AI-Aktiv «Der Beginn war harzig»

Seit seinem Comingout mit 22 Jahren setzt sich Hans Markus Herren für die Anliegen von sexuellen Minderheiten ein. Für ihn ist Amnesty International die beste Organisation dafür, obwohl es einigeszu verbessern gäbe.
© AI

Das Bundesamt für Statistik ist ein imposanter Neubau direkt beim Bahnhof in Neuenburg. Hier arbeitet Hans Markus Herren als «Erbsenzähler» – als wissenschaftlicher Mitarbeiter – und erstellt den Landesindex der KonsumentInnenpreise. Seit deren Gründung 1997 engagiert sich der Volkswirtschafter und Arabist bei der Deutschschweizer Gruppe für Schwule, Lesben und Transsexuelle bei Amnesty International (AI).

«Der Beginn der Homosexuellen-Bewegung bei AI war harzig», erinnert er sich. 1992 wurde am Internationalen Ratstreffen von Yokohama beschlossen, auch Menschen zu schützen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Die «freie, auf gegenseitigem Einverständnis beruhende Wahl eines erwachsenen Sexualpartners» wurde als Menschenrecht anerkannt. «Die Formulierung ist wichtig, denn viele halten uns für Vergewaltiger oder Pädophile», begründet Herren die umständliche Wortwahl.

«AI könnte mehr tun»

«AI könnte mehr tun», stellt er fest und meint damit vor allem das Sekretariat in London, das er anlässlich eines Koordinationstreffens vor kurzem besuchte. Bei besserer personeller Dotierung könnten mehr Fälle recherchiert werden, denn in mehr als 80 Ländern ist Homosexualität strafbar und in sieben Ländern (die meisten muslimisch) droht Homosexuellen sogar die Todesstrafe. Weltweit sind in den letzten Jahren starke Schwulen- und Lesbengruppen innerhalb von AI entstanden, die sich gerne für diese Fälle einsetzen würden.

Die Deutschschweizer Gruppe besteht mehrheitlich aus Männern, mehr Frauenbeteiligung wäre jedoch hochwillkommen. «Und auch Heterosexuelle dürfen sich für Homosexuelle einsetzen», sagt Herren. Die Sitzungen seien jeweils sehr freundschaftlich und finden reihum bei jemandem zu Hause statt, der für die Anwesenden kocht. Als Sitzungsleiter achtet Herren jedoch darauf, «dass nicht schon an der Sitzung zu viel Wein getrunken wird».

Gut vernetzt

Die Gruppe ist gut vernetzt und an den wichtigen Schwei-zer Homosexuellen-Kundgebungen, der «Pride» in Luzern und dem «Christopher Street Day» in Zürich immer mit einem Stand präsent. Für Hans Markus Herren steht die politische Dimension im Vordergrund, das partyhafte dieser Anlässe gefällt ihm weniger: «Es ist wichtig, dass die Schwierigkeiten nicht ausgeblendet werden.»

Herren ist jedoch froh, dass es auch ruhigere Zeiten gibt, in denen er sich seinen Hobbys Kochen und Joggen mehr widmen kann.

Probleme auch in der Schweiz

Trotz der vergleichsweise guten Situation steht auch in der Schweiz nicht alles zum Besten. Zwar ist das neue Partnerschaftsrecht gerade vom Volk angenommen worden und Homosexualität ist seit 1942 legal. Doch die rechtliche Sicherheit alleine macht noch nicht glücklich.

«Im Versteckten wird nach wie vor diskriminiert», sagt Herren. Viele Schwule seien einsam, hätten Angst und könnten nicht zu sich selbst stehen, sagt Hans Markus Herren. Dass es sich dennoch lohnt, für sich und seine Anliegen einzustehen, zeigt Herren mit seinem Engagement. 

Die Gruppe unterhält eine ausführliche Webseite: www.queeramnesty.ch

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion