen Natur des britischen Anwaltes, dessen Bewegung sich heute weltweit für die Menschenrechte einsetzt.

Peter Benensons Hang zum Disput wurde schon in der Schulzeit sichtbar: Eine Beschwerde an den Schulvorsteher über die schlechte Qualität des Essens in der Schule führte zu einem Brief an die Mutter, in dem sie vor den «revolutionären Tendenzen» ihres Sohnes gewarnt wurde. Im Alter von 16 Jahren startete er seine erste Kampagne und verlangte die Unterstützung der Schule für das «Spanish Relief Committee», das Waisen aus dem spanischen Bürgerkrieg unterstützte. Später richtete sich sein Augenmerk auf die Notsituation der Juden unter Hitlers Naziregime. Trotz Widerstand gelang es ihm, bei Schulfreunden und deren Familien 4000 britische Pfund zusammenzubringen, um zwei junge deutsche Juden nach Grossbritannien zu bringen, womit er ihnen wahrscheinlich das Leben rettete. Während des Kriegs studierte Benenson ein Jahr Geschichte, bevor er zur Armee ging und nach dem Krieg sein Examen als Rechtsanwalt ablegte. Ausserdem wurde Benenson Mitglied der Labour Party (Arbeiterpartei) und der Society of Labour Lawyers (Gesellschaft der Arbeiteranwälte). Anfang der 1950er-Jahre schickte der Gewerkschaftskongress Benenson als Prozessbeobachter nach Spanien, um Gerichtsverhandlungen gegen Gewerkschafter zu verfolgen. Benenson war entsetzt über das, was er sah, und stellte eine Liste mit Beschwerden auf, mit der er den Verhandlungsrichter konfrontierte. Die Gerichtsverhandlungen endeten mit Freisprüchen, eine Seltenheit im faschistischen Spanien. Kurz darauf überzeugte er die Anwälte der englischen Parteien, während des Ungarnaufstandes von 1956 Beobachter zu schicken, um korrekte Gerichtsverfahren zu gewährleisten. Das Gleiche erreichte er für Südafrika, wo ein wichtiges Verfahren wegen Landesverrats bevorstand. Sein vielfältiges Engagement brachte Benenson nicht nur internationales Ansehen, sondern bildete die Grundlage für sein wichtigstes Projekt – die Gründung von Amnesty International im Jahr 1961. Benenson war zutiefst empört, als er im «Daily Telegraph» einen Artikel über die Verhaftung von zwei Studenten in einem portugiesischen Restaurant las, die auf die Freiheit angestossen hatten.

Die Gründung

Die Publikation eines Appells auf der Frontseite des «Observer» unter dem Titel «Die vergessenen Gefangenen» war die Geburtsstunde von Amnesty International. «Gewissensgefangener» wurde bald zu einem allgemein bekannten Begriff. Das Logo der Bewegung, eine mit Stacheldraht umwickelte Kerze, ist bis heute das weltweite Symbol für Hoffnung und Freiheit. Anfänglich arbeitete Peter Benenson unermüdlich für die neue, aufstrebende Bewegung. Er war aktiv bei der Beschaffung der Finanzmittel, nahm an Untersuchungsmissionen teil und spielte in allen Bereichen der Organisation eine wichtige Rolle. «Wir wurden damals ins kalte Wasser geworfen und lernten», sagte Benenson später. «Wir probierten alles, um die Öffentlichkeit zu erreichen, und waren sehr dankbar für die breite Unterstützung von Medienleuten überall auf der Welt, die uns nicht nur Informationen von Gefangenen lieferten, sondern, wann immer möglich, auch Berichte über Gefangene veröffentlichten. Ich denke, es ist die Öffentlichkeitsarbeit von Amnesty International, die die Organisation weltweit bekannt machte. Nicht nur bei den Lesern, sondern auch bei Regierungen – und das ist es, was zählt.»

Unermüdlich

Peter Benenson hörte niemals auf, für eine bessere Welt zu kämpfen. Er gründete eine Gesellschaft für Menschen mit Zöliakie (Erkrankung der Dünndarmschleimhaut), einer Krankheit, unter der er selber gelitten hat. In den 1980er-Jahren wurde er Vorsitzender der neu gegründeten Association of Christians Against Torture (ACAT, Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter), und in den 1990ern organisierte er Hilfe für die Waisenkinder in Ceaucescus Rumänien. An einer Feier zum 25-jährigen Bestehen von Amnesty International vor der Kirche St. Martin’s in the Fields in London zündete er in einer symbolischen Geste eine Kerze an, nahe bei dem Ort, an dem er zum ersten Mal die Idee einer internationalen Menschenrechtsorganisation gehabt hatte. «Diese Kerze brennt nicht für uns», erklärte Benenson, «sie brennt für alle, die wir nicht aus dem Gefängnis retten konnten, die auf dem Weg ins Gefängnis erschossen wurden, die gefoltert oder entführt wurden, die verschwunden sind.»

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨