Wo bleibt die Hoffnung?

Srebrenica wirkt wie eine Geisterstadt. Viele Häuser stehen leer, die Schule ist in desolatem Zustand, die Infrastruktur katastrophal. Und über allem liegt immer noch der Schatten des Völkermordes von 1995.

Von Sarajevo führt die Strasse über kleine Pässe und Hochebenen nach Srebrenica. Vorbei an Wäldern, durch einsame, sehr idyllische Gegenden, hinein ins Tal der Drina, die hier «blutige Drina» genannt wird, via Potocvari nach Srebrenica. Die Annäherung geschieht langsam. Zuerst kommt das zerstörte Fussballstadion. Danach eine serbische Flüchtlingssiedlung, die erst seit zwei Jahren besteht. Das Krankenhaus, das nur minimale ambulante Versorgung garantiert. Die Tankstelle, eine schäbige Busstation, das Polizeigebäude, das Schulareal. Wohnblöcke, schwarz, verrusst, mit Einschusslöchern.

Triste Lage

Das Hotel Domavia, das Ruine, Flüchtlingsunterkunft und Hotel in einem ist. Es liegt dort, wo die einst florierende Bergwerksstadt mit ihren Silber-, Zink- und Bleiminen ihr Zentrum hatte. Vor dem Krieg, als hier gelebt und gearbeitet werden konnte, als nicht wichtig war, wer bosniakisch und wer serbisch ist. Heute ist die Strasse verlassen, das Kurhotel eine Ruine, das Heilwasser ungenutzt. Im Zentrum türmt sich der Müll, streunende Hunde suchen nach Essensresten. Die Situation ist trist. Von den Millionen, die an internationaler Hilfe in die Region geflossen sind, ist wenig zu sehen. Natürlich: Die Wasserleitungen sind repariert, das Stromnetz ist zumindest in der Stadt intakt. Doch die meisten Häuser sind verlassen, ausgebrannt, zerbombt. Die neuen Gebäude sind schnell aufgezählt: das Unternehmen BosAgroFood, eine schwedische Firma, die ausschliesslich Serben beschäftigt und tiefgekühlte Beeren exportiert, die Tankstelle, das Polizeigebäude, das Gemeindehaus, die Kirche und die Moschee. Neu eingerichtet ist auch die Bank, renoviert das Restaurant Misirlije von Abdulah Purkovi´c, einem der Rückkehrer, die es geschafft haben. Ein Einzelfall. 40000 Menschen zählte die Gemeinde Srebrenica vor dem Krieg, in der Stadt lebten 12000, der Rest in den Gemeinden, die bis zu 60 Kilometer vom Zentrum entfernt sind, Streusiedlungen mit zum Teil wenigen Häusern. 70 Prozent der Bevölkerung waren einst bosniakisch, 30 Prozent serbisch. Heute leben 10000 Menschen in der Gemeinde Srebrenica, die so gross ist wie der Kanton Zug – etwa 4000 sind bosniakisch (400 bis 500 davon in der Stadt, 3500 auf dem Land) und 6000 serbisch. Etwa 10000 Männer wurden nach dem Juli 1995 vermisst. Etwa 1300 von ihnen sind auf dem Friedhof neben dem Memorial in Potocvari begraben, etwa 5000 Leichen warten in Kühlhallen in Tuzla darauf, identifiziert zu werden, immer wieder werden neue Massengräber gefunden und geöffnet. Der Völkermord – mittlerweile von der Uno, von den bosnischen Serben und der Regierung in Belgrad offiziell als solcher anerkannt – hat nicht nur tiefe Spuren hinterlassen, sondern auch die Rückkehr der überlebenden Vertriebenen grösstenteils verhindert. Erst seit drei Jahren kehren bosniakische Menschen nach Srebrenica zurück. Menschen wie Hatidvza Mehmedovi´c oder Ramo Kadri´c.

Spürbare Wunden

Hatidvza Mehmedovi´c hat beim Massaker von Srebrenica im Juli 1995 ihren Mann, ihre beiden Söhne (13 und 15 Jahre waren sie alt), zwei Brüder und vier Neffen verloren. Sie war in Tuzla in einem Kollektivzentrum, dann im Haus eines Serben in Vogosza, einem Vorort von Sarajevo. 2002 kehrte sie nach Srebrenica zurück. Alleine. In das Haus, das sie gemeinsam mit ihrer Familie bewohnt hatte. Damals, vor dem Krieg. Die Einschusslöcher sind fast nicht mehr zu sehen, die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, hingegen deutlich spürbar. 53 Jahre alt ist Hatidvza Mehmedovi´c, eine religiöse Muslimin, Präsidentin des Volksvereins, der einzigen Organisation in Srebrenica, die sich für die Suche nach den vermissten Personen einsetzt. «Ich will wissen, wer meine Familie auf dem Gewissen hat. Ich will die Wahrheit wissen. Auch wenn das weh tut.» Mehmedovi´c arbeitet mit Frauenorganisationen zusammen, verteilt für die Gesellschaft für bedrohte Völker in Sarajevo Hilfsgüter. Eine gute Arbeit. Eine, die vergessen lässt… Vergessen will auch Ramo Kadri´c. Aber das sei nicht so einfach, sagt er, zeigt auf den Wald rund um das Dörfchen Orsat, eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt. «Dort habe ich gekämpft, gemeinsam mit den Kollegen, hungrig und barfuss haben wir uns im Wald versteckt.» Ramo war der erste Bosniake von Srebrenica, den die serbischen Nationalisten töten wollten. «Sie haben mich geschnappt, einen halben Meter über dem Boden aufgehängt, wollten mich erschiessen.» Der Mann, 49 Jahre alt, arbeitslos und 80 Prozent invalid, kann die Tränen nicht unterdrücken. Ein Serbe habe sich für ihn eingesetzt, eine Stunde lang verhandelt, ihm das Leben gerettet. Ramo Kadri´c wohnt mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn in Orsat. 3400 Menschen haben vor dem Krieg hier gelebt, jetzt sind es knapp 400. Kadri´c ist Ortschef, bemüht sich um Wiederaufbau, ist mit einem serbischen Nachbarn befreundet. Wie es so weit kommen konnte? Er hat keine Ahnung, präsentiert Verschwörungstheorien, erzählt, wie er als Brötchenauslieferer in seinem Auto die Toten und Verwundeten transportiert hat, spricht von den Leichen, über die er auf der Flucht steigen musste, von jenen, die wegen des Salzmangels blind geworden seien. Und von seiner Rückenverletzung. Gemeinsam mit fünf Kollegen war er dort, wo eine Granate der Serben explodierte. «Die anderen vier waren sofort tot, mich traf ein Granatsplitter, ich flog zehn Meter durch die Luft, lag drei Monate lang im Koma.» Jetzt bestellt er sein Land, so gut es eben geht, wenn keine Maschinen zur Verfügung stehen. «Wir bauen Mais, Kartoffeln und Gemüse an, haben Äpfel- und Zwetschgenbäume.» Und irgendwie geht das Leben weiter. Auch wenn es hart ist.

Hilfe und Gerechtigkeit

Für die Menschen von Srebrenica ist es wichtig, dass sie weiterhin unterstützt werden. Von der österreichischen Hilfsorganisation Bauern helfen Bauern, von Caritas Schweiz, vom Technischen Hilfswerk aus Deutschland zum Beispiel. Aber sie brauchen nicht nur Unterstützung, sie brauchen auch Gerechtigkeit. «Diejenigen, die für diese Schandtaten verantwortlich sind, müssen vor Gericht gestellt und bestraft werden», fordern Hatidvza Mehmedovi´c und Ramo Kadri´c. «Erst dann wird hier normales Leben wieder möglich sein.»