Brennpunkt Rote Karte für den Frauenhandel

Tausende von Frauen und Mädchen werden als Sexarbeiterinnen für die Fussball-WM nach Deutschland kommen, ein Grossteil von ihnen unfreiwillig. Laut Aussagen des Europarats ist zu befürchten, dass zwischen 30000 und 60000 Frauen während der WM Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung werden

«Die Welt ist zu Gast bei Freunden.» So lautet das offizielle Motto der Fussball-Weltmeisterschaft, die vom 9.Juni bis zum 9.Juli in Deutschland stattfinden wird. Viele freuen sich auf spannende und faire Spiele, internationale Begegnungen und neue Bekanntschaften. Am Rande der Spiele wird es jedoch Menschen geben, die weder Freude, Freundschaft noch Fairness erleben werden.

Tausende von Frauen und Mädchen werden als Sexarbeiterinnen für die Fussball-WM nach Deutschland kommen, ein Grossteil von ihnen unfreiwillig. Laut Aussagen des Europarats ist zu befürchten, dass zwischen 30000 und 60000 Frauen während der WM Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung werden. Auch wenn diese Zahlen nicht belegbar sind, zeigt die Erfahrung von entsprechenden Grossanlässen, dass Nachfrage und Angebot an sexuellen Dienstleistungen auch an der WM stark ansteigen werden.

Sexuelle Ausbeutung von Frauen ist die mit Abstand lukrativste Form des Menschenhandels. Dies brachte eine kürzlich veröffentlichte Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zutage. Laut ILO-Studie liefert eine Zwangsarbeiterin durch sexuelle Ausbeutung in den Industrieländern einen Gewinn von durchschnittlich 67200 US-Dollar. Laut Schätzungen der Studie werden jährlich rund 2,4 Millionen Frauen, Männer und Kinder weltweit Opfer von Menschenhandel.

Frauenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist ein riesiger krimineller Markt, auch in Deutschland. Viele Frauen vor allem aus mittel- und osteuropäischen Staaten arbeiten dort illegal in der Prostitution. Einige werden verschleppt, andere unter falschen Versprechungen nach Deutschland eingeschleust, festgehalten und unter psychischer und physischer Gewaltandrohung zur Prostitution gezwungen. Die Grenze zwischen illegaler Prostitution und Zwangsprostitution ist oft fliessend. Sicher ist jedoch: Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist ein Verbrechen. Er verletzt das Recht auf menschliche Würde, psychische und mentale Integrität, Bewegungsfreiheit, Freiheit von Folter und in manchen Fällen sogar das Recht auf Leben. 

Um dies zu verhindern, braucht es klare Massnahmen. «Abpfiff – Schluss mit Zwangsprostitution», lautet die Kampagne des Deutschen Frauenrates, an der sich auch Amnesty International beteiligt. Ziel ist es, während der WM eine breite Öffentlichkeit auf das Problem des Menschenhandels und der Zwangsprostitution aufmerksam zu machen. Auf politischer Ebene müssen bessere Massnahmen zum Schutz der Frauen und zur strafrechtlichen Verfolgung von Menschenhändlern getroffen werden. Gefordert ist auch der Weltfussballverband (FIFA), der sich öffentlich gegen die Ausbeutung von Frauen aussprechen soll. Und schliesslich sind die Fussballfans dazu aufgerufen, der Zwangsprostitution im Rahmen der WM die rote Karte zu zeigen.

Pascale Schnyder

Mehr zur Kampagne unter: 
www.frauenrat.de

Erschienen im Magazin amnesty vom Mai 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion