Buchbesprechung «Hier spricht Guantánamo»

Roger Willemsen beschreibt in seinem Buch «Hier spricht Guantánamo» die Pein des US-Gefangenenlagers auf Kuba.
Willemsen: Hier spricht Guantánamo

«Das Lager von Guantánamo ist nicht nur eine Institution ausserhalb des Völkerrechts, ein Camp der juristischen Willkür und der Übertretung humanitärer Übereinkünfte, es ist zugleich der erste politische Mythos des beginnenden Jahrhunderts, der Ort, der den Begriff ‹Vogelfreiheit  vom Mittelalter auf die Gegenwart überträgt und ihn zeitgemäss interpretiert.» Roger Willemsen entlarvt in seinem engagierten Vorwort in «Hier spricht Guantánamo» die von der US-Regierung immer wieder verbreiteten Behauptungen über das nach der Bombardierung Afghanistans im Spätherbst 2001 errichtete Gefangenenlager auf Kuba als Lügen.

Freigelassene interviewt

Zwar sei, schreibt Willemsen, über Guantánamo alles gesagt, «nur was die Häftlinge zu sagen haben, erscheint in den Veröffentlichungen als disparat, oft zweck-haft verfälscht und instrumentalisiert». Um dieses Bild zu korrigieren, hat Roger Willemsen unter anderem mit Unterstützung von Amnesty International und der Organisation Reprieve fünf Freigelassene interviewt.

Willemsen bietet den fünf Ex-Häftlingen eine Plattform, lässt sie diese indes nicht missbrauchen. Die Antworten sind sachlich und differenziert. Trotzdem sind die bei der Lektüre gewonnenen Erkenntnisse erschreckend, der Weltmacht, welche die Demokratie in den Nahen Osten einpflanzen möchte, unwürdig: Die Gefangenen im bekannten orangen Overall, an Händen und Füssen gefesselt, wurden auf vielfältige Art gedemütigt. Sie wurden in die amerikanische oder die israelische Flagge gehüllt. Sie wurden lauter Musik und Kälte ausgesetzt, der Koran wurde bewusst entehrt.

Allesamt unschuldig

Keiner der von Roger Willemsen Befragten war ein «illegaler Kämpfer» oder gar ein «Terrorist». Es waren allesamt unschuldige Männer, die jahrelang verhört und schliesslich freigelassen wurden mit der Auflage, nichts über Guantánamo zu berichten. All diese ohne Ausnahme tief religiösen Männer haben sich nur eines zuschulden kommen lassen: Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Nach der Entlassung in ihre Heimatländer war für viele von ihnen der Horror nicht zu Ende: Sie werden von der Gesellschaft geächtet und oft von den eigenen Behörden verfolgt. Guantánamo bleibt wie ein Klumpen Lehm an ihrem Körper kleben, an einer Gegenwart, die keine Zukunft zu kennen scheint. Schicht um Schicht schält sich während der Lektüre der stets sachlich geführten Interviews über das Biografische der Ex-Gefangenen hinaus das Unfassbare, das Inhumane heraus.

Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo.
Verlag Zweitausendeins, 2006,
238 Seiten, Fr. 32.–.



Erschienen im Magazin amnesty vom Mai 2006.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion.