Häusliche Gewalt «Ich wusste nicht mal mehr, ob ich richtig putze»

Sechs Jahre lang wurde Frau P. von ihrem Partner brutal geschlagen, beschimpft und bedroht. Aus Angst und «dem Frieden zuliebe» liess sie es über sich ergehen.

«Ich weiss bis heute nicht, warum er damit anfing», beginnt Frau P. zu erzählen. In keiner Weise sieht man der gepflegten, etwas scheu wirkenden Frau mit den grossen Augen an, was für eine Hölle sie in den vergangenen sechs Jahren durchlebt hat. Zwar sei ihr Partner, mit dem sie 20 Jahre zusammen war, schon früher etwas herrschsüchtig gewesen – doch nie gewalttätig. Nach 14 gemeinsamen Jahren erklärte ihr Partner, der selber auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen war, dass er gerne selber einen Betrieb übernehmen würde. Frau P. kündigte ihre Stelle als Leiterin einer Unternehmensabteilung und zog mit ihm aufs Land. Obwohl die Arbeit auf dem Hof streng war und sie sich nie einen freien Tag gönnten, war in den ersten drei Jahren alles in Ordnung. «Es begann schleichend», erinnert sich Frau P. Zuerst hat ihr Partner sie «nur» beschimpft. Bald schon aber blieb es nicht mehr bei Worten. Er begann, sie an den Haaren zu ziehen, ihr zwischen die Beine zu treten oder ihr Mistgabeln und andere Dinge nachzuwerfen. Meist geschah es wegen Meinungsverschiedenheiten, wenn sie seinen Befehlen nicht Folge leistete oder wenn ihr ein Fehler unterlief. «Er sagte immer, ich sei selber schuld», sagt Frau P. «Dem Frieden zuliebe» hat sie geschwiegen.

Bleiben trotz allem

Eines Tages äusserte ihr Partner den Wunsch nach einem Kind. «Ich dachte, dass er sich mit einem Kind vielleicht verändern würde», sagt Frau P. Nach einer Totgeburt gebar sie ein gesundes Kind. Eine Weile ging alles gut, bis sich die Situation erneut verschärfte. Bei einer Meinungsverschiedenheit schleuderte er ihr einen Stock ins Gesicht und verletzte sie so heftig, dass die Wunde von einem Arzt genäht werden musste. Die Narbe ist noch heute sichtbar, die Stelle gefühllos geblieben. «Trotzdem dachte ich nie daran, ihn zu verlassen, habe die Schuld immer wieder bei mir gesucht», sagt Frau P. Bis zu dem Tag, als er sie wegen einer zu spät bezahlten Rechnung erneut brutal zusammenschlug und dabei unabsichtlich auch das Kind traf. Da habe sie zum ersten Mal an ein Frauenhaus gedacht, vor allem wegen des Kindes. «Doch ich hatte Hemmungen, weil ich nicht genau wusste, was mich da erwartete», sagt Frau P.
Wenige Monate später verunglückte das Kind auf tragische Weise tödlich. «Er hat das Kind abgöttisch geliebt», sagt Frau P. Als ihr einige Tage später aus Versehen ein kleiner Fehler unterlief, drängte er sie in eine Ecke und schlug ihr mitten ins Gesicht. Sie sackte zu Boden, worauf er sie an den Haaren hochzerrte. «Das war das erste Mal, dass ich ihm mit der Polizei drohte», sagt Frau P. Da habe er sie gepackt und an den Haaren bis zum Büro geschleift und geschrien: «Dann ruf doch die Polizei!» «Von da an wurde es noch schlimmer und es passierte fast täglich etwas.» 
Was sich auf dem Hof abspielte, blieb auch den Nachbarn und Passanten nicht verborgen. Eines Tages stand der Pfarrer vor der Tür und sprach den Partner von Frau P. auf die Vorfälle an. «Er stritt jedoch alles ab, und ich schwieg aus Angst», sagt sie. Bis zu jenem Sommertag, als er auf Druck der Behörden zu einem Psychiater geschickt wurde, wogegen er sich vehement sträubte. Als er am Abend heimkam, war er so ausser sich, dass er Frau P. mit voller Wucht ins Gesicht schlug und ein Möbelstück zertrümmerte. «Da wusste ich, jetzt muss ich gehen – sonst passiert etwas», sagt Frau P. Heimlich packte sie ihre Tasche, schlich sich davon und rief den Pfarrer an, der ihr bereits mehrmals Hilfe angeboten hatte. «Zehn Minuten später waren die Behörden da, die mich sofort ins Spital und anschliessend ins Frauenhaus brachten.»

Eine zweite Chance

Anderthalb Monate blieb Frau P. im Frauenhaus, bis sie sich von den Anrufen und SMS ihres Partners umstimmen liess. «Er sagte, dass er jetzt in eine Therapie gehe, und da ich ihn trotz allem irgendwie noch gern hatte, wollte ich ihm eine zweite Chance geben.» Nach zwei Monaten begannen die Drohungen erneut. «Er schlug mich zwar nicht mehr, doch seine Worte machten mich noch viel mehr kaputt», sagt Frau P.
«Ich fühlte mich wie ein Nichts; wusste nicht mal mehr, ob ich richtig putze», sagt Frau P. Auch an Selbstmord habe sie gedacht, sei öfters auf den ca. 20 Meter hohen Kran gestiegen und habe sich überlegt, zu springen. Als ihr Partner ihr schliesslich verbieten wollte, das Grab ihres Kindes zu besuchen, erkannte sie, «dieser Mann ist krank und ich muss gehen – endgültig». Doch es sollte noch ein paar Wochen dauern, bis Frau P. den Hof verlassen konnte. Ihr Partner hatte inzwischen auch mit anderen Leuten Probleme bekommen und war angezeigt worden, worauf er von der Polizei in die psychiatrische Klinik eingeliefert wurde. Zuerst sei sie wütend gewesen, dass sie nun noch auf dem Hof bleiben musste, doch heute sei sie froh um diese Erfahrung. «Ich erledigte vieles, was er mir nie zugetraut hatte, und erkannte, dass ich ein Mensch bin, der zu etwas fähig ist.» Als ihr Partner auf den Hof zurückkehrte, nahm Frau P. ihre Habseligkeiten und zog ins Frauenhaus.

Lernen, Hilfe anzunehmen

Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen. Frau P. weiss wieder, was es heisst, ein freies Leben zu führen. «Und ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen», sagt sie – auch mitten   in der Nacht. «Dann ist es oft am Schlimmsten, dann denke ich an mein Kind, an das Vorgefallene, und weiss nicht, wie es weitergehen soll.» Doch Selbstmitleid sei Gift, sagt sie, «ich versuche nach vorne zu schauen.» Schnell ging sie wieder unter die Leute, machte Bekanntschaften und gewann bei zahlreichen Gelegenheitsjobs neues Selbstvertrauen. «Ich habe inzwischen auch eine Stelle in meinem ehemaligen Beruf und eine Wohnung gefunden», freut sie sich. Hass gegenüber ihrem ehemaligen Partner empfindet sie keinen. «Ich weiss jetzt, dass er krank ist», sagt Frau P. Er kann bis heute nicht verstehen, dass sie wegen solcher «Bagatellen» davongelaufen ist. Seine Anrufe und SMS lässt sie grösstenteils unbeantwortet. Auch Angst habe sie keine mehr vor ihm, sagt Frau P. Doch es fällt ihr bis heute schwer, Männern in die Augen zu schauen.
«Das Beste, was eine Frau tun kann, ist es, ins Frauenhaus zu gehen», antwortet Frau P. auf die Frage, was sie anderen Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, empfehle. «Lernt, Hilfe anzunehmen – denn es gibt Leute, die euch helfen.»   

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion