Häusliche Gewalt «Privatsache» auch in Russland

70 Prozent der Frauen in der Russischen Föderation erleiden mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch ihren Partner oder Ehemann. Trotz dieser alarmierenden Häufigkeit bietet der Staat keinen systematischen Schutz für die Opfer und betrachtet das Problem noch immer als «private Angelegenheit».

Anastasia ist Anwältin. Ihr Mann lehrt als Professor an einer Universität. Ein erfolgreiches, geachtetes Paar. Doch der Schein trügt. Seit sieben Jahren wird Anastasia von ihrem Mann geschlagen. «Als ich mehr verdiente als er, begann er, Geld von mir zu erpressen und mich zu schlagen, um mich zu demütigen.» Er ist dabei nie betrunken. Und er sucht sich gezielt Körperstellen aus, an denen Gewaltspuren weniger sichtbar sind. «Er sagt, dass ich nichts gegen ihn tun kann, dass mir niemand glauben wird», erzählt sie als Zeugin in einem Bericht zu häuslicher Gewalt in Russland, den Amnesty International (AI) im Dezember 2005 veröffentlicht hat.

Kein Einzelfall

Anastasia ist kein Einzelfall: Häusliche Gewalt gegen Frauen existiert in Russland in jeder sozialen Schicht und in jeder ethnischen Gruppe. Oft wird die Gewalt mit Alkoholismus, Armut oder den vielerorts prekären Wohnverhältnissen begründet. Obwohl diese Gründe sicherlich zur Erhöhung der Gewaltbereitschaft beitragen, liegt die Hauptursache jedoch bei den sozial akzeptierten Verhaltensmustern, die seit Jahrhunderten bestehen. Auch die Brutalisierung der Gesellschaft durch Kriege, wie etwa in Tschetschenien, hat das ihre dazu beigetragen.
Anlässlich einer Meinungsumfrage im Jahr 2003 gaben rund 40 Prozent der männlichen und weiblichen Befragten an, dass Schläge durch den Ehemann je nach den Umständen gerechtfertigt seien. Die Mehrheit betrachtete erzwungenen ehelichen Sexualverkehr nicht als Straftat. «Von dem Moment an, wo du mit ihm zusammenlebst, denken die Leute, dass es dein Fehler ist», sagt Liuba.
«Gewalt ist unser Schicksal», davon sind viele Frauen in Russland überzeugt. Und der Staat unternimmt kaum etwas, um das zu ändern. In der Russischen Föderation gibt es kein Gesetz gegen Gewalt in der Familie, sie wird als «private Angelegenheit» betrachtet. Und dies, obwohl jährlich 14000 Frauen durch gewalttätige Übergriffe von Ehemännern oder Partnern ums Leben kommen. 70 Prozent der Frauen in Russland erleben laut einer Studie mindestens einmal in ihrer Ehe Gewalt. Die Täter werden jedoch nur in den seltensten Fällen zur Rechenschaft gezogen.

Ungenügender Schutz

Obwohl Russland zahlreiche Internationale Menschenrechtsabkommen, so auch die «Konvention zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau» (CEDAW) unterzeichnet hat, kommt Russland seiner Schutzpflicht nur ungenügend nach. Der russische Staat unterhält nur gerade acht Frauenhäuser. In der Neunmillionenstadt Moskau ist gar keines zu finden. Ausserdem wird der Zugang nur Frauen gewährt, die lokale Registrierungen und ein ärztliches Zeugnis vorweisen können. In Notsituationen ist dies ein ungerechtfertigt hoher Anspruch. Die meisten Frauenhäuser oder Fraueninstitutionen entstehen aus privaten Initiativen und müssen häufig aus Geldmangel wieder geschlossen werden.

Keine Priorität

Auch von der Polizei können die Frauen wenig Hilfe erwarten. Fast alle befragten Polizisten und Polizistinnen gaben gegenüber AI zu, dass häusliche Gewalt für sie weit weniger wichtig ist als Delikte wie Raub, Diebstahl oder terroristische Aktivitäten. «Ich rief die Polizei in einer einzigen Nacht 16 Mal an, doch sie kam nie», sagt Liliana.
Viele Frauen fühlen sich gefangen in der Angst vor noch grösserer Gewalt durch ihre Partner. Nur in 5 bis 10 Prozent der Fälle von ehelicher Misshandlung erstatten die Frauen bei der Polizei Anzeige. Die grosse Mehrheit zieht ihre Anklage in der Folge wieder zurück. Ausserdem sind AI keine Anzeigen wegen ehelicher Vergewaltigung bekannt. Angesichts von Wohnungsknappheit, fehlenden Frauenhäusern sowie finanzieller und emotionaler Abhängigkeit sehen viele Frauen keinen Ausweg und erdulden Gewalttätigkeit und Erniedrigungen weiter. Häufig sind die Erfahrungen mit den Behörden so schlecht, dass die Frauen das Vertrauen in sie verloren haben.
Sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene fehlt ein systematisches Vorgehen zum Schutz von Frauen. In einigen wenigen Orten wird das Problem jedoch aktiv angegangen, zum Beispiel in Petrozavodsk, einer Stadt in der Republik Karelien. Je ein Frauenhaus bietet Opfern von häuslicher Gewalt und Opfern von Frauenhandel Schutz. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Personal und Polizei ermöglicht den Frauen eine bestmögliche Entscheidung für weitere Schritte. Die Polizei betreibt aktive Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit, bildet sich laufend weiter und ist international gut vernetzt. Mit Erfolg: Die 2004 registrierten Verbrechen gegen Frauen hatten gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent zugenommen, was zunehmendes Vertrauen in die Polizei signalisiert. Die vermittelte Botschaft ist eindeutig: Gewalt kann nie eine private Angelegenheit sein.   

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion