Töten anstatt Fussball spielen

Seit fast 20 Jahren tobt im Norden Ugandas ein Bürgerkrieg, bei dem die Lord Resistance Army die Zivilbevölkerung auf brutalste Weise terrorisiert. Mehr als 25000 Kinder wurden von der Rebellenarmee bereits entführt und als KindersoldatInnen missbraucht.

Lebensfreude ist in Joyce Apiyos Augen keine mehr zu finden. Vielleicht erlosch sie schon, als ihre Familie vor zweieinhalb Jahren um ein Uhr nachts in ihrem Dorf im Norden Ugandas überfallen wurde. Die Rebellen der Lord Resistance Army (LRA) brachten ihren Vater um und entführten die Elfjährige und ihre Zwillingsschwester, die wenig später nach einem Fluchtversuch ermordet wurde.
Womöglich endete Joyces Lust am Leben auch, als sie zum ersten Mal von einem jungen LRA-Kämpfer zum Sex gezwungen wurde. Oder als das Mädchen erstmals einen Menschen mit der Machete zu Tode hacken musste. Hätte sie es nicht getan, wäre sie selbst umgebracht worden. Das letzte bisschen Lebensfreude hat Joyce wohl eingebüsst, nachdem sie mit ihrer Rebellengruppe in einen von Regierungssoldaten gelegten Hinterhalt geriet und angeschossen wurde. Im Krankenhaus erfuhr sie, dass ihr rechtes Bein nicht mehr zu retten sei.
Jetzt sitzt Joyce neben vorsintflutlichen Holzkrücken auf dem Hof eines von einer Hilfsorganisation in der Provinzhauptstadt Gulu unterhaltenen Rehabilitationszentrums für KindersoldatInnen und schaut ihren spielenden AltersgenossInnen zu. Sie würde gerne wissen, ob ihre Mutter noch am Leben sei, sagt Joyce Apiyo leise: Doch nicht einmal zur Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches wagt sie sich in das Dorf zurück, aus dem sie einst entführt wurde.

25000 Kinder entführt

Unterdessen versuchen ihre AltersgenossInnen, sich beim Spiel wie Kinder zu benehmen: 12-Jährige, die besser mit einem Schnellfeuergewehr als mit dem Fussball umzugehen wissen. 14-Jährige, die die Zahl der von ihnen umgebrachten Menschen nicht genau benennen können, «weil man ja nicht immer sieht, ob man jemanden bloss verletzt oder getötet hat». Gelegentlich ist das Rehabilitationszentrum mit über 500 aus Rebellenhand befreiten KindersoldatInnen gefüllt. Dass es gegenwärtig nur knapp 50 sind, ist kein gutes Zeichen. «Früher haben die Rebellen an einem Tag bis zu 100 Kinder entführt», sagt World-Vision-Koordinator James Otin: «Jetzt bringen sie ihre Opfer immer öfters gleich um, statt sie mit sich zu nehmen.»
Für Uno-ExpertInnen ist das, was sich im Norden Ugandas abspielt, «Afrikas längster Krieg» oder «der schlimmste Fall von Massenkinderschändung in der Welt». Der seit fast 20 Jahren dauernde Konflikt habe mehr Menschen ihrer Heimat beraubt als die Balkankriege in den 90er-Jahren, meint der Uno-Flüchtlingsbeauftragte Dennis McNamara. Dennoch habe er nur einen Bruchteil der internationalen Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die LRA und ihr Anführer Joseph Kony, ein selbsternannter finsterer Prophet mit obskuren politischen Vorstellungen, soll bereits mehr als 25000 Kinder entführt haben; 1,7 Millionen Menschen leben seit Jahren zusammengepfercht in rund 200 Flüchtlingscamps, in denen jede Woche 100 Menschen infolge von Unterernährung, Krankheiten oder Rebellenübergriffen sterben.

Hilfswerke im Visier

Tag für Tag bewegen sich vor Einbruch der Dunkelheit Karawanen von Kindern am Strassenrand in Richtung Gulu – so genannte NachtpendlerInnen, die zum Schlafen ihre Elternhütten verlassen, um dem Zugriff der Rebellen zu entkommen. Ihr Ziel ist eines von 21 Camps, in dem sie ihre Bastmatten unter Zeltplanen auf Zementböden ausbreiten können. Allein im Lager Arche Noah am Stadtrand Gulus finden jede Nacht bis zu 8000 Kinder Unterschlupf. Seit Hilfsorganisationen ein paar mit Strom versorgte Backsteinbaracken errichtet haben, können die Arche-Kinder nach Einbruch der Dunkelheit wenigstens noch in ihren Schulbüchern schmökern.
Jahrelang, sagen Diplomaten in der Hauptstadt Kampala, kümmerte sich Ugandas Präsident Yoveri Museveni kaum um den Konflikt im Norden seines Landes. Der 61-jährige Staatschef hatte wohl Wichtigeres zu tun: Sein vom Schlächter Idi Amin zerstörtes Land musste wieder aufgebaut und die vom Nachbarland Kongo ausgehenden Wirren in den Griff bekommen werden. Hinzu kam, dass Museveni wenig Sympathie für das im Norden lebende Volk der Acholi hegt. Diese bevorzugten Milton Obote, den ersten Regierungschef Ugandas und Erzrivalen Musevenis.
Das Ende des Bürgerkriegs im Nachbarland Sudan eröffnete den ugandischen Soldaten Anfang dieses Jahres eine neue Chance. Die LRA verlor dadurch ihr Rückzugsgebiet und ihre Waffenbeschaffungskammer. Unter Druck geraten, schlug die «Widerstandsarmee des Herrn» allerdings noch erbarmungsloser zu. Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres starben 4000 Zivilpersonen. Als Museveni schliesslich Ermittler des neu geschaffenen Internationalen Strafgerichtshofs ins Land holte, die die «Gotteskämpfer» unter die Lupe nehmen sollten (und im Oktober auch tatsächlich ihre ersten Haftbefehle gegen fünf führende LRA-Kommandanten aussprachen), vergassen die Rebellen auch die letzten Skrupel: Inzwischen werden sogar gezielt MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen ins Visier genommen, weil sie als Komplizen der internationalen Strafrichter gelten. Westliche Botschaften untersagen ihren MitarbeiterInnen inzwischen, den Norden aufzusuchen, und Uno-Helfer wagen sich nicht mehr ohne militärischen Begleitschutz in die Provinz, deren knapp eine halbe Million BewohnerInnen fast alle auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Seit Jahren lebt praktisch die gesamte Bevölkerung Paders in Flüchtlingscamps: Sämtliche Dörfer sind verlassen, die Felder liegen brach.

Politische Interessen

Nicht nur Odwar Orech, Leiter des fast 26000 Menschen zählenden Lagers Atanga, wundert sich, warum es der ugandischen Armee (eine der kampferfahrensten in Afrika) noch immer nicht gelungen ist, die auf weniger als 2000 erwachsene Kämpfer geschätzte «Gottesarmee» auszuschalten. Es sei nicht leicht, in diesem Terrain eine Guerillaarmee aufzureiben, meint Ex-Offizier Wegoye. Doch andere argwöhnen, die Kommandanten der ugandischen Streitkräfte hätten gar kein Interesse an einem Ende des verheerenden Konfliktes. «Jeder weiss, dass es hier massive Korruption und ‹Geistersoldaten› gibt», sagt eine Abgeordnete und ehemalige Mitkämpferin Musevenis in Kampala: Virtuelle Angehörige der Armee, die lediglich auf den Gehaltslisten existieren, um Offizieren zusätzliche Einnahmen zu verschaffen.
Dass selbst der Staatschef nicht unbedingt an einem Ende des Kriegs interessiert ist, wurde kürzlich wieder deutlich, als Museveni seinen bedeutendsten Herausforderer bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen, Kizza Besigye, unter dem Vorwand ins Gefängnis werfen liess, er stünde im Kontakt mit Konys Gotteskriegern – eine höchst unglaubwürdige Behauptung. «Museveni kommt der Krieg im Norden gerade recht», meint die Abgeordnete: «So lässt sich sowohl ein astronomischer Verteidigungshaushalt, die Verhaftung des Konkurrenten als auch – wenn nötig – mal ein Ausnahmezustand rechtfertigen.» Auch Lagerleiter Orech hat die Hoffnung aufgegeben, dass die Flüchtlinge bald nach Hause gehen könnten: «Wunder erwarten wir hier keine mehr.»   

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion