Buchbesprechung Kampfschrift gegen die Armut

Jean Zieglers neues Buch, «Das Imperium der Schande», ist ein ungemütliches Buch. Es berichtet über Dinge, die wir als wohlhabende NordländerInnen lieber nicht wissen möchten.

Jean Ziegler, der Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat auf seinen Reisen genau hingeschaut: Er hat sich auf die Mülldeponie von Brasilia begeben, um zu sehen, was es heisst, von Abfällen leben zu müssen. Er ist zu den Waisenkindern in den Heiztunneln von Ulan Bator hinabgestiegen und hat Auffangheime für Strassenkinder und Gottesdienste für Mittellose besucht. Doch Ziegler geht es nicht allein darum, die weltweit verbreitete Armut und den Hunger zu dokumentieren. Er will zeigen, wer an dieser Situation schuld ist. Ziegler klagt an, direkt und undiplomatisch. Im Zentrum von Zieglers Analyse steht die Verschuldung. Der Soziologe beschreibt, wie die Entwicklungsländer regelrecht im Würgegriff der Schuldenlast gehalten werden, ohne sich aus eigener Kraft daraus befreien zu können. Jeder vom IWF oder einer internationalen Bank gewährte Kredit führt zu neuen Schulden, deren Tilgung wiederum Jahre in Anspruch nimmt. Der Umfang der Rückzahlungspflichten ist im Vergleich zu den Staatsbudgets oft enorm, sodass die Länder der Dritten Welt in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt oder gar blockiert werden.

«Widerliche Schulden»

Ziegler erwähnt insbesondere die Problematik der so genannt «widerlichen Schulden», die ein Regime für unlautere Absichten, etwa für Bürgerkriege oder korrupte Geschäfte, angehäuft hat. Oft haben nachfolgende Regierungen enorme «widerliche Schulden» ihrer Vorgänger abzuzahlen, was ihre Chancen auf einen Neuanfang entscheidend schmälert.
«Der Hunger ist […] die hauptsächliche Todesursache auf unserem Planeten. Und dieser Hunger ist von Menschenhand gemacht. Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes. Und der Mörder trägt einen Namen, er heisst: Verschuldung», schreibt Ziegler. Wer Armut und Hunger bekämpfen will, kommt um die Lösung der Schuldenfrage nicht herum.

«Neue Feudalherren»

Im Visier von Ziegler stehen ausserdem die «neuen Feudalherren», die so genannten Kosmokraten, die Herrscher des Imperiums der Schande: «Heute haben sich neue Feudalsysteme herausgebildet, die unvergleichlich mächtiger, zynischer, brutaler und gerissener sind als die früheren, nämlich die transkontinentalen Privatgesellschaften der Industrie, des Bankenwesens, des Dienstleistungssektors und des Handels.» Ziegler beschreibt, wie den Ländern der Dritten Welt ihre Rohstoffe für viel zu tiefe Preise abgekauft werden, während diese ihre Importgüter zu weit höheren Preisen erstehen müssen. Diese Feststellung ist nicht neu. Interessant ist, wie Ziegler damit umgeht: Er wehrt sich vehement dagegen, dass die Ungerechtigkeit des globalen Handels «den globalen Kräften des Marktes» zugeschrieben wird, wie dies die Vertreter der multinationalen Grossunternehmen gerne tun würden.
Zwischen all den Zahlen, die Ziegler in seinem Buch präsentiert und interpretiert, finden sich auch bemerkenswerte Abschnitte über die Schönheit der Natur in den von ihm bereisten Ländern und – immer wieder – über die unglaubliche Würde, mit der arme Menschen ihr Leben leben, etwa in Äthiopien.
«Das Imperium der Schande» ist kein reines Sachbuch. Es ist auch ein Buch der Geschichte und der Geschichten, oft sehr persönlichen, und es trägt Züge einer Kampfschrift. Ziegler zeigt auf diejenigen, die für Armut, Hunger und Verschuldung verantwortlich sind. Doch, so fragt man sich als LeserIn: Ist es gerechtfertigt, die grossen Nahrungsmittelkonzerne, die internationalen Banken oder den IWF und ihre «Kosmokraten» als die eigentlichen «bad guys» darzustellen, die quasi losgelöst vom Rest der Welt und beinahe allmächtig ihr Unheil anrichten? Sind wir nicht alle ein bisschen an der Aufrechterhaltung dieses Systems beteiligt?


C. Bertelsmann, München 2005. Fr. 34.90.

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom November 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion