Libanon / Israel Zerstörtes Land, zerstörte Hoffnung

Vielen Menschen im Libanon ist erst nach der Rückkehr in ihre Dörfer das enorme Ausmass der Zerstörung durch die israelischen Bombardierungen bewusst geworden. Hilfsorganisationen leisten Not- und Überlebenshilfe, während die internationale Gemeinschaft den langfristigen Wiederaufbau des Zedernstaates plant.
Umfassende Zerstörungen in der Hauptstadt Beirut © Haitham Moussawi/IRIN

Zehntausende von Vertriebenen machten sich im Libanon am Morgen des 14. August 2006 nach dem Inkrafttreten des Waffenstillstandes auf den Weg zurück in den Süden des Landes, den sie vor wenigen Wochen fluchtartig verlassen mussten. Appelle von Polizei und Armee, die Rückkehr wegen der zerstörten Verkehrswege und herumliegenden Blindgänger hinauszuschieben, fruchteten nichts. «Die Leute wollten sehen, was noch übrig geblieben ist von ihren Häusern, von ihren Dörfern», erklärt Käthi Rotzler, die seit über 20 Jahren im Libanon lebt und für Hilfsorganisationen in Saida und Beirut arbeitet.

«Was die Leute vorfinden, ist eine unglaubliche Zerstörung, in ihren Dörfern ist alles kaputt», sagt Rotzler. Die Heimat, in die sie zurückkehren wollten, gibt es nicht mehr. Sie erzählt von einer Freundin, die 26 Jahre gearbeitet hat, um sich ein Haus bauen zu können, jedes Jahr wieder ein Stück mehr, so viel, wie das kleine Einkommen eben zugelassen hat. «Jetzt ist alles zerstört, eine ganze Existenz ist einfach ausgelöscht, nicht mehr da.»

Landesweite Zerstörungen

Die Zerstörungen seien schlimmer als nach dem Bürgerkrieg 1990, sagt Rotzler, weil auch grosse Teile der Infrastruktur zerstört worden seien, und zwar nicht nur im Süden, sondern im ganzen Land. Nach Angaben der libanesischen Regierung wurden durch israelische Bombenangriffe 7000 Häuser, 150 Brücken und 175 Fabriken zerstört. Die Drohung eines hohen israelischen Offiziers am ersten Kriegstag, sein Land werde die Infrastruktur des Libanon um 20 bis 50 Jahre zurückbomben, ist Tatsache geworden.

Es wird Jahre dauern, bis der Libanon wieder da ist, wo er vor Kriegsbeginn am 12. Juli 2006 war. Alles, was nach dem Bürgerkrieg aufgebaut worden war, ist wieder zerstört. Der Tourismus fällt als wichtige Einnahmequelle für die nächsten Jahre aus. Nicht nur die finanzkräftigen Sommergäste aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten sind abgereist – und werden so schnell nicht wieder kommen. Nach der Bombardierung eines Öllagers bei einem Kraftwerk in Dschije flossen rund 30000 Tonnen Öl ins Mittelmeer. Von der grössten Umweltkatatrophe in der Geschichte des Libanon seien bereits auch Strände in Syrien, der Türkei und Zypern betroffen, erklärt Käthi Rotzler.

Rasch Hilfe nötig

Die Uno schätzt den Sachschaden durch den Krieg im Libanon auf rund sechs Milliarden Dollar. Schweden hat Ende August die Staatengemeinschaft zu einer Geberkonferenz für den Wiederaufbau des Zedernstaates eingeladen. NGOs und staatliche Hilfsorganisationen haben derweil mit der humanitären Hilfe begonnen. Das IKRK geht davon aus, dass fast eine halbe Million Menschen im Libanon auf humanitäre Soforthilfe angewiesen sind. Vordringlich ist für IKRK-Präsident Jakob Kellenberger, dass nach dem Ende der Kampfhandlungen rasch Hilfe in die Dörfer im Süden des Landes gebracht werden könne.

Die Not- und Überlebenshilfe werde in den nächsten Monaten im Vordergrund stehen, betont auch Toni Frisch, der Delegierte für humanitäre Hilfe in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Benötigt werden zum Beispiel winterfeste Übergangs-Unterkünfte. Auch die deutsche evangelische Gemeinde Beirut, für die Käthi Rotzler arbeitet, bereitet sich gemeinsam mit dem Middle East Council of Churches für den Winter vor: «Wir werden Winterkleider, Decken und eventuell Heizöl brauchen.»

Dörfer kaufen

«Auch diejenigen, die mitschuldig sind an diesen Schäden, beteiligen sich am Wiederaufbau», sagt Käthi Rotzler. Der Hisbollah stünden enorme Finanzmittel zur Verfügung. «Mit Geldversprechen für den Wiederaufbau kann man ganze Dörfer kaufen», erklärt sie.

Viele Menschen im Libanon werden noch lange brauchen, um zu begreifen, was wirklich geschehen ist. Käthi Rotzler berichtet von einer Familie, die aus Bint Jubail, einer Stadt an der Grenze zu Israel, nach Saida geflüchtet war und dort ein paar Wochen in Sicherheit lebte. Erst jetzt, nach dem Waffenstillstand, hat die Familie erfahren, dass zwei ihrer Söhne und die Tochter mit ihrer ganzen Familie ums Leben gekommen sind. «Mit derartigen Dramen müssen die Menschen hier jetzt fertig werden»: Damit beschreibt Rotzler, was viele libanesische Familien in diesen Tagen durchmachen. «Dabei war die Hoffnung gross, dass das Land jetzt endlich in Frieden leben könne.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion