Uruguay Schicksal zahlreicher «Verschwundener» ungeklärt

In Uruguay ist das Schicksal zahlreicher «Verschwundener» ungeklärt. Eine Ausnahme ist Simón, den seine Mutter, Sara Méndez, nach über 25-jähriger Suche gefunden hat. Méndez hofft auf Vergangenheitsbewältigung unter dem neuen Staatspräsidenten Tabaré Vázquez.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Uruguay einen linken Präsidenten, zudem hat die breite linke Koalition «Frente Amplio» eine Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments. Die neue Regierung hatte ihre Wahlkampagne unter anderem mit dem Versprechen geführt, das Schicksal der während der Militärdiktatur (1973 bis 1985) «verschwundenen» Personen aufzuklären. Zu den Opfern gehört Sara Méndez, der das scheinbar Unmögliche gelang: Nach über 25-jähriger Suche fand sie ihren Sohn Simón wieder, den ihr Militärs entrissen hatten. Damit hat ihre persönliche Leidensgeschichte zwar ein Ende – der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit hat sie jedoch ihr Leben verschrieben. «Die neue Regierung muss endlich das Schicksal der ‹Verschwundenen› aufklären», fordert die Menschenrechtsaktivistin, die auf Einladung der Organisation «Desaparecidos Uruguay» in Genf weilte. «Kein einziger Angehöriger des Militärs hat sich bisher vor Gericht verantworten müssen.»

«Operation Condor»

Als politisch Oppositionelle war Sara Méndez 1973 nach Argentinien geflohen. Als sich auch dort das Militär an die Macht putschte, wurde die Lage der zahlreichen Flüchtlinge aus Uruguay prekär. In der «Operation Condor» verfolgten die Streitkräfte Argentiniens, Uruguays, Chiles und anderer Länder gemeinsam Oppositionelle. Als 1976 auch Sara Méndez gefasst wurde, musste sie ihren 20 Tage alten Sohn Simón den Militärs überlassen. Sie verbrachte vier Monate in der für Folter berüchtigten Haftanstalt «Automotores Orletti» in Buenos Aires und in verschiedenen Haftzentren in Uruguay. Schliesslich wurde sie von einem Militärgericht wegen «Terrorismus» verurteilt. Als Sara Méndez nach fünf Jahren frei kam, begann sie die Suche nach ihrem Sohn. «Ich kenne Simóns Entführer: Es sind bekannte Militärs. Sie laufen frei herum»: Sara Méndez hatte in Uruguay, in Europa und auch in der Schweiz auf die Straflosigkeit in ihrem Land aufmerksam gemacht und Unterstützung gesucht. Das so genannte ‹Verjährungsgesetz› verhindert bis heute, dass sich Angehörige des Militärs und der Polizei für Menschenrechtsverbrechen während der Diktatur verantworten müssen. Wie Amnesty International haben auch das Uno-Menschenrechtskomitee und die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) wiederholt kritisiert, dass dieses Gesetz gegen internationale Standards verstosse.

Zermürbende Suche

Trotz Hilfe der argentinischen «Grossmütter der Plaza de Mayo» und anderer Menschenrechtsorganisationen musste Sara Méndez viele Enttäuschungen hinnehmen. Von der Regierung hat sie kaum Unterstützung erhalten. Die Ungewissheit über «verschwundene» Angehörige gilt gemäss der entsprechenden Uno-Konvention als Folter. Sara Méndez’ zermürbende Suche wurde schliesslich belohnt: Dank der Hilfe eines Journalisten und eines sozialdemokratischen Senators fand im März 2002 die erste Begegnung mit Simón statt. Simón, der von einem Polizisten und seiner Frau adoptiert worden war, sei von Anfang an erstaunlich offen gewesen, erzählt Sara Méndez. Trotz des freudigen Wiedersehens sei die Wahrheit für den bald 29-Jährigen – er lebt unter einem anderen Namen und hat den Schritt an die Öffentlichkeit bisher nicht gemacht – schwer zu ertragen. Dass seine Adoptiveltern seine Herkunft bis zuletzt verheimlichten, habe ihn getroffen. Während er ihnen eine glückliche Kindheit verdanke, blieben doch auch Zweifel, was die Rolle seiner Eltern während der Diktatur anbelange. «In dieser Geschichte gibt es keine Unschuldigen», sagt Sara Méndez. Den Kontakt zu den Adoptiveltern – der Vater ist unterdessen gestorben – hat sie darum nie gesucht: «Das sind zwei Anteile einer Geschichte, die sich nicht mehr zusammenfügen lassen.»


Keine Gerechtigkeit

In den drei vergangenen Jahren ist viel geschehen: Simón hat seine Grossfamilie in Uruguay kennen gelernt und eine psychologische Behandlung angefangen. Sara Méndez besucht ihn regelmässig in Argentinien. Um sie ist es etwas ruhiger geworden. Ihre Suche nach Gerechtigkeit für die Opfer der Militärdiktatur setzt sie aber fort: So hat sie, zusammen mit ihrem zweiten Mann, Raúl Olivera, ein Buch über ihre «verschwundene» Jugendfreundin Elena Quinteros geschrieben, deren Fall in Uruguay weiterhin aktuell ist.



Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Mai 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨