Buchbesprechung US-Folterpraxis hat System

Der US-amerikanische Historiker Alfred McCoy zeigt in seinem Buch «Foltern und foltern lassen» eindrücklich, wie die USA seit den 1950er-Jahren die Folter systematisch und wissenschaftlich erforschen liessen.

Nachdem die Folterungen durch US-Truppen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib publik geworden waren, wurden rasch ein paar US-Soldaten und -Soldatinnen gefunden, denen die gesamte Schuld für diese schändlichen Taten aufgebürdet wurde. Der Fall Abu Ghraib wird von der US-Regierung als Entgleisung einiger weniger Truppenangehöriger dargestellt, die mit aller Härte bestraft werden müssten
Folgt man der Argumentation von Alfred McCoy in seinem Buch «Foltern und foltern lassen», sieht die Wahrheit ganz anders aus. McCoy legt in seiner erstaunlich nüchtern gehaltenen Analyse dar, dass die Anwendung von Folter durch den US-Geheimdienst CIA und das US-Militär in Abu Ghraib und zahlreichen weiteren Gefängnissen durchaus institutionalisierten Charakter besitzt und vor allem nichts Neues in der US-Geschichte ist. Der Autor zeigt eindrücklich, wie die USA das Instrument der Folter über Jahrzehnte hinweg erforschen und an Versuchspersonen testen liessen, ehe es gegen ihre Gegner eingesetzt wurde, sei es in Vietnam oder – indirekt – zur Bekämpfung unliebsamer Oppositioneller in Südamerika.
Es ist erstaunlich, wie viele Menschen verschiedenster Berufsstände sich immer wieder für die Anwendung der Folter stark machten. So berichtet McCoy über Juristen, welche nach 2001 in seitenlangen Abhandlungen die Definition von Folter einzuengen versuchten oder den Gefangenen in Guantánamo den Schutz durch die Genfer Konventionen absprachen. Weiter erfahren die Lesenden von zahlreichen Forschungsprojekten über die Manipulation der menschlichen Psyche zur möglichst «effizienten» Informationsgewinnung. So wurde über 50 Jahre hinweg erforscht, wie man Gefangene ihrer eigenen Identität berauben kann, um sie gefügig und damit gesprächig zu machen. Im Vordergrund des Textes stehen dabei die Methoden seelischer Folter, die auf Grund der geringeren oder ausbleibenden körperlichen Spuren besonders gefördert wurden – und immer noch gefördert werden.
McCoy geht es aber nicht einzig darum, die Erforschung und Anwendung der Folter zu dokumentieren. Vielmehr hat er den Anspruch, herauszuarbeiten, aus welchen Gründen die Folter bis zum heutigen Tag als effektives Instrument der Kriegsführung gilt. Dabei stösst er auf die Fabel des gefangenen Terroristen, der von einer tickenden Bombe weiss, jedoch nur durch Folter zur Preisgabe von Informationen zur Entschärfung derselben gebracht werden kann. Befürworter der Folter argumentieren, dass in solchen Fällen das Folterverbot zugunsten der Rettung von vielen Menschenleben gelockert werden müsse. Für McCoy ist die geschilderte Situation höchst unwahrscheinlich und er kommt zum Schluss: «Wenn wir erst einmal einwilligen, jenen nicht existenten Terroristen mit seiner hypothetischen tickenden Bombe zu foltern, lassen wir die Möglichkeit und sogar den Imperativ zu, Hunderte zu foltern, die eine tickende Bombe haben, oder Tausende, die vielleicht etwas über diese Bomben wissen könnten.»
Der Autor berichtet auch von der Praxis der CIA, Gefangene in Länder zu überstellen, die für ihre unzimperlichen Foltertechniken berüchtigt sind, um die schwersten Folterungen nicht unter eigener Flagge geschehen zu lassen. Diese Praxis, so hält McCoy fest, stehe in krassem Widerspruch zum Bestreben der USA, Demokratie und Menschenrechte in der Welt verbreiten zu wollen, und habe ihrem moralischen Führungsanspruch nachhaltigen Schaden zugefügt. McCoy ist mit «Foltern und foltern lassen» dank sorgfältiger Recherche und konsequenter Argumentation ein überzeugendes Werk zur Sinnlosigkeit der Folter gelungen.

Alfred W. McCoy: Foltern und foltern lassen. 50 Jahre Folterforschung und -praxis von CIA und US-Militär. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/M. 2005.


Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom Februar 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion