Mexiko «Für viele sind wir die letzte Hoffnung»

Der 28-jährige Jurist Mario Patrón gehört zu den profiliertesten Menschenrechtsanwälten Mexikos. Für ihn ist die Verteidigung der Menschenrechte, insbesondere der schwächsten Gruppen der Bevölkerung, ein Lebensziel.
Mario Patrón © Valérie Chételat

Fast die Hälfte der indigenen Bevölkerung in Guerrero hat keinen Zugang zu Bildung, kein Einkommen und ist unterernährt», zählt Mario Patrón mit bestimmter Stimme nur einige der Ungerechtigkeiten auf, mit denen er täglich konfrontiert ist.

Seit zwei Jahren arbeitet der junge Rechtsanwalt in einem Menschenrechtszentrum in Tlappa im mexikanischen Bundesstaat Guerrero, wo er sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt. Davor hat er sich in einem Menschenrechtszentrum in Mexiko City sieben Jahre für Verschwundene, Folteropfer und politisch Verfolgte eingesetzt. Obwohl er erst 28 Jahre alt ist, gehört Patrón zu den profiliertesten Menschenrechtsanwälten Mexikos.

«Ich kann meine Augen nicht verschliessen»

«Ich kann meine Augen nicht vor all den Ungerechtigkeiten verschliessen», sagt Patrón nachdrücklich. Für viele Opfer sind MenschenrechtsverteidigerInnen wie er die einzige Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation und oft auch der einzige Schutz vor staatlichen Übergriffen oder Mord. «Wenn dir eine Person ihren Fall anvertraut, gibt sie dir ihr Leben in die Hand», erklärt der Menschenrechtsanwalt.

Diese Verantwortung lässt ihn auch weitermachen, wenn er von Polizisten bedroht oder von der Regierung als Lügner hingestellt wird, oder wenn er erneut einen Fall verliert, weil Korruption und Macht in Mexiko stärker sind als Gerechtigkeit. «Mein grösster Schutz ist die internationale Öffentlichkeit», betont Patrón.

Meistens lastet nicht nur das Leben einer Person, sondern ganzer Familien oder Dörfer auf den Schultern von Patrón und seinen MitstreiterInnen. So zum Beispiel, wenn er AktivistInnen verteidigt, die sich in Guerrero gegen das grosse Staudammprojekt «La Parota» oder gegen die illegale Rodung der Waldbestände durch mächtige Lokalfürsten wehren. Viele von ihnen wurden unter falschen Anschuldigungen verurteilt, bedroht oder umgebracht. «Auch wenn wir im Recht sind, haben wir keine Garantie dafür, dass wir gewinnen», erklärt Patrón. «Trotzdem müssen wir weitermachen. Nur so können wir den Opfern Hoffnung machen.»

Internationale Unterstützung ist wichtig

Woher Patrón die Kraft nimmt, ist für ihn klar: «Ich kann in unserem Zentrum auf die Unterstützung von erfahrenen JuristInnen und die Solidarität eines guten Teams zählen.» Auch die internationale Unterstützung sei wichtig. «Wir geben all unsere Informationen an  Organisation wie Amnesty International und an die Uno weiter, die dann von ihrer Seite Druck auf die Regierungen ausüben – etwa für das neue Gesetz, das ‹Verschwindenlassen als schweres Verbrechen anerkennt.»

Eine besondere Rolle spielt für Mario Patrón seine Frau Ana, die ebenfalls im Menschenrechtszentrum arbeitet und ihn durch alle Fälle hindurch begleitet: «Der Einsatz für die Menschenrechte ist unser gemeinsames Lebensziel.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion