Sudan / Tschad Politik der verbrannten Erde im Tschad

Weil es die internationale Gemeinschaft in den letzten drei Jahren versäumt hat, wirksame Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung im sudanesischen Darfur durchzusetzen, greift der Konflikt jetzt auf den Nachbarstaat Tschad über. Bereits haben sudanesische Janjawid-Milizen 75000 Menschen aus ihren Dörfern vertrieben.
Mehr als 2.5 Millionen Menschen sind seit Ausbruch des Konflikts geflüchet © UNHCR N.Behring

Die humanitäre Tragödie, die sich in Darfur abspielt, weitet sich auf den Tschad aus», erklärt Theo Murphy, der Sudan-Researcher von Amnesty International (AI) am Satellitentelefon. Murphy bereist innerhalb von wenigen Wochen bereits zum zweiten Mal die Grenzregion zum Sudan im östlichen Tschad, um Zeugenaussagen und Fakten zu den sich häufenden Überfällen von sudanesischen Janjawid-Milizen auf tschadische Dörfer zu sammeln.

Die Reitermilizen sind zusammen mit der sudanesischen Armee dafür verantwortlich, dass seit 2003 in den sudanesischen Darfur-Provinzen mehr als 200000 Menschen ihr Leben verloren haben und über zwei Millionen Menschen aus ihren Dörfern vertrieben worden sind.

«Im Moment haben die Janjawid-Angriffe wegen der Regenzeit etwas nachgelassen», erklärt Murphy, «aber es wird wohl weitere Überfälle geben». Nachdem die Region Darfur ausgeblutet ist, fallen die Janjawid jetzt im Tschad ein und rauben Herden und Besitz der tschadischen Bevölkerung entlang der fast 1000 Kilometer langen Grenze zwischen dem Tschad und der Region Darfur.

Seit dem vergangenen April wurden gemäss den Erkenntnissen von AI gegen 1000 Menschen im östlichen Tschad von den Janjawid umgebracht, rund 75000 sind im Land selbst auf der Flucht und suchen Schutz in der Nähe von städtischen Zentren oder in den Flüchtlingslagern, in denen bereits 200000 sudanesische Flüchtlinge aus Darfur Schutz gesucht haben.

Auf der Flucht

Die Menschen werden oft mehrfach überfallen und vertrieben. Ein 45-jähriger Dorfbewohner von Moukchacha, einem Dorf nahe der tschadisch-sudanesischen Grenze, beschrieb die verzweifelte Suche nach Sicherheit der Überfallenen: «Nachdem beim Überfall viele Menschen umgebracht worden waren, trieben die Janjawid unsere Herden weg und nahmen auch unsere Lebensmittelvorräte mit. Wir flohen in Richtung Koloy.»

Zwei Wochen später wurde aber auch das Dorf Koloy von den Janjawid überfallen. Wieder machten sich die Überlebenden von Moukchacha auf den Weg. Sieben Tage brauchten sie, um die 6000-Seelen-Stadt Goz Beida zu erreichen, das administrative Zentrum der Region etwas weiter im Landesinnern. 14000 Flüchtlinge aus dem Sudan und fast ebenso viele Vertriebene aus dem Tschad haben hier bereits Schutz gesucht.

Im äussersten Südosten, an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik, haben sich rund 15000 tschadische Flüchtlinge in ihrer Verzweiflung in den Sudan gerettet, um sich hier vor den sudanesischen Janjawid-Milizen in Sicherheit zu bringen. Von der tschadischen Armee konnten die Dorfbewohner keine Hilfe mehr erwarten. Die hat sich aus der Grenzregion zurückgezogen und ist damit beschäftigt, Angriffe von tschadischen Rebellengruppen abzuwehren, die mit Unterstützung des Regimes in Khartum von sudanesischem Territorium aus den tschadischen Präsidenten Idriss Deby stürzen wollen.

Faustrecht in Darfur

Ebenso katastrophal ist die Situation weiterhin in der Region Darfur; das bekommt Theo Murphy in seinen Gesprächen mit Flüchtlingen, die neu in den Lagern angekommen sind, immer wieder zu hören. «Alle betonen immer wieder die grosse Unsicherheit in Darfur», erklärt er. «In den Lagern für Vertriebene werden sie von der Polizei diskriminiert und misshandelt.» Ausserhalb der Lager besteht ständig die Gefahr, marodierenden Janjawid-Kämpfern oder Rebellengruppen in die Hände zu fallen.

Von der prekären Sicherheitslage sind auch Hilfsorganisationen wie das UNHCR, Oxfam oder Ärzte ohne Grenzen (MSF) betroffen, deren MitarbeiterInnen immer häufiger Opfer von Raubüberfällen werden. Allein im Juli kamen acht MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen bei Überfällen ums Leben. MSF musste deshalb seine Aktivitäten reduzieren und konnte Tausende von Patienten und Patientinnen nicht mehr versorgen. Das UNHCR und Oxfam können wegen der zunehmenden Unsicherheit Hunderttausenden von Menschen die dringend notwendige humanitäre Hilfe nicht mehr garantieren.

Uno-Friedenstruppe gefordert

Der im Mai 2006 von der sudanesischen Regierung und einer Fraktion der Rebellengruppe Sudan Liberation Army (SLA) unterzeichnete Friedensvertrag (DPA) hat bis jetzt nur zu mehr Gewalt und mehr Chaos geführt. Dies sei von Anfang an das Ziel des sudanesischen Regimes gewesen, erklärte John Prendergast, Sudan-Spezialist der International Crisis Group (ICG) gegenüber der Nachrichtenagentur Interpress. Es kam zu Abspaltungen in den verschiedenen Rebellengruppen, die sich zum Teil auch untereinander bekämpfen.

Einer der SLA-Rebellenführer, Minni Arkoi Minawi, der bisher als einziger den Friedensvertrag unterzeichnet hat, kämpft inzwischen an der Seite der sudanesischen Regierung und der Janjawid gegen die Bevölkerung und ist zum Berater des sudanesischen Präsidenten ernannt worden.

Auch die 7000 Mann starke Friedenstruppe der African Union Mission in Sudan (AMIS) ist nicht willens oder nicht in der Lage, die Zivilbevölkerung zu schützen. «Wegen AMIS muss sich die sudanesische Regierung keine Sorgen machen», sagt AI-Sudan-Spezialist Murphy, «mit dieser Überwachungsmission kann sie machen, was sie will». Deshalb lehne der sudanesische Präsident Omar al Bashir auch so vehement die Uno-Friedensmission ab, die AMIS ablösen soll, wenn deren Mandat Ende September 2006 ausläuft. Unverhohlen hat er Ende Juli gedroht, Darfur werde zu «einem Friedhof für die Uno-Truppen», sollten sie dorthin geschickt werden.

Umso mehr fordert Murphy, dass die internationale Gemeinschaft jetzt den Willen aufbringen müsse, eine starke Uno-Mission nach Darfur zu bringen: «Darauf warten alle hier», fasst er die Hoffnungen der geschundenen Bevölkerung zusammen.

Die Uno-Friedenstruppen müssten über die nötigen Mittel verfügen, um die Zivilbevölkerung vor Angriffen zu schützen und um die Janjawid-Milizen zu entwaffnen, fordert Amnesty International. «Wenn die Uno-Friedenstruppen in der Lage sind, die Reitermilizen zu entwaffnen und die Grenze zum Tschad auf der sudanesischen Seite zu sichern, wird das auch die Situation der Menschen im Tschad entscheidend verbessern», ist Murphy überzeugt. Andernfalls werde es auch Uno-Schutztruppen für den Tschad brauchen, denn «die Regierung Deby ist nicht in der Lage, ihre eigene Bevölkerung zu schützen».

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion