AI Aktiv Der Jurist und der Jura

Er setzt sich sowohl beruflich als auch privat für die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern ein: Der Jurist Pierre Broglin, Leiter der AI-Gruppe Jura, bereitet derzeit die Delegiertenversammlung 2006 von Amnesty International vor

Mit dem Tourismusbüro verhandeln, Zimmer reservieren, Mahlzeiten bestellen, Dokumente vorbereiten und für die Technik sorgen: Mit zahlreichen Detailvorbereitungen hat die Gruppe Jura von Amnesty International (AI) derzeit alle Hände voll zu tun, denn zum ersten Mal findet die Delegiertenversammlung von Amnesty International dieses Jahr in Delémont statt. Der harte Kern von acht Aktivmitgliedern wird vom 56-jährigen Juristen Pierre Broglin geleitet, auf 60 Personen kann die Gruppe für einzelne Aktionen zählen. Weitere 210 zahlen Mitgliederbeiträge und schreiben «Briefe gegen das Vergessen» – darum bezeichnet Pierre Broglin sie ungern als «Passivmitglieder».
Die Gruppe Jura, welche sowohl den Kanton Jura als auch den Berner Jura abdeckt, besteht seit über 30 Jahren. Sie sei in der Region ausgezeichnet vernetzt, bei der Bevölkerung bekannt und habe gute Kontakte zum jurassischen Parlament sowie zu lokalen Künstlern und Künstlerinnen, erzählt Pierre Broglin. Das jüngste Beispiel dafür: Am 10. Dezember 2005 wurden in der ganzen Schweiz insgesamt 20000 «Briefe gegen das Vergessen» geschrieben – rund 2800 davon stammten aus dem Jura.

Richter und Aktivist

Mit den «Briefen gegen das Vergessen» begann Pierre Broglin vor über 30 Jahren. «Als 17-Jähriger reiste ich während der Militärdiktatur nach Griechenland. Die Gespräche mit der Bevölkerung schockierten mich und machten mich auf die Menschenrechtsthematik aufmerksam», erinnert er sich an einen Auslöser seines Engagements. Nach dem Studium leitete er während zehn Jahren das Juristen-Netzwerk für «Urgent Actions» in der Romandie. Heute hat Pierre Broglin vier Kinder zwischen 16 und 26 Jahren, ist Richter am Obergericht des Kantons Jura sowie Präsident von Verfassungs- und Verwaltungsgericht. Neben seiner Arbeit, bei der er Rekurse von Bürgerinnen und Bürgern von Grundstück- bis hin zu Stipendienfragen bearbeitet, leitet er seit drei Jahren die AI-Gruppe Jura. «Die grundlegenden Menschenrechte sind unabdingbar, damit sich jeder Mensch entfalten kann», sagt Pierre Broglin. Auch aus einer christlichen Überzeugung heraus glaube er an die Menschheit als eine «grosse Familie», in der das Schicksal der Einzelnen voneinander abhänge. So engagierte er sich auch während mehrerer Jahre als Präsident der jurassischen Caritas.
«Meine Aufgabe ist es, zu gewährleisten, dass die Gesetze und die Menschenrechte eingehalten werden», sagt Pierre Broglin zu seiner Arbeit am Gericht und zu seinem ehrenamtlichen Engagement. Zwar sei die Schweizer Menschenrechtslage im Vergleich zu anderen Ländern gut: «Doch wir müssen wachsam sein, damit dies so bleibt.» Darum führt Pierre Broglins Gruppe zusammen mit Caritas im Kanton Jura die Kampagne für das Referendum gegen die Asylgesetzrevision.

Guter Weg

Die Erweiterung des Mandats von AI sieht Pierre Broglin als positive Herausforderung, denn für die menschliche Entfaltung seien die bürgerlichen Rechte von den sozialen und wirtschaftlichen nicht zu trennen. Es werde aber für AI schwieriger, sich mit einem klaren Profil zu positionieren: «Das Recht auf Wasser oder Bildung ist einfach schwieriger zu kommunizieren als Themen wie die Todesstrafe oder Folter.» Hier habe die Schweizer Sektion mit ihrer Arbeit zum Thema Wasser, zum Beispiel mit der Aktion zu Bhopal, einen guten Weg eingeschlagen.    

Erschienen im Magazin AMNESTIE!  vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion