Schwerpunkt Tschetschenien Der tägliche Kampf ums Überleben

Während Präsident Ramsan Kadyrow 2006 zum Jahr des Wiederaufbaus erklärt hat, kämpfen die Menschen im vom Krieg zerstörten Grosny ums Überleben. Kein Haus ist unversehrt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 Prozent und noch immer «verschwinden» täglich Menschen. Reportage eines tschetschenischen Journalisten.
Grosny, 6.Januar 2005 © Musa Sadulajev

Ein ganz normaler Morgen in Grosny. Malika steht vor der Tür des zerbombten Hauses, in dessen Erdgeschoss sie sich einen kleinen Raum notdürftig als «Frisiersalon» hergerichtet hat. In ihrem blauen Meisterkittel ist die 30-Jährige schon von weitem zu sehen. Ein handgemaltes rotes Schild wirbt für Damen- und Herrenschnitte. Während sie die Vorhängeschlösser öffnet, donnert mit hoher Geschwindigkeit eine Wagenkolonne vorbei: Mercedes SLK, BMWs und US-amerikanische Geländewagen, wie tschetschenische Politiker und ihre Bodyguards sie benutzen.

Die Kolonne fährt stadteinwärts, durch die zerstörte Vorstadt hin zum Zentrum, das seit kurzem in neuem Glanz erstrahlt. Häuser wurden hier wieder aufgebaut und Boulevards frisch geteert. Sogar zwei Springbrunnen, in denen im Sommer Kinder plantschen, zieren die Innenstadt. Journalisten und Ausländern soll damit vorgegaukelt werden, dass in Tschetschenien alles wieder in Ordnung und der Frieden endlich eingekehrt sei. Gleichzeitig erklärte Präsident Ramsan Kadyrow 2006 zum Jahr des Wiederaufbaus.

In Tschetschenien leben

Bei Malika ist von alledem noch nichts angekommen. In ganz Grosny gibt es kein einziges Haus, das nicht durch die Kriege gelitten hätte. Sie selbst lebt in einer erbärmlichen Ruine, die durch die kleinste Erschütterung endgültig in sich zusammenfallen könnte. Malika und ihre Nachbarn können sich über den «Wiederaufbau» auch nur bedingt freuen. «Was nützen uns ein paar neue Gebäude», schimpft sie: «Selbst wenn Tschetschenien in reinem Gold wieder aufgebaut würde, brächte uns das keine Sicherheit!» Noch immer verschwinden und sterben jeden Tag Menschen.

Die mangelnde Sicherheit ist das Problem Nummer eins. Malikas Nachbarin berichtet: «Es kamen russische Soldaten zu uns und holten meinen Mann ab. Seitdem ist er verschwunden. Ich habe ihn überall gesucht, beim Militär und bei den Behörden. Überall habe ich um Informationen und um seine Freilassung gebettelt. Niemand hat mir etwas gesagt oder mir geholfen.» Doch Aufgeben ist ihre Sache nicht: Sie beteiligt sich an Demonstrationen, macht gemeinsam mit anderen Frauen und Müttern auf das Schicksal der verschwundenen Väter, Söhne und Töchter aufmerksam.

Schönheitswettbewerb

Aber die Machthaber scheren sich wenig darum. Sie haben anscheinend Wichtigeres zu tun: Zum ersten Mal fand in diesem Jahr in Grosny ein Schönheitswettbewerb statt. Siegerin wurde die 15-jährige Schülerin Zamira Djabrailova, die einen nagelneuen Toyota gewann. Ausserdem wurde eine grandiose Feier veranstaltet, zu der berühmte Persönlichkeiten wie Mike Tyson, russische Fernsehstars oder Topsänger eingeladen wurden. Selbstverständlich erhielten sie ein üppiges Honorar.

«Die Teilnehmerinnen führten dem erlesenen Publikum schliesslich den traditionellen Volkstanz Lesginka vor, das sich mit einem Regen von Dollar- und Rubelscheinen bedankte, insgesamt 30000 US-Dollar», weiss Malika verbittert zu berichten. Sie kann von solchen Summen nur träumen. Ihr Einkommen entspricht dem durchschnittlichen Verdienst von maximal 200 Euro monatlich. Damit kann sie gerade die nötigsten Lebensmittel beschaffen und einmal im Monat das Fleischgericht «Jijig Galasch» kochen. Daran, eine der neu gebauten Wohnungen zu mieten, kann sie nicht einmal denken.

Und dabei ist Malika noch ganz gut dran. Immerhin hat sie ein Einkommen. «Fast alle meine Freunde sind arbeitslos. Die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent. Die Industrie wurde im Krieg vollständig zerstört. Die Arbeit in der Landwirtschaft ist extrem gefährlich. Viele Minen und Blindgänger liegen in den Feldern. Niemand weiss, wie es weitergehen soll», klagt sie. «Wenn niemand Geld und Arbeit hat, kann auch niemand zum Friseur gehen.»

Alles zerstört

Auch ihre Nachbarin wirkt mutlos. Sie ist vor Jahren aus der Bergregion nach Grosny gekommen. Dort sei es ganz unerträglich gewesen, erzählt sie. Die Dorfbewohner seien von zwei Seiten drangsaliert worden: «Tagsüber kam das russische Militär, um nach Rebellen zu suchen und bei der Gelegenheit Geld, Kleidung und Nahrungsmittel zu erpressen», erinnert sie sich. Nach Einbruch der Dunkelheit seien dann die Rebellen mit denselben «Wünschen» in die Häuser gestürmt und hätten sie ausserdem beschuldigt, mit der russischen Armee kooperiert zu haben. «Mein Dorf – und viele andere – gibt es nicht mehr», fährt sie tonlos fort. «Alle Bewohner haben es verlassen, und dann haben die Russen alles zerstört, um nichts den Rebellen zu überlassen.»

Während die Mächtigen und Reichen im Lande rauschende Feste feiern, kämpft die Bevölkerung täglich ums Überleben. «Wir hoffen alle, dass es besser wird. Ein paar Betriebe werden wieder aufgebaut, dann wird es Arbeit geben», sagt Malika. Die Realität sieht anders aus: Wer Arbeit bekommen will, braucht Freunde in der Firmenleitung oder muss Schmiergeld zahlen. So müssen die meisten Bewohner Grosnys versuchen, sich selbst zu helfen: Sie räumen Ruinen frei und eröffnen kleine Teestuben, Cafés oder Handwerksbetriebe. Mit ein wenig Glück reicht der Verdienst zum Leben.

Inzwischen ist es zwölf Uhr mittags: Noch hat sich kein Kunde in Malikas Salon eingefunden. Sie wartet und beobachtet die vielen Autos auf der Strasse: rostige einheimische «Schigulis», teure ausländische Fabrikate und gepanzerte Militärfahrzeuge. Malika kann sich kein Auto leisten. «Vor drei Tagen gab es hier einen Zusammenstoss, direkt vor meiner Tür. Ein Militärfahrzeug ist in den Gegenverkehr hineingefahren und hat ein Privatauto gerammt. Der Fahrer hatte viel Glück, dass er überlebt hat.» Sie fährt fort: «Wenn man den teuren Pkws oder den Militärjeeps begegnet, tut man gut daran, sofort den Weg frei zu machen. Sonst kann es passieren, dass man beschossen wird.»

Keine Kindheit

Die Tür geht auf und eine Frau mit zwei halbwüchsigen Kindern kommt herein: Kundschaft. Malika schneidet zuerst dem 15-jährigen Jungen die Haare. Der diskutiert derweil mit seiner Mutter darüber, dass er ein Handy und eine X-Box für seinen Computer haben möchte. Immerhin gibt es jetzt Handys und Internet – Dinge, die vor wenigen Jahren noch unerschwingliche Luxusartikel und verboten waren. Einen Mobilfunkanschluss durfte man nur mit Zustimmung des russischen Geheimdienstes besitzen. Die Mutter reagiert verärgert auf die teuren Wünsche ihres Sohnes. Er solle froh sein, dass er nicht mithelfen müsse, die Familie zu ernähren – so wie viele andere Kinder, die auf Märkten, Tank- oder Baustellen arbeiten oder Altmetall in den Ruinen sammeln. Malika hört geduldig zu, beendet ihre Arbeit und kassiert zufrieden 18 Euro für drei Haarschnitte.

«Fast alle tschetschenischen Kinder haben keine Kindheit,» sagt sie. «Sehr viele kämpfen gemeinsam mit ihren Eltern ums tägliche Brot. Nicht selten kommen sie bei Hauseinstürzen oder Minenexplosionen ums Leben oder werden schwer verletzt, verlieren Arme und Beine.» In ihren Worten schwingt Angst. Auch sie hat Kinder. Und sie weiss, dass die Überlebenden solcher Unglücke kaum eine Chance haben. Sie werden nicht vernünftig ärztlich versorgt, finden weder einen Ausbildungs- noch einen Arbeitsplatz. Unicef unterhält in Grosny ein Rehabilitationszentrum für 200 Patienten. Immerhin – aber doch ein Tropfen auf den heissen Stein.

250000 sind geflüchtet

Viele konnten und wollten ein Leben unter solchen Umständen nicht aushalten. Sie sind aus der Region geflüchtet, um sich zu schützen, um ihren Kindern eine Zukunft zu geben. Etwa 250000 Menschen – ein Viertel der Gesamtbevölkerung – haben Tschetschenien in den letzten zehn Jahren verlassen. Viele haben in Russland oder im Ausland eine neue Heimat gefunden – und sehnen sich doch nach Tschetschenien zurück. Andere, die ausreisen wollen, dürfen nicht. Die tschetschenische Regierung folgte der Bitte Russlands, Reisedokumente zu verweigern, um die Flucht in russische Metropolen zu verhindern. Nur hohe Schmiergelder helfen, die ersehnten Papiere dennoch zu ergattern.

Malika kann sich das nicht leisten und sie will auch ihre Heimat nicht verlassen. Sie kämpft täglich um Fleisch und Brot und darum, so viel zu verdienen, dass es zu einem normalen Leben und für eine normale Wohnung reicht. Heute hat das nicht geklappt, es sind keine weiteren Kunden gekommen. Aber Aufgeben ist ihre Sache nicht.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion