Buchbesprechung Unbequeme Helden

Der «NZZ»-Auslandkorrespondent Ulrich Schmid macht in «Aschemenschen» verdrängte Menschenrechtskonflikte zum Thema eines verstörenden Romans.

Es sind unbequeme Helden, mit denen Ulrich Schmid seine Leser konfrontiert. Unbequem deshalb, weil sie in keine der «literarischen Schubladen» passen wollen, die wir im Laufe der Lektüre für sie zurechtzimmern.

Da ist zum einen die junge, attraktive Erla, eine Schweizerin, die mehr möchte als ihren sicheren Bankenjob, und deshalb mit ihrem australischen Freund Quentin eine Dienstleistung der besonderen Art anbietet: Sie organisiert Entführungen. Das besondere an der Sache: Ihre Kunden lassen sich selbst entführen und dürfen – gegen entsprechende Bezahlung – auch Sonderwünsche anbringen wie etwa leichte Folter in Gefangenschaft oder andere Peinigungen.

Einer der Kunden Erlas ist Gerd, ein gut 60-jähriger, aus der ehemaligen DDR stammender Deutscher, für den Selbstkritik nicht existent zu sein scheint und dessen Leben sich, abgesehen von der Suche nach den «ultimativen Kicks» wie dieser Entführung, nur ums Essen dreht.

Historische Schauplätze

Die Entführung Gerds geht in der fiktiven chinesischen Stadt Er Quan Gou vonstatten, in einer Region am Rande Chinas und nahe der Wüste Taklamakan, wo Chinesen und uigurische Freischärler einen traurigen und von der Welt wenig wahrgenommenen Kampf gegeneinander führen und wo Gerd auch seinen Bruder Jakob – einen Archäologen – aufsuchen will. Die wohlgeplante Entführung und Peinigung Gerds nimmt ein plötzliches Ende, als Xin, ein erfolgreicher chinesischer Geschäftsmann, den Deutschen aus seiner vermeintlich ungewollten Lage befreien lässt.

Entschädigung

Nachdem er von Erla über den Charakter dieser Entführung informiert worden ist, fordert er zur Entschädigung, dass die junge Schweizerin und der Deutsche eine Weile bei ihm verweilen und unter anderem an Werbeaufnahmen für seine Wurstfabrikation mitarbeiten.

Sehr schnell werden Erla und Gerd Teil der Gesellschaft von Er Quan Gou und der Familie Xins, allerdings auf sehr verschiedene Art und Weise: Während Erla, unter anderem dank ihrer Chinesischkenntnisse und ihrer kulturellen Offenheit, sehr rasch das Vertrauen Xins und der lokalen Bevölkerung gewinnt und mit Xin eine Liebesbeziehung beginnt, wird Gerd, der sich freiwillig Gewalt antun liess, von den einen dämonisiert, von den anderen aber wegen seiner unendlich scheinenden Esskapazitäten und seines herrischen Auftretens bewundert und in der ganzen Stadt zu Schauessen eingeladen.

Und dann ist da noch Xiao Fei, die 15-jährige und äusserst scharfsinnige Tochter Xins, welche Gerd von Anfang an misstraut und seinen boshaften Charakter zu enthüllen versucht. Xiao Fei ist es, die Erla in die märchenhafte Welt der Aschemenschen einführt, einer Art halbtoter Riesen, welche die Zukunft der Lebenden voraussehen können.

Konfrontation mit der Vergangenheit

Eines Tages verschwindet Xiao Fei, und sogleich beginnt die verzweifelte und abenteuerliche Suche nach ihr, eine Suche, die nun auch für Erla zu Begegnungen mit den Aschemenschen führt und den Leser mit der Problematik der arg misshandelten uigurischen Minderheit in China konfrontiert, als deren symbolische Vertreter sich die Aschemenschen später herausstellen. Für Gerd endet die Suche nach Xiao Fei, die gleichzeitig auch zur Suche nach seinem Bruder wird, schliesslich mit der Konfrontation mit seiner Vergangenheit als DDR-Militärberater.

Im zweiten Teil des Buches wechselt die Erzählperspektive, und wir erfahren vom Äthiopier Jonas Tefera die – weitgehend auf einem Tatsachenbericht beruhende –  Geschichte seiner erlittenen Folterungen unter dem Mengistu-Regime, in der Zeit des sogenannten Roten Terrors in Äthiopien. An diesen Folterungen hatten sich auch deutsche Militärberater beteiligt, und einer davon war ... Gerd. Dass Jakob von Gerds Vergangenheit wusste und sogar über Beweismaterial verfügte, erfährt der Leser erst spät, womit aber auch klarer wird, weshalb Gerd seinen Bruder aufsuchen wollte.

Grausame Freude

Die politische Botschaft in Ulrich Schmids «Aschemenschen» ist damit eine doppelte: Zum einen vermittelt er seinen Lesern eine Ahnung des chinesischen Umgangs mit Minderheiten im eigenen Land, zum anderen rückt er die unrühmliche deutsche Beteiligung an den Folterungen unter dem Mengistu-Regime in Äthiopien ins Licht.

Der Kern des Romans liegt allerdings tiefer: Es geht um die Tatsache, dass Menschen wie Gerd und die Folterer unter Mengistu Freude daran finden, anderen grausames Leid anzutun, und es schwer ist, in ihre Logik des Handelns und der Rechtfertigung ihrer Taten einzudringen und damit gewissermassen ihre Boshaftigkeit zu erfassen. Dazu Gerd: «... ich bin schlecht, einfach so, völlig ursprungslos, ist ja ekelhaft, das muss in mir drin sein. Aber es ist in euch drin, ihr wollt’s nur nicht wahrhaben, verdammt. Da drin, da.»
Schmid hat mit «Aschemenschen» ein aufrüttelndes Werk geschaffen, indem verschiedene Erzählebenen allmählich einen Eindruck des so vielschichtigen Gesichts der Gewalt schaffen.

Ungewohnt und streckenweise auch den Erzählfluss hemmend ist Schmids Tendenz, jedes auch noch so kleine Detail akribisch zu beschreiben. Gleichzeitig kommt darin auch eine erstaunliche Beobachtungsgabe zum Ausdruck.

Ulrich Schmid: Aschemenschen. Roman. Berlin 2006, Fr. 39.90


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion