Mexiko Das Morden geht weiter

Mehr als 430 Frauen wurden in den letzten zwölf Jahren in Ciudad Juarez im Norden Mexikos ermordet. Die Familien der Opfer haben noch immer keine Gerechtigkeit erfahren, und das Morden geht weiter.


Marisela Ortiz richtet das
rosa gestrichene Holzkreuz wieder auf, auf dem der Name Claudia steht. Es steht auf einem brachliegenden Gelände in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juarez. Im Jahr 2001 wurden hier die Leichen von acht jungen Frauen gefunden. Heute erinnern acht rosafarbene Holzkreuze an ihr Schicksal. Sie werden rund um die Uhr von der mexikanischen Polizei bewacht. «Die würden besser nach den Verantwortlichen suchen, anstatt hier herumzustehen», murmelt Marisela.

Straflosigkeit für die Täter

In der Industriestadt, die nur ein Fluss von den USA trennt, wurden in den letzten zwölf Jahren mehr als 430 Frauen ermodert – im Jahr 2005 sind es bereits 23. Ciudad Juarez ist eine hässliche Stadt, deren enormes Wachstum vor allem auf die Ansiedlung von amerikanischen Unternehmen zurückgeht, die hier billig für den Export produzieren. In fünfzehn Jahren hat die massive Immigration das kleine Dorf in eine Zweimillionenstadt ohne Seele und mit überbevölkerten Slums verwandelt. 
Seit eine ihrer SchülerInnen, die 17-jährige Alejandra Andrade, vor fünf Jahren ermodert wurde, engagiert sich Marisela gegen die Frauenmorde. «Diejenigen, die hinter den Morden stehen, sind mächtig», ist Marisela überzeugt. Bislang wurde in keinem der Fälle der «wahre» Täter belangt – die einzigen Männer, die verurteilt wurden, legten ihr Geständnis unter Folter ab. Einer wurde aus der Haft entlassen, nachdem seine Unschuld bewiesen worden war. Gleichzeitig gehen die Frauenmorde weiter. Im Büro der Organisation Nuestras hijas de regreso a casa (Unsere Mädchen kommen nach Hause) arbeitet Marilu Andrade, die Schwester von Alejandra. «Eine Mutter hat gerade angerufen, deren Tochter seit zehn Tagen verschwunden ist. Wir müssen sofort eine Anzeige in die Zeitung stellen!» Die vor fünf Jahren von Marisela und Alejandras Mutter gegründete Organisation hilft den Familien von ermordeten Mädchen beim Justizverfahren. «Die Verfahren sind sehr schwierig. Beweismaterial wird oftmals zerstört, die Justiz behindert, und die Angehörigen erhalten Drohungen», sagt Marilu.
Drohungen hat auch Marisela Ortiz erhalten. Im Jahr 2003 wurde sie von zwei Fahrzeugen verfolgt, und  vor einigen Monaten kam eine Schülerin zu ihr und berichtete, sie habe Leute darüber diskutieren hören, «dass man die Stadt von dieser hysterischen Frau befreien sollte». Unzählige Male pro Tag nimmt Marisela ihr Handy aus der Tasche, um ihre Tochter anzurufen und sich zu vergewissern, dass ihr nichts passiert ist. Sie hat sich dazu entschieden, ihre Tochter in die USA zu schicken, um nicht mehr in ständiger Angst um sie leben zu müssen.

Kleine Fortschritte?

«Vor zwei Jahren bin ich gekommen, um die Öffentlichkeit auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen. Seither haben Tausende unserer Mitglieder Briefe an die Behörden geschickt und sich für Gerechtigkeit eingesetzt. Wie ihr alle hatte ich
klare Fortschritte erhofft und bin enttäuscht zu sehen, dass das Morden weitergeht», sagte Irene Khan anlässlich ihres Besuches in Ciudad Juarez in diesem Sommer.
Trotzdem sieht Servando Pineda Jaimes, der Ehemann von Marisela, und Professor an der Universität von Ciudad Juarez, gewisse Fortschritte: «Die vorherigen Gouverneure leugneten das Problem und taten die Morde als Einzelfälle ab. Der aktuelle Gouverneur zeigt wenigstens den Willen, das Problem von Grund auf anzugehen. Glauben sie nicht, dass dies vom Himmel fällt: Nur dank stetem Druck können sich die Dinge in dieser Stadt ändern.»   

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom November 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion