Häusliche Gewalt Mit Gewalt gegen die Ohnmacht

Gewalt ist männlich. Gewalt macht männlich. Gewalt ist ein Männerthema. Männer gebrauchen Gewalt, um aus Situationen auszubrechen in denen sie Kränkung und Ohnmacht erleben. Denn: Ohnmächtige, gekränkte, verletzte Männer widersprechen dem Männlichkeitsbild unserer Gesellschaft.

Männer versuchen alles, um Gefühlen wie Ohnmacht oder Schwäche zu entgehen. Viele Männer wehren Gefühle der Kränkung und Verletzung, aber auch der Ohnmacht oder Trauer, direkt ab, leiten sie in Aggression über, andere schlucken Demütigung und Frust hinunter. Aggressionen werden hier wertneutral verstanden. Sie können durchaus auch konstruktive Wirkung haben. Das «Herunterschlucken» birgt jedoch immer das Risiko einer unkontrollierten Entladung, einer Gewalteskalation.
Zwar wird nicht als männlich angeschaut, wer seine Frau schlägt, doch ist ein gehörnter oder geschlagener Ehemann, ein Nichtsnutz und Tölpel doch weit unmännlicher. Vor die Wahl gestellt, rutscht manchem Mann scheinbar versehentlich die Hand aus.
Männer sind Frauen zumeist körperlich überlegen und sind sich von klein auf gewohnt, mal «zuzulangen». Sie können meist darauf zählen, dass die Frau ökonomisch abhängig ist, was ihnen (unbewusst) die nötige Sicherheit gibt. Die Kontrolle über die eigene Faust verliert Mann nämlich kaum einmal beim Vorgesetzten oder einem körperlich überlegenen Mann, nein, Mann wartet unbewusst auf die «sichere» Situation. So werden Frustrationen und Kränkungen des Männeralltags nur zu oft zuhause bei der geliebten Frau abgeladen, statt dort, wo sie eigentlich deponiert werden sollten.
Da Männer es häufig nicht gelernt haben, sich in Drucksituationen auf adäquate Art selber zu entlasten (etwa durch Gespräche mit Freunden), bleibt ihnen der Zugang zu anderen Methoden der Druckminderung oft verschlossen. Körperliche Betätigung, Joggen oder die Flucht in die Arbeit bieten oft nur kurzfristige Entlastung.

Gefährliches Dilemma

Häusliche Gewalt beruht auf einer Wechselbeziehung zwischen zwei oder mehr Menschen, die in einer engen und in der Regel schon länger dauernden Beziehung zueinander stehen. Diese enge Beziehung erhöht den Druck in Konfliktsituationen. Je grösser die gegenseitige Abhängigkeit, desto grösser wird die Gefahr eines Übergriffs oder die Bereitschaft, einen Übergriff zu erdulden. In Paarbeziehungen kann so eine Dynamik entstehen, in der sich die Spannung zwischen Intimität und Abhängigkeit zu einem gefährlichen Dilemma entwickelt.
Dabei kann es zu Gewalt aus dem Moment heraus (situative Gewalt) oder zu wiederholt begangener systematischer Gewalt kommen, bewusst eingesetzt mit dem Ziel, Macht zu gewinnen, das Gegenüber unterzuordnen und/oder physisch und psychisch zu schädigen. In der Mehrzahl der Fälle häuslicher Gewalt wird der Mann zum Täter, indem er die Grenzen der Frau physisch überschreitet. Die Gewaltanwendung von Frauen sieht entsprechend ihrem Rollenbild in der Gesellschaft anders aus. Frauen greifen bei Gewaltanwendung auf ihre spezifischen und erlernten Verhaltensweisen zurück (Gewaltformen wie Werfen von Gegenständen etc.) – die systematische Form davon bewegt sich vor allem auf der psychischen Ebene (Abwertungen, Kränkungen).

Welche Täter?

Den Täter gibt es nicht. Ob Wiederholungstäter oder Ersttäter – der typische Täter ist nicht erkennbar. Meist fällt der in der Partnerschaft gewalttätige Mann in anderen Bereichen nicht durch aggressives Verhalten auf. Im Gegenteil: Gewalttätigkeit in der Partnerschaft geht oft mit einer Aggressionshemmung des Mannes einher. Aggressionen können nicht auf konstruktive Weise in den Konflikt eingebracht werden, sondern brechen erst nach längerer «Gärzeit» schwer kontrollierbar und heftig aus.
Es gibt keine Veranlagung zum Gewalttäter, jedoch erhöhen eine Reihe verschiedener Faktoren in gewissen Kombinationen die Wahrscheinlichkeit einer Gewaltanwendung. So erhöht ein gewalttätiges Umfeld in der Kindheit die Wahrscheinlichkeit eigener Gewalttätigkeit. Da dieser Zusammenhang in diesem Ausmass nur bei Männern festgestellt wurde, kann davon ausgegangen werden, dass das Geschlecht als Faktor mitbeteiligt ist. So lernen Männer von klein auf, statt Kränkung und Verletzung auszudrücken, diese unmännlichen Gefühle mittels Gewalt und Aggression abzuwehren.
Weitere Faktoren, die Gewalttätigkeit in der Partnerschaft wahrscheinlicher machen, sind ein rigides, starres, auf so genannt männliche Eigenschaften ausgerichtetes Rollenbild des Mannes, wenig Selbstwertgefühl, mangelnde Kommunikation innerhalb der Partnerschaft und ein restriktives Frauen- und Familienbild mit den entsprechenden Zuschreibungen und Erwartungen, das keine Abweichungen von der üblichen Norm von Harmonie und Rollenverständnis zulässt. Zu den genannten Faktoren können noch kurzfristigere Einflüsse kommen, wie Belastungen am Arbeitsplatz, Streit mit Kollegen oder dem Automechaniker, die zu einer «Ladung» oder «Anspannung» führen, die das Risiko eines Ausbruchs erhöhen. Alkohol kann zusätzlich enthemmend wirken.
Gewalt in der Partnerschaft entwickelt sich über längere Zeit und manifestiert sich in Konfliktsituationen. Zum Beispiel können sich Männer durch Fragen und Vorwürfe immer mehr in die Enge getrieben fühlen. Ihnen fehlt in Situationen grosser Anspannung, Kränkung und Verletzung oft die Fähigkeit, sich auszudrücken. Diese Situation der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins wirkt sich meist auch körperlich aus (Nervosität, Schwitzen, Kloss im Hals oder Bauch). Oft erinnern sich die Männer später jedoch nicht mehr an diese Gefühle und Körperwahrnehmungen vor dem Gewaltausbruch. Der physische Gewaltakt kommt dann einem kurzschlussartigen Spannungsabbau gleich und wird von den Männern häufig als fremdgesteuert erlebt («es kommt über mich»).

Kreislauf

Nach dem anschliessenden Entspannungsmoment folgen meistens Erschrecken, Reue und später eine «Entschuldigung». Um das Gefühl der totalen Ohnmacht zu vermeiden, verzeiht die Partnerin dem reuigen Mann, übernimmt oft sogar noch einen Teil der Verantwortung («Ich hätte nicht so provozieren dürfen»). So bewahrt sie sich einen letzten Rest von Einfluss gegenüber der für sie kaum vorhersehbaren Gewalttätigkeit des Mannes: «Wenn ich mich in Zukunft anders verhalte, dann provoziere ich ihn nicht und kann einen Ausbruch der Gewalt vermeiden.» Die Tat wird von beiden Seiten möglichst schnell («der Ehe, den Kindern zuliebe») vergessen. Der Kreislauf schliesst sich mit einer unterschiedlich langen Phase, in der Aggressionen zurückgehalten und Provokationen vermieden werden, das Risiko einer Gewalthandlung aber unterschwellig da ist. Wenn keine Hilfe und Unterstützung zur Veränderung gesucht wird, beginnt der Kreislauf früher oder später meist wieder von vorne.    

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion