Todesstrafe «Familienmitglieder werden wie Mörder behandelt»

Die amerikanische Justiz ist diskriminierend und begeht kapitale Fehler. Anlässlich einer gut besuchten Vortragstournee zur Todesstrafe – organisiert von ACAT, Amnesty International und Lifespark – berichtete Martina Correia über ihren Bruder, der unschuldig zum Tod verurteilt wurde, und über die Folgen für die ganze Familie.

«In den Augen der AmerikanerInnen bin ich nur noch die Schwester eines Mörders», erzählt Martina Correia aus Savannah im US-Bundesstaat Georgia. Ihr Bruder Troy Anthony Davis sitzt seit 14 Jahren im Todesstrakt eines Gefängnisses in Georgia. «Während des Prozesses wurden wir Familienmitglieder wie Mörder behandelt – und das war nur der Beginn.» In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, ja sogar in der Kirche wird die Familie seither geächtet und gemieden. «Das passiert allen Angehörigen von TodestraktinsassInnen», weiss Correia, die sich seit Jahren für diese vergessenen Opfer der Todesstrafe einsetzt.

Correia ist Afroamerikanerin. Das ist kein Zufall – denn die Todesstrafe ist ein «Privileg» der Minderheiten. «Nie hätte ich gedacht, dass meine Hautfarbe ausschlaggebend sein könnte bei der Frage, wie viel Gerechtigkeit ich von meinem Staat erwarten darf», sagt Correia. Die Hautfarbe von Opfern und TäterInnen spielt bei der Strafzumessung eine massgebliche Rolle. Eine umfassende Studie in Georgia zeigte auf, dass für den Mord an einem weissen Opfer 4,3 Mal wahrscheinlicher ein Todesurteil verhängt wird als für den Mord an einer schwarzen Person.

Albtraum für Angehörige

Martina Correia ist überzeugt davon, dass ihr Bruder unschuldig im Todestrakt sitzt. Troy Davis wurde 1991 für den Mord an einem Polizisten zum Tod verurteilt. Fünf der sechs AugenzeugInnen, die Troy massgeblich belastet hatten, haben ihre Aussagen in der Zwischenzeit zurückgezogen mit der Begründung, dass sie vor der Gerichtsverhandlung von Polizei und Staatsanwaltschaft unter Druck gesetzt und bedroht worden seien. Der sechste Zeuge – laut Correia der wahre Täter – erhielt von der Polizei Immunität für seine Aussage, die Troy als Mörder identifizierte. «Vielleicht kann mein Bruder diese neuen Beweise nie einem Gericht vorlegen», erklärt Correia. Der Fall hat bereits die Bundesebene erreicht, wo in den meisten Fällen nur noch Verfahrensmängel vorgebracht werden können. «Wir können nicht feststellen, dass die Weigerung der unteren Instanzen, neues Beweismaterial zu berücksichtigen, das Prinzip der grundlegenden Fairness verletzt», urteilte der Oberste US-Gerichtshof 1993. Die Hinrichtung von Unschuldigen ist in den USA folglich nicht zwingend verfassungswidrig.

«Ob schuldig oder nicht, die Familien tragen das Schicksal dieser Strafe mit – jahrein und jahraus», schildert Correia den nicht endenden Albtraum für die Angehörigen. «Tod und Sterben sind Teil unseres Lebens geworden.» Ihr Sohn DeJaun kennt das Gefängnis seines Onkels seit Geburt. Anfänglich glaubte er, Onkel Troy lebe in einer besonderen Schule. Heute kennt der 11-Jährige die Realität. «Männer, mit denen mein Sohn vor Jahren Freundschaft schloss, sind eines Tages plötzlich aus dem Besucherraum des Gefängnisses verschwunden. Er weiss, was das bedeutet, und spricht dann stundenlang nicht mehr.»

Seit Jahren kämpft Correia dafür, dass das Verfahren für ihren Bruder nicht tödlich endet und dass Troy – wie 117 Verurteilte vor ihm – als unschuldig entlassen wird. Ihr Traum? «Dass Troy endlich freikommt und wir zusammen gegen die Todesstrafe kämpfen können.»

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom November 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion