Standpunkt Zwangsabtreibung als Waffe

Rebiya Kadeer stammt aus der Westregion Xinjiang-Uiguren, in der China seit Jahren eine Politik der Unterdrückung betreibt. Weil sie sich für die Rechte des uigurischen Volkes einsetzte, sass die erfolgreiche Geschäftsfrau fast sechs Jahre im Gefängnis. Seit ihrer Entlassung aus der Haft im März dieses Jahres lebt sie im Exil in den USA.

Als Xinjiang-Uiguren 1949 von China besetzt wurde, war die Bevölkerung noch mehrheitlich uigurisch. Heute machen die Uiguren in der autonomen Region Xinjiang-Uiguren nur noch 40 Prozent der Bevölkerung aus. Jährlich nehmen chinesische Sicherheitsleute Tausende von UigurInnen aus politischen oder religiösen Gründen willkürlich fest, Hunderte werden zum Tode verurteilt. Seit dem 11. September 2001 nimmt das Regime in Peking den «Kampf gegen den Terrorismus» als Vorwand, um noch härter gegen die uigurische Bevölkerung vorzugehen, weil wir Muslime und Musliminnen sind. Wer sich für die kulturelle Identität des uigurischen Volkes einsetzt oder die Unterdrückung durch China kritisiert, kommt als SezessionistIn oder TerroristIn ins Gefängnis. Mein Mann verbrachte zehn Jahre im Gefängnis, weil er eine friedliche Demonstration gegen die Unterdrückung des uigurischen Volkes durch das chinesische Regime organisiert hatte. Ich verbrachte fast sechs Jahre im Gefängnis für die «Verbreitung von Staatsgeheimnissen», weil ich öffentlich zugängliche Informationen an meinen Mann weitergeleitet hatte, der zu dieser Zeit bereits in den USA lebte.
Seit 2003 ist die uigurische Sprache an den Universitäten verboten – und dieses Verbot soll nun auch auf die Mittelschulen ausgedehnt werden. Im Februar dieses Jahres wurde ein uigurischer Schriftsteller zu zehn Jahren Haft verurteilt wegen einer Kurzgeschichte über eine Taube, die lieber sterben wollte, als gefangen zu sein.  Frauen und Kinder sind von der Unterdrückungspolitik durch das chinesische Regime zusätzlich betroffen. Viele Kinder zu haben, ist für uns Uiguren ein wichtiger Teil unserer kulturellen Identität und eine Garantie dafür, dass unser Volk weiterlebt. 1987 hat China ein Gesetz zur Geburtenkontrolle eingeführt, wonach jede Familie nur noch zwei Kinder haben darf. Die Umsetzung dieses Gesetzes erfolgt mit brutalsten Methoden. Wird eine Frau unerlaubt schwanger, muss sie das Kind abtreiben – auch wenn sie bereits im siebten oder achten Monat schwanger ist.
Die meisten der betroffenen Frauen stammen vom Land und sind zu arm, um sich medizinische Hilfe leisten zu können. Viele, die eine oder mehrere Abtreibungen erleiden mussten, starben an den Folgen, oftmals an Krebs. Die Überlebenden leiden ihr Leben lang an starken Schmerzen. Hinzu kommt, dass die meisten dieser Frauen keine Schulbildung haben. Doch anstatt die Frauen über die Möglichkeiten einer Schwangerschaftsverhütung aufzuklären, zwingt das chinesische Regime die Frauen drei bis vier Mal nacheinander zu einer Abtreibung. Im Januar 2005 hat die Regierung offiziell verlauten lassen, dass in den letzten fünf Jahren drei Millionen Babies weniger auf die Welt gekommen sind als in den Vorjahren – das zeigt, wie gravierend die Situation ist.
Absolut erschreckend ist auch die Situation der Kinder, die am Leben bleiben. Viele können nicht in die Schule gehen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. Religionsschulen sind vollständig verboten. Die Gefängnisse sind inzwischen voll mit Kindern, die kleine Verbrechen wie Diebstahl begangen haben, um ihr Überleben zu sichern. Leute, die bei der chinesischen Regierung bessere Schulen und Bildung für unsere Kinder forderten, wurden wegen «Separatismus» ebenfalls ins Gefängnis gesteckt.
Vor wenigen Wochen besuchte ich eine Primarschule in Norwegen. Als ich sah, wie glücklich diese Kinder waren, und sie mit unseren Kindern verglich, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Ich habe selber elf Kinder – zehn davon kamen vor der Einführung der chinesischen Geburtenkontrolle zur Welt. Mein elftes Kind gebar ich zur Zeit der Einführung der Geburtenkontrolle. Ich musste 20000 Yuan bezahlen, um es behalten zu dürfen. Sonst hätte ich es ebenfalls abtreiben müssen.     

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom November 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨