«Lord of War» Die Kugel im Kopf

Der Film «Lord of War» handelt von Waffenhändlern und dem Geschäft mit dem Tod. Sein Hauptdarsteller, Nicolas Cage, unterstützt die «control arms»-Kampagne von Amnesty International.
«Lord of War» von Andrew Niccol

Wie ein Staubsauger gleitet die Kamera über einen Teppich aus Patronenhülsen und stoppt abrupt im Gesicht von Nicolas Cage, dem Protagonisten des Films «Lord of War». Vor der Bühne eines zerschossenen Gehöfts sagt Cage alias Juri Orlow einen Satz, der klingt, als stamme er von Amnesty International: «Weltweit sind über 550 Millionen Schusswaffen im Umlauf, eine für jeden 12.Bewohner unseres Planeten.» Und die Kampagne «Waffen unter Kontrolle» ergänzt, dass jährlich 500000 Menschen durch diese Waffen ums Leben kommen – ein Mensch pro Minute. Doch Juri Orlow hat andere Sorgen. «Wie können wir die anderen elf bewaffnen?», fragt er.

Filme des Mainstream-Kinos handeln in der Regel von den grossen Themen des Menschseins – Gewalt und Gefühl, Liebe und Tod. Von Menschenrechten handeln sie selten. Dass Hollywood sich eines Themas annimmt, dass Menschenrechts- und entwicklungspolitische NGOs zeitgleich oben auf ihre Tagesordnung geschrieben haben, viel Geld investiert und den Film hochkarätig besetzt, darf man bemerkenswert finden.

«Lord of War» ist, so gesehen, bemerkenswert. Ein Film, der eine private Geschichte enthält, der eine Liebes- und Familiengeschichte erzählt, der Satire, Drama, Thriller mixt, dessen Bildersprache und Schnittrhythmus völlig konventionell daherkommen. Und der dennoch ein «explosives» Thema bietet: den weltweiten Handel mit Waffen, vor allem mit Kleinwaffen.

Juri Orlow ist Waffenhändler aus Brooklyn, New York, Sohn ukrainischer Einwanderer und Nutzniesser besonderer Art des Endes der Sowjetunion: Im Kalten Krieg häuften sich die grössten Waffenlager der Geschichte auf. Dann stand die Sowjetunion plötzlich ohne Feinde da. Die Warlords zahlreicher Krisenregionen lechzten nach billigen Waffen, die Lords of war eröffneten den Waffenbasar. Juri, der dem elterlichen Restaurant entfloh, um die lokale Mafia mit Schusswaffen zu versorgen, sah seine Chance und nutzte sie. «Der wichtigste Markt war Afrika», sagt der Ich-Erzähler im Off. «In weniger als einem Jahrzehnt brachen elf grössere bewaffnete Konflikte aus, in die 32 Staaten verwickelt waren – der feuchte Traum eines jeden Waffenhändlers.»

Zynische Lebensbeichte

Orlows Widerpart ist der Zollfahnder Jack Valentine (Ethan Hawke), doch das brisante Duell findet statt zwischen Orlow und dem brutalen Diktator Liberias (Eamonn Walker), der hier nicht Charles Taylor, sondern Andre Baptiste heisst. «Regierungswechsel werden häufiger durch Waffen als durch Wahlen herbeigeführt.»

Die Schwäche des Films ist gleichzeitig auch seine Stärke. Je cooler die Bilder abrollen und immer wieder in jene Ästhetik abgleiten, die noch aus den meisten Antikriegsfilmen Kriegsfilme gemacht hat, desto mehr verweist das Bildmedium hier auf die Sprache. Den Fluss der Bilder hält die zynische Lebensbeichte des Protagonisten zusammen. Sie nennt die einfachen, todbringenden Wahrheiten. Juris Verkaufsschlager ist die Kalaschnikow, «so einfach zu bedienen, das Kinder es tun können – und sie tun es». Gerade weil der Film keine Botschaft durchdrückt, weil er auf Pathos und Moral verzichtet und dem emotionslosen, teils satirischen Zynismus Orlows die Führung überlässt, ist seine Botschaft eindringlich. Es bleibt kein Zweifel: Kleinwaffen sind die wahren Massenvernichtungswaffen unserer Zeit.

Die beste Szene des Films bietet die Autobiografie einer Patrone. Gefilmt aus der Selbstperspektive, in beschleunigender Fahrt, erleben wir die Geburt der Kapsel in einer russischen Fabrik, ihre Aufzucht mit Stahlmantel und Schiesspulver, die Hege und Pflege der fertigen Patrone in der Waffenfabrik, ihre Wanderstunden gebettet auf Holzwolle und gut verpackt als Schiffsreise nach Afrika, verladen auf einen Laster, kurze Freiheit in der Hand eines Kombattanten, Karriere im Karabiner und Erfüllung des Patronenlebens im Kopf eines völlig überraschten Kindes.

Händler des Todes

Die Kamera fährt direkt hinter der Kugel hinein und zwingt den Zuschauer, Partei zu ergreifen. Es geht alle an, wenn Waffenhändler wie Orlow – die Filmperson basiert auf realen Biografien grosser Waffenhändler – dafür sorgen, dass so etwas passiert. Denn diese Händler des Todes handeln mit Billigung, wenn nicht im Auftrag von Regierungen, die wir wählen. Dieser Zusammenhang sorgt am Ende des Films für eine erwartbare und zugleich doch überraschende Wendung.

Die ganze Dimension teilt der Film leider erst im Abspann mit: «Während das Geschäft privater Waffenhändler weiter floriert, sind die grössten Waffenlieferanten der Welt die Staaten USA, Grossbritannien, Russland, Frankreich und China. Sie sind zugleich die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.»

Waffenhandel und Völkerrecht leben in unguter Ehe. Solange die grossen Industrieländer diese Waffenmengen produzieren, so lange wird es illegalen Handel, Händler, Abnehmer und Opfer geben. Deswegen engagiert sich Amnesty International seit vielen Jahren für eine strikte Rüstungskontrolle und betreibt seit 2003 zusammen mit Oxfam und IANSA die Kampagne «Waffen unter Kontrolle». Ziel der Kampagne ist ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen zur Kontrolle internationaler Rüstungstransfers. Der Handel mit diesen Waffen ist also nicht nur ein globalisiertes Geschäft, sondern auch ein globales Politikum, das politischer Kontrolle bedarf.

«Lord of War» ist ein wichtiger Film, weil er diese Tatsachen weltweit einem Millionenpublikum vor Augen führt. Amnesty International wirbt deshalb in Kooperation mit der Produktionsfirma Lions Gate für diesen Film. Die US-Sektion von AI hat zum Film eine Website erstellt und einen Flyer produziert. Hauptdarsteller Nicolas Cage hat einen kurzen Spot für AI aufgenommen. Wenn Sie aus dem Kino kommen, geht die Vorstellung weiter.                 

Andrew Niccol: «Lord of War».
123 Min. Videophon AG, 32.90 CHF

Erschienen im Magazin amnesty vom Mai 2006.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion.