Guatemala «Was offen gelegt wird, lähmt nicht mehr»

Die Exhumierung der Kriegsopfer ist für die Aufarbeitung der Vergangenheit und den Friedensprozess in Guatemala zentral. Für die indigene Bevölkerung können die Toten erst Ruhe finden, wenn sie zeremoniell bestattet wurden. Ausserdem liefern die Funde wertvolle Beweise für die begangenen Kriegsverbrechen.

Das indigene Hochland von Guatemala ist paradiesisch schön mit seinen Vulkanen und Seen, den schneeweissen kolonialen Kirchen und indianischen Märkten. Aber dieses Paradies hat im 36 Jahre dauernden Krieg der guatemaltekischen Armee gegen die Maya-Bevölkerung seine Unschuld verloren. Es wurde zum Massengrab und zur verbrannten Erde. Die indigene Bevölkerung lebt bis heute, fast zehn Jahre nach dem offiziellen Kriegsende von 1996, auf Massengräbern. Sie befinden sich unter Schulhöfen, Fussballplätzen, Maisfeldern, ehemaligen Militärstützpunkten, in Schluchten und Wäldern.
Schätzungsweise 200000 Menschen wurden von der Armee und den paramilitärischen Truppen, PAC (Patrullas de Autodefensa Civil) ermordet oder «zum Verschwinden» gebracht; 83 Prozent davon waren Indigenas. 93 Prozent aller Morde gehen auf das Konto der Armee, drei Prozent wurden von der Guerilla verübt.
Eine Million Menschen wurde intern vertrieben. Mehr als 30000 von ihnen überlebten unter dauernder Bombardierung, u.a. mit Pilatus-Flugzeugen, in den so genannten Widerstandsdörfern, wo vor allem Kinder und alte Menschen massenhaft an Erschöpfung, Krankheit und Hunger starben. 500 indigene Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Auf ihrer Asche baute die Armee so genannte Modelldörfer, wo die in den Bergen zusammengetriebene Bevölkerung zwangsangesiedelt wurde und unter der totalen Kontrolle der Armee leben musste. Mehr als 600 Massaker wurden an der indigenen Bevölkerung begangen. Dabei wurden Frauen oft massenhaft öffentlich oder vor den Augen ihrer Familien vergewaltigt, ebenfalls Kinder. Viele Kinder wurden von Soldaten oder Paramilitärs entführt, in deren Familien als Arbeitskräfte missbraucht oder zur Adoption ins Ausland gegeben. Ein Grossteil bleibt bis heute verschwunden. Der Krieg hat das gesamte Sozialgefüge in den Dörfern zerstört, die schrecklichen Ereignisse haben eine traumatisierte und entwurzelte Bevölkerung zurückgelassen.
Nachdem weder die Armee noch die Guerilla den Krieg militärisch hatte gewinnen können und auf Druck der internationalen Gemeinschaft wurde  1996 ein Friedensabkommen unterzeichnet, dessen Umsetzung bis heute auf sich warten lässt. Als die Überlebenden nach dem Krieg die Gräber ihrer Angehörigen in den Bergen suchten, fanden sie sie oft nicht mehr, weil die Natur die Spuren verwischt hatte.

Unruhige Seelen

Das Denken der Mayas wurzelt in ihrer Kosmologie, wonach Leben und Tod als Kreislauf ineinander übergehen. Die Lebenden stehen in enger Beziehung zu ihren Toten, die in ihren Riten, Träumen, Feierlichkeiten und Zeremonien ständig präsent sind. Die Verstorbenen sind nicht wirklich tot, sondern bleiben Teil der Gemeinschaft und gehören ganz selbstverständlich zum Alltag. Bei jedem Familienfest gilt beim Umtrunk der erste Schluck den Verstorbenen, man spricht mit ihnen, bei Problemen geht man zu ihrem Grab und fragt sie um Rat. Wenn sie aber im Krieg wie Tiere verscharrt werden, kommen sie nicht zur Ruhe. «Sie schreien unter der Erde», sagen die Überlebenden. Oft verraten ihnen Träume, wo die Angehörigen liegen, oder helfen ihnen, sie zu identifizieren. Bei einer Exhumierung in Nebaj erzählte einer der Anwesenden, seine Mutter sei ihm im Traum erschienen und hätte sich beklagt, sie sei an einem schrecklichen, kalten Ort und möchte nach Hause gebracht werden. Es zeigte sich, dass dies die tiefe Schlucht hinter dem Dorf war. Die Mutter konnte exhumiert werden und liegt jetzt auf dem Dorffriedhof, wie sie es sich wünschte. Wie sehr die Toten im Leben der Mayas weiterleben, zeigt auch ein Ereignis im Dorf Joyabaj in El Quiché, wo sich im Jahr 1999 ein Erdrutsch löste und menschliche Überreste zum Vorschein brachte. Die Angehörigen sagten: «Die Toten haben den Erdrutsch ausgelöst, weil sie nicht mehr länger verscharrt bleiben wollten.»

Trauerprozess beenden

Der Wunsch nach der Exhumierung der ermordeten Angehörigen wurde in den Dörfern, wo die Überlebenden bis heute neben den Mördern ihrer Angehörigen leben, aus Angst jahrelang unterdrückt. Erst nach der Veröffentlichung der Wahrheitsberichte und mit der Präsenz von Menschenrechtsgruppen haben die Überlebenden langsam den Mut gefunden, die Existenz von geheimen Friedhöfen und ihren Wunsch nach Exhumierungen zu melden.
Exhumierungen sind, wie in andern Ländern auch, offizielle, gesetzlich geregelte Prozesse. Sie verlangen viel Engagement und psychologisches Geschick der Beteiligten. Das Zusammenspiel zwischen professioneller Arbeit und spirituellen Maya-Ritualen ist zentral. Den Erinnerungen und Schilderungen der Angehörigen wird viel Platz eingeräumt. Sie werden über den legalen Prozess informiert und über die Möglichkeit einer Anklage gegen die Täter und einen möglichen Prozess. Bisher hat kaum eine Exhumierung zu einer Anklage geführt: Zu gross ist noch die Angst, zu beschränkt die Mittel der Überlebenden.

«Knochen sprechen»

Laut Gesetz müssen die Staatsanwaltschaft und die offiziell anerkannten forensischen AnthropologInnen eingeschaltet werden. Die ausgegrabenen Überreste werden im Beisein der Familien ausgegraben und in die Labors gebracht, wo sie gereinigt und untersucht werden. Oft können so die Geschichten der Angehörigen ergänzt und präzisiert und die direkten Todesursachen eruiert werden. «Die Knochen sprechen», wie ein Anthropologe im Labor in Guatemala-Stadt sagte. Die Überreste jedes Opfers werden den Angehörigen zurückgegeben, diese erhalten einen schriftlichen Bericht, ebenso die Staatsanwaltschaft.
Die Bedeutung der Gedenkstätten, Wahrheitsberichte und Exhumierungen liegt in der Öffentlichmachung der Wahrheit. «Was offen gelegt wird, lähmt nicht mehr», sagte Rigoberto Perez Garrido, Koordinator des Projekts «Recuperatión de la Memoria Historica» (REMHI) in der Diözese Quiché. REMHI wurde 1995 von den katholischen Kirchen in Guatemala initiiert und hat während drei Jahren 6500 Zeugenaussagen von Betroffenen über den Krieg und die Gräueltaten dokumentiert. Wie gefährlich es ist, die Wahrheit ans Licht zu befördern, hat Rigoberto Pérez selbst erfahren. Im Frühling 2002 wurde seine Pfarrei angezündet und vollständig zerstört, wichtige historische Dokumente verbrannten, und beinahe wären auch Überreste aus einer Exhumierung mitverbrannt. Rigoberto Pérez erhielt am nächsten Tag Todesdrohungen, ebenso die MitarbeiterInnen aller Exhumierungsorganisationen. Weder die Brandlegung noch die Todesdrohungen wurden je aufgeklärt.
Exhumierungen sind ein Politikum, dies zeigen solche Drohungen und Einschüchterungen. Aber sie sind notwendig, weil sie ein wichtiges Instrument zur Aufarbeitung des historischen Gedächtnisses und zur Versöhnung zwischen Lebenden und Toten, im besten Fall auch zwischen Opfern und Tätern sind. Insofern sind sie auch eine Botschaft der Hoffnung.   




Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom November 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion