Standpunkt Auch der Islam wird missbraucht

von Dr.Yahya Hassan Bajwa

Todesstrafe oder freie Willensäusserung? – so lautete der Titel eines Artikels im «Dawn», einer englischsprachigen Zeitung in Pakistan. Er bezog sich auf den Fall des Afghanen Abdul Rahman, der vom Islam zum Christentum konvertiert war und dem deshalb die Todesstrafe drohte. Der Autor des Artikels ging darin der Frage nach, ob die Todesstrafe für eine Person, die ihren Glauben wechselt, Platz im Islam habe und wie es denn mit der Menschenrechtskonvention steht, die auch die afghanische Regierung unterschrieben hat.

Die Religionsfreiheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Trotzdem wird sie in vielen islamischen Ländern nicht gewährt. Gemäss afghanischem Recht muss eine Person, die vom Islam abfällt, «murtad» - getötet werden. Doch was sagt der Koran, das heilige Buch des Islam, dazu? «Es soll kein Zwang sein im Glauben.» (2:257), steht in der Quelle des islamischen Glaubens geschrieben. Auch wenn dieser Satz aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann, die Aussage bleibt gleich: Niemand kann dazu gezwungen werden, einen Glauben anzunehmen, abzulegen oder überhaupt zu glauben. Weitere Zitate des Koran bezeugen dies: «Die Wahrheit ist es von eurem Herrn: darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.» (18:30)

Trotzdem gehen viele islamische Regierungen davon aus, dass eine Person, die sich vom Islam abwendet, mit dem Tod zu bestrafen sei. Damit nehmen sie sich ein Recht heraus, das laut dem Koran nur Allah alleine zusteht. Auch der Prophet Muhammad hat nur die Aufgabe, den Glauben zu verkünden und nicht mehr: «Und gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten, und seid auf der Hut. Kehrt ihr euch jedoch ab, dann wisset, dass unserem Gesandten nur die deutliche Verkündung obliegt.» (5:93)

Diese Stellen aus dem Koran machen deutlich: Ich als Mensch, habe die Freiheit, über meinen Glauben zu entscheiden. Niemand darf mir dieses Recht wegnehmen. Was die Islamisten als rechtmässig erachten, ist lediglich ihre eigene Interpretation. Als Muslim sehe ich es deshalb als meine Pflicht, mich für die Freiheitsrechte der anderen einzusetzen, wie sie der Koran festhält – auch wenn ich damit gefährlich lebe. Im April interviewte ich Qazi Hussain Ahmad, den Führer der Jamaat-e-Islami, der grössten «islamistischen» Partei Pakistans. Sein Verdikt im Fall Rahman: die Todesstrafe. Als ich ihn auf den Widerspruch mit dem Koran ansprach, verweigerte er das Gespräch.

Diese Reaktion ist für mich ein klares Zeichen für eine korrupte Machtpolitik, die letzten Endes nur der Machterhaltung dient. Eine Tatsache, die jedoch nicht nur in islamischen Ländern existiert. Auch in Nordirland erschiessen sich Christen gegenseitig. Trotzdem kommt dort niemand auf die Idee, dies der christlichen Religion zuzuschreiben, wie es beim Islam der Fall ist. Denn die islamische Religion wird missbraucht, genauso wie die christliche.

Erschienen im Magazin amnesty vom Mai 2006.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion.