Schwerpunkt Tschetschenien Chronist eines vergessenen Krieges

Der Fotograf Musa Sadulajew dokumentiert den vergessenen Krieg in Tschetschenien. Um Abstand von den schrecklichen Erlebnissen in seiner Heimat zu gewinnen, war er zusammen mit seinem zehnjährigen Sohn für ein Jahr Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.
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Tschetschenien an einem Vormittag im Mai. Musa Sadulajew macht sich auf den Weg zur Arbeit, seine 78- jährige Mutter begleitet ihn zu seinem Auto. Das Gehen fällt ihr schwer. «Allah beschütze dich», sagt sie wie jeden Morgen. An diesem Tag fügt sie noch hinzu: «Er möge dich sicher nach Hause geleiten.»

Er fährt aus dem kleinen Ort Goragorsk in die Hauptstadt Grosny. Dort findet wie jedes Jahr im Dynamo-Stadion die Parade zum Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Sadulajew will Fotos für die Nachrichtenagentur AP schiessen. Im Stadion trifft er seinen Freund Adlan Chassanow, der für Reuters fotografiert. Innerhalb von Sekunden wird aus der Feier zum Ende eines Krieges der Schauplatz eines aktuellen Konflikts: Die Ehrentribüne des Präsidenten Achmad Kadyrow fliegt in die Luft. «Mein einziger Gedanke war: Ich muss diesen Moment festhalten.» Also hält Sadulajew auf die panische Masse. Bis sein Blick an Adlan Chassanow kleben bleibt. Der Freund liegt am Boden. In seinem eigenen Blut. «Zuerst glaubte ich noch, ihm helfen zu können. Als ich begriff, dass es vorbei war, habe ich ihn fotografiert. Denn Fotos waren unsere gemeinsame Geschichte.»

Achtung vor jeder Religion

Sadulajew sitzt im Esszimmer einer Dreizimmerwohnung im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Während er erzählt, scheint er zu vergessen, dass die Ereignisse fast zwei Jahre zurückliegen. «Es ist ein Wunder, dass ich überlebt habe», sagt der 37-Jährige. «Allah muss die Gebete meiner Mutter erhört haben. Anders kann ich es mir nicht erklären.» Präsident Kadyrow stirbt bei dem Attentat, mit ihm kommen etwa 30 weitere Menschen um. Zur Tat bekennt sich Rebellenführer Schamil Bassajew, dessen Anhänger auch für die Geiselnahme von Beslan verantwortlich gemacht werden.

Seine Kindheit verbringt Musa Sadulajew in Goragorsk. 10 000 Menschen leben hier, 50 Kilometer nordwestlich von Grosny. Er ist das jüngste von sechs Kindern. Seine Eltern sind einfache Landwirte und gläubige Moslems: «Mein Vater starb vor 15 Jahren. Er war immer dagegen, dass ich fotografiere. Er sagte, ich dürfe etwas Lebendiges nicht verewigen, denn dass könne nur Allah», erzählt Sadulajew und beginnt zu lachen. «Mein Vater änderte seine Meinung erst, als ich ihn mit seinen Pferden fotografierte.» Und sein Verhältnis zum Islam? «Ich versuche, islamische Traditionen einzuhalten, bete aber nicht. Ich habe Achtung vor jeder Religion, denn alle lehren den Respekt vor dem Leben.»

Faszination Fotografie

Als Achtjähriger entdeckt Musa Sadulajew die Fotografie. «Mein ältester Bruder bekam damals eine Kamera geschenkt. Das Fotografieren und Entwickeln faszinierte mich sehr. Ich wollte das auch können.» Mit 16 bekommt er seine erste eigene Kamera. Im Gegensatz zu anderen Jugendlichen kauft er von seinem Geld Entwicklerflüssigkeit und Filme statt Zigaretten und Alkohol. Während seiner Schulzeit beginnt Sadulajew Gedichte zu schreiben, beim Militär veröffentlicht er erste Artikel. Aber der Journalismus ist keine langfristige Option für ihn: «Man kann erforschen und aufschreiben, was vor Tausenden von Jahren passiert ist. Das Foto aber fixiert den Moment. Was gestern war, kann man heute nicht mehr fotografieren.»

Als im November 1991 der Anführer der tschetschenischen Autonomiebewegung Dschonar Dudajew die Kaukasusrepublik für unabhängig erklärt, sendet der Kreml Truppen in die Region. Es kommt zu Massendemonstrationen. «Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich die Geschichte meines Volkes festhalten muss. In dieser Zeit lernte ich, wie grausam der Mensch ist. Kein Tier quält absichtlich, der Mensch schon», sagt Sadulajew. Dann fällt sein Blick auf seinen Sohn. Mit überraschend kühler Geste schickt der sonst so freundliche Mann seinen Sohn vor die Tür. «Ich will nicht, dass er das hört», erklärt er knapp.

«1992 sah ich die Leiche einer Frau. Ihr Brustkorb war übersäht mit Wunden von ausgedrückten Zigaretten. Ich war vollkommen schockiert, habe sie aber trotzdem fotografiert. Meine Fotos gehören dem tschetschenischen Volk und sollen die Ereignissen bezeugen. Anhand dieser Bilder können unsere Nachfahren beurteilen, was passiert ist.» 2001 ist er dabei, als ein russischer Panzer über eine Mine rollt und explodiert. Daraufhin eröffnet die Militärkolonne das Feuer. Wahllos töten die Soldaten Menschen und Tiere. Sadulajew fotografiert alles und wird von Militärs aufgegriffen. Man verhört ihn sechs Stunden und lässt ihn kurz vor der Sperrstunde laufen: «Das war zu diesem Zeitpunkt fast gleichbedeutend mit dem Todesurteil. Während der Sperrstunde wurden Zivilisten auf der Strasse sofort erschossen.»

In Tschetschenien leben

In den letzten fünf Jahren war die Angst immer eine Stiefellänge hinter ihm. Sadulajew wechselt seinen Wohnort wie andere die Kleidung. Die wiederum wechselt er seltener als andere: «Ich schlief immer in Jeans. In Tschetschenien braucht es nicht viel, um verhaftet zu werden. Ich wollte wenigstens nicht im Pyjama abgeführt werden.» Im September 2005 kommt Sadulajew nach Deutschland. «In Hamburg soll er Abstand von den schrecklichen Erlebnissen in Tschetschenien bekommen», erklärt Martina Bäurle, die Geschäftsführerin der Stiftung für politisch Verfolgte. Das hat funktioniert: «Ich fühle mich auch nach drei Monaten noch wie in einem Märchen», sagt Sadulajew. «Sie müssen sich vorstellen, in seiner Heimat haben die meisten Häuser nicht mal Fenster. Sie würden sowieso bei Bombenangriffen wieder zerstört», erklärt der Übersetzer Andrej Görlitz.Fast ein bisschen trotzig fügt Sadulajew hinzu: «Aber ich vermisse unsere Ruinen. Das ist mein Land, davon komme ich nicht los. Ich möchte in Tschetschenien leben, egal wie zerstört es ist. Dort will ich einen Hof haben und meine Enkelkinder im Arm halten.»

www.musa-sadulajew.com | www.hamburger-stiftung.de

Von Tatjana Schütz
Tatjana Schütz arbeitet in der Redaktion des Magazin von AI Deutschland.