Asylgesetz «Das ist kein gutes Leben … »

Am 6. Juli 2004 sind Adila, Fahreta und Nihad Omerovic aus der Schweiz nach Bosnien und Herzegowina ausgewiesen worden. Jetzt leben sie in einem Vorort von Sarajevo – und wissen nicht, woher sie das Holz für den Winter nehmen sollen.

In Osijek, einem Vorort von Sarajevo, ist die kleine Schule frisch renoviert, eine neue Moschee wird gebaut. Ein paar Minuten davon entfernt wohnt die Familie Omerovic – Mutter Adila mit ihrer Tochter Fahreta (18) und Sohn Nihad (17). «Es ist kein gutes Leben», sagt Adila Omerovic mit Tränen in den Augen.
Das Haus, in dem sie seit zwei Wochen gemeinsam mit ihren Kin-dern lebt, ist halb fertig, ein Rohbau, der Ofen in der Küche heizt nur notdürftig. Ein Serbe habe ihnen das Haus verkauft, erzählt Adila Omerovic, 15 000 Franken müsse sie dafür bezahlen, in Raten. «Wir haben einen Kredit aufgenommen, sind jetzt hoch verschuldet», sagt die Mutter. Sie hat keine Ahnung, wie sie das Geld je zurückzahlen oder die nächste Rate finanzieren soll.

Keine Arbeit

Wie so viele andere Menschen in Sarajevo hat sie wenig Chancen, eine Arbeit zu finden. Die Familie lebt von den nicht ganz 300 Franken Witwenrente, die Adila Omerovic, deren Mann im Krieg umgekommen ist, monatlich erhält. Dazu kommen noch etwa 38 Franken Stipendien, die Fahreta mit ihrem Bruder Nihad teilt – und die Unterstützung aus der Schweiz. Das kleine Unterstützungskomitee in La Chaux-de-Fonds hat Geld gesammelt, 4000 Franken, die in kleinen Beträgen nach Sarajevo geschickt werden. «Bitte sagt den Menschen in La Chaux-de-Fonds, dass wir sehr dankbar sind für ihre Hilfe. Ohne sie könnten wir hier nicht überleben.»
Am 1. April 1999 kam die Familie illegal in die Schweiz, am 6. Juli 2004 musste sie das Land wieder verlassen. Alle Initiativen und Petitionen nützten nichts. Die Exekutiven von Le Locle und La Chaux-de-Fonds, die Lehrer von Fahreta und Nihad und die Schulen und die Klassenkameradinnen und -kameraden hatten sich mit grossem Engagement für die Familie eingesetzt. In nur zwei Tagen hatten sie mehr als 5000 Unterschriften gesammelt. Alles vergeblich. Gesetz blieb Gesetz: Die Familie Omerovic musste ausreisen. 300 Franken pro Person erhielten sie auf dem Flughafen. Das wars. Keine Unterstützung bei der Reintegration, kein Rückkehrprogramm, von dem sie Hilfe erhalten hätten.
«Zum Glück war mein Onkel zu dieser Zeit in Sarajevo», erzählt Fahreta Omerovic. «Er hat uns am Flughafen abgeholt, uns sein Haus zur Verfügung gestellt und uns alles erklärt.»
Der Anfang war schwer, auch in der Schule. Fahreta und Nihad, die zehn Jahre lang in Deutschland und in der Schweiz gelebt hatten, konnten ihre Muttersprache weder korrekt reden noch schreiben. Latein, Englisch, Französisch und Deutsch halfen wenig. «Zudem hatte ich Probleme, ein Gymnasium zu finden», sagt Fahreta. Es fehlte Geld, um für die Aufnahme in die Schule zu bezahlen. Weil Daniel Devaud, der ehemalige Französischlehrer von Fahreta, in der Schule angerufen und interveniert hatte, darf sie dieses Gymnasium jetzt doch besuchen. Mittlerweile hat sie auch Bosnisch gelernt, vielleicht will sie Kinderärztin werden, vielleicht auch Dolmetscherin.
Schon kündigt sich der Winter an. Es ist kalt in Sarajevo, kalt in Osijek. Adila, Fahreta und Nihad Omerovic schlafen im ersten Stock des Hauses. Die Matratzen liegen auf dem Boden, dazwischen ein Karton, der die Kälte ein wenig abhalten soll. Fahreta erzählt, dass sie sich zum Schlafen in drei Decken einwickelt, einen Schal um den Kopf bindet – und trotzdem noch friert. Und dass die Familie schon bald im Wohnzimmer neben der Küche werde übernachten müssen – der einzig warme Ort im Winter. «Wir haben kein Geld für Holz, keines für Zahnspangen, für Studiengebühren», sagt Adila Omerovic.

«Immer noch Krieg»

Zudem fühlt sie sich nicht sicher: «Hier ist immer noch Krieg». Dass kürzlich die Schuhe vor der Haustüre gestohlen worden sind, verstärkt das Gefühl der Unsicherheit. Fahreta erzählt, wie ihr eine Frau in der Stadt die Goldkette vom Hals gerissen hat und damit davongelaufen ist, sagt, dass sie als Rückkehrer auch von den Landsleuten nicht mit offenen Armen empfangen worden sind: «Hier erzählen alle vom guten Leben im Ausland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Dann kommen die Menschen zu uns auf Besuch, glauben, wir seien reich, wollen profitieren. Dabei haben wir nichts.»
Fahreta Omerovic ist diejenige in der Familie, die mit der Situation am besten umgehen kann. Sie lernt fleissig, bereitet sich für das Deutsch-Diplom im Dezember vor, für das Französisch-Diplom im Mai. Nihad, der die Technik-Schule besucht, muss das Jahr wiederholen. Er hat Probleme mit der Sprache – und er ist unglücklich. Eigentlich wollte er «weltbester Fussballer werden», erzählt Fahreta. Sie lächelt wehmütig: «Und jetzt kann er nicht einmal mehr am Training teilnehmen – weil die Mutter kein Geld hat, um den Mitgliederbeitrag im Fussballclub zu bezahlen.»
Und Adila Omerovic? Sie würde am liebsten dorthin zurückkehren, wo sie vor dem Krieg mit Mann und Kindern gelebt hat: nach Pobudje in der Gemeinde Bratunac, nahe Srebrenica – zwei Stunden von Sarajevo entfernt. Wir fahren hin, sie zeigt uns ihre ehemalige Heimat. Das Haus ist völlig zerstört, die Ruine fast vollständig von Unkraut überwuchert. Hier in der Nähe ist der Ehemann von Adila begraben, hier möchte sie leben. «Ich habe bei der Gemeinde Bratunac ein Gesuch um Rückkehrhilfe gestellt», sagt Adila Omerovic. Auf Antwort wartet sie seit einem Jahr vergeblich. Sie zeigt auf die andere Strassenseite, erzählt, dass dort die Panzer der serbischen Nationalisten gestanden hätten, dass von dort aus geschossen worden sei, dass ihr Mann und seine Kollegen Heugabeln und anderes Material zusammengesucht und gekämpft hätten. Und dann sei er im Kampf getötet worden. Ganz in der Nähe, durch zwei Schüsse in den Bauch.
Wir finden im Gebüsch die Reste eines Pita-Blechs, daneben ein Stück von einer Schürze der Schwiegermutter. Erinnerungen an glücklichere Zeiten. Adila Omerovic zeigt auf die Häuser, nennt die Namen der Bewohnerinnen und Bewohner. Sie blüht auf, erzählt, träumt davon, das ganze Grundstück säubern zu lassen und alles wieder aufzubauen. Zu leben wie früher, dort, wo sie einmal glücklich war. In den letzten 13 Jahren hatte sie nie ein richtiges Zuhause, war geduldet, lebte von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, immer in Sorge und Abhängigkeit.

Alles ist fremd

Diese Zeit hat die Familie geprägt. «Wir waren immer auf Hilfe angewiesen, haben irgendwie auch das Kämpfen verlernt», erklärt Fahreta. «Wir sind nicht daran gewöhnt, uns zu wehren, wir kennen weder das System noch die Strukturen. Alles ist fremd und ungewohnt.» Sie erinnert sich zurück an das Leben in der Schweiz, an das soziale Netz, die Unterstützung durch ihre Lehrer, durch Bekannte. «Hier sind alle in derselben Situation: Alle brauchen Geld, suchen Arbeit. Da gibt es niemanden, der uns irgendwelche Türen öffnet.»   

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion