Genitalverstümmelung: Stille Gewalt an Frauen

Jedes Jahr werden weltweit zwei Millionen junge Frauen beschnitten. Viele Mädchen verbluten, andere leiden ein Leben lang an den Folgen. «Die meisten Frauen können über ihre Erfahrung nicht reden», sagt Amna Abdel Rahman Hassan, die seit Jahren gegen die Genitalverstümmelung kämpft: «Geschlechtsbeschneidung ist stille Gewalt an den Frauen.»

«Zwei Drittel der Mädchen haben chronische Probleme wegen der Geschlechtsbeschneidung, sie haben Mühe zu urinieren und leiden während der Periode. Geschlechtsbeschneidung ist Gewalt an den Frauen, sie ist unmenschlich.» Amna Abdel Rahman Hassan nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie, den Kopf bedeckt mit einem Tuch, wie es das islamische Recht, die Scharia, verlangt, am Schreibtisch sitzt und den Besucher über die Problematik der sexuellen Verstümmelung von Frauen im Sudan aufklärt. Dabei spricht sie nicht nur vom körperlichen Leiden der Frauen, sondern auch von dessen Folgen, vom psychologischen Trauma und den Depressionen der beschnittenen Frauen, die wegen ihrer körperlichen Beschwerden nur verminderte Leistungen in der Ausbildung und im Beruf erbringen können.

Von den mindestens zwei Millionen jungen Frauen, die weltweit Jahr für Jahr die schmerzhafte Prozedur der Beschneidung ihrer Sexualorgane über sich ergehen lassen müssen, leben die meisten in Afrika. In mehr als der Hälfte aller afrikanischen Länder, von Senegal im Westen bis Somalia im Osten, setzen Mütter ihre Töchter bei Geschlechtsreife dem blutigen Ritual aus. Vollzogen wird es meistens von Frauen, die für die Beschneidung fast immer Rasierklingen oder gewöhnliche Messer verwenden. Die Folgen sind oft schlimm, viele Mädchen verbluten oder sterben an Infektionen. Andere leiden ein Leben lang an den Folgen des brutalen Eingriffs.

Im Norden des Sudan ist die Geschlechtsbeschneidung besonders verbreitet und besonders weitgehend, sagt die Sozialarbeiterin Amna Abdel Rahman Hassan in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, die sich seit zwei Jahrzehnten im Kampf gegen die FGM engagiert – das Kürzel FGM steht für Female Genital Mutilation, für weibliche Genitalverstümmelung.

Eine Studie der medizinischen Fakultät der Universität Khartum von 1982 habe festgestellt, dass 97 Prozent der Frauen im Nordsudan infibuliert waren, das heisst, dass nicht nur ihre Geschlechtsorgane beschnitten waren, sondern auch ihr Geschlecht bis auf eine kleine Öffnung wieder zugenäht wurde. Im Jahr 2000 waren immer noch 84 Prozent der Frauen infibuliert, aber bei den 1980 und später geborenen Frauen ging der Anteil der Infibulierten auf 57 Prozent zurück. «Wir halten dies für einen Erfolg», meint Amna Abdel Rahman Hassan.

Im Verborgenen

Es ist ein Erfolg des Sudan National Committee on Harmful Traditional Practices SNCTP, das seit 1985 im Nordsudan Aufklärungsarbeit im Kampf gegen die Geschlechtsbeschneidung leistet. Anfänglich seien sie mit Steinen beworfen oder gar geschlagen worden, erzählt die mutige Frau, doch sie hätten nicht aufgegeben und weitergekämpft, und mit der Zeit hätten die Leute auf sie zu hören begonnen. Ein wichtiger Faktor dabei sei die Einsicht gewesen, dass die Sexualbeschneidung der Mädchen nichts mit dem Islam zu tun hat.

Dennoch ist der Kampf gegen FGM nach wie vor schwierig, denn «die meisten Frauen können über ihre Erfahrung nicht reden, sie behalten es für sich», sagt Amna Abdel Rahman Hassan, «Geschlechtsbeschneidung ist stille Gewalt an den Frauen!»

«FGM gibt es noch immer, auch wenn sie verboten ist», bestätigt die prominente kenianische Politikerin Beth Mugo. 2003 haben sämtliche 53 afrikanischen Länder in Maputo ein Protokoll verabschiedet, in welchem die Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung verurteilt und ihre Ausrottung gefordert wird. Doch die Realität sieht noch anders aus. «Selbst in Gebieten, wo man sie für ausgerottet hält, wird FGM noch immer praktiziert, aber im Verborgenen. Es gibt noch immer mehr Volksgruppen in Kenia, die FGM praktizieren, als solche, die es nicht tun. Aber wir kämpfen dagegen», sagt Beth Mugo.

Zum Kampf gegen die FGM gehört auch, dass junge Frauen an öffentlichen Veranstaltungen Zeugnis ihres Leidens ablegen. So erzählte die junge Grace 2004 in Kisumu, wie sie als 12-Jährige zusammen mit Gleichaltrigen zum Fluss gebracht wurde, damit das kalte Wasser ihre Körper weniger empfindlich mache. Dann musste sie sich nackt auf einen Stein setzen, eine Frau hielt ihr mit den Händen die Augen und den Mund zu.

Das Schneiden mit dem Messer war schmerzhaft, denn das Messer war nicht so scharf geschliffen. Sie schnitten ihr das ganze Geschlecht ab. Die Schmerzen waren so stark und sie war so krank, dass sie einen Monat lang zu Hause bleiben und schliesslich ins Spital gebracht werden musste. Die Wunde ist heute geheilt, doch anstelle der Geschlechtsteile hat Grace eine harte Narbe. Die Geburt ihrer Kinder sei deshalb äusserst schmerzhaft gewesen.

Sozialer Druck

Andere Frauen wagen auch davon zu sprechen, dass sie wegen der Geschlechtsbeschneidung Sex nicht mehr geniessen können, worin viele Aktivistinnen gegen FGM denn auch den eigentlichen Zweck der barbarischen Prozedur erkennen: «FGM dient dazu, Frauen gefügig zu machen.» Trotz aller Aufklärung bleibt vielerorts der soziale Druck auf Familien und Mädchen stark.

Mädchen, die sich weigerten, sich beschneiden zu lassen, würden stark unter Druck gesetzt, sie und ihre Familien fürchteten, als Aussenseiterinnen gebrandmarkt zu werden und keinen Ehemann zu finden, erklärte die kenianische Innenministerin Lina Kilimo anlässlich einer Konferenz 2004 in Nairobi. Sie selbst habe als Mädchen ihr Zuhause verlassen, weil ihr Vater sie zur Beschneidung habe zwingen wollen, und noch heute liefen viele Mädchen deswegen weg.
In Khartum ist Amna Abdel Rahman Hassan über eine neue Entwicklung besorgt. Elitefrauen und religiöse Führer haben FGM zum «islamischen Ritual» erklärt und verlangen eine «islamische Beschneidung» der Mädchen: Die Spitze der Klitoris soll beschnitten werden analog der Beschneidung des Penis.

Fundamentalistische Gruppen machten Werbung dafür und viele Mütter hätten ihre Töchter beschneiden lassen, sagt Amna Abdel Rahman Hassan. Abgesehen davon, dass es keine Haut an der Klitoris gebe, die beschnitten werden könne, werde sie gegen dieses Ansinnen einer radikalen Minderheit kämpfen. «Der Präsident hat die Erklärung der Kinderrechte unterschrieben und Artikel 18 davon schützt die Mädchen vor der FGM. Die Regierung hat keine andere Wahl.»

Erschienen im Magazin amnesty vom Mai 2006.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion.