AI-Aktiv «Am Anfang war das Misstrauen gross»

Piergiorgio Delorenzi hat 1974 die erste AI-Gruppe im Tessin gegründet. Mehr als dreissig Jahre danach ist «Delo» – wie ihn alle nennen – noch immer voller Enthusiasmus bei der Sache.
Piergiorgio Delorenzi © AI

Der Wind der 68-er hatte bereits aufgehört zu wehen. Die Bewegung, welche die Welt mit Liebe, Frieden und Blumen verändern wollte, hatte sich in Luft aufgelöst und viel Enttäuschung hinterlassen. Für die Anhänger von «love and peace» – zumindest für diejenigen, die nicht von einem Moment zum andern von den Barrikaden in ein Bankbüro wechselten – war nach der Hoffnung der 70er Jahre ein Loch entstanden, das gefüllt werden wollte. Zu ihnen gehörten auch Piergiorgio «Delo» Delorenzi und seine Freunde, die sich auf die Suche machten nach einer neuen Sache, für die es sich zu kämpfen lohnte.

«Amnesty International erschien uns schnell als die Bewegung, nach der wir suchten. AI war konkret, effizient und stand über Ideologien, Parteien, Religionen und Machtspielen», erinnert sich «Delo». «AI  setzte sich für Menschen ein, die niemand kannte. Menschen, deren grundlegende Rechte mit den Füssen getreten wurden».

Im Januar 1974 gründeten «Delo» und seine Freunde im Tessin die erste AI-Gruppe. Ihre erste Aktion war eine Wanderausstellung mit AI-Plakaten, um die Ziele und die Arbeitsweise der Bewegung auch auf der Südseite der Alpen bekannt zu machen. «Schon bald wurden uns die ersten drei Gewissengefangenen anvertraut: ein russischer Pastor, eine indonesische Hausfrau und ein Intellektueller aus Argentinien», erinnert sich Piergiorgiro Delorenzi. «Auf diese Weise – so wurde das bei AI damals gehandhabt – waren die drei Welten Okzident, Orient und südliche Länder gleichermassen vertreten».

Für die AktivistInnen im Tessin war es nicht immer einfach, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Am Anfang, während dem Fall des «Eisernen Vorhangs», war das Misstrauen gegenüber der Organisation gross. «Es gab Leute, die uns beschuldigten, die fünfte Kolonne des KGB zu sein und andere hielten uns für angeheuerte CIA-Agenten. Mit unserer Arbeit haben wir es aber geschafft, dieses Misstrauen über die Jahre abzubauen, auch weil wir voll transparent waren und die Medien über unsere Aktionen informierten.»

Der Erfolg von AI im Tessin und die stetige Zunahme von Aktivmitgliedern führten schliesslich zur Aufteilung in vier Gruppen in Lugano, Locarno, Mendrisio und Bellinzona. AI war zunehmend in der Gegend verwurzelt, während sich die Aktionsmöglichkeiten ständig ausweiteten. «Gestärkt durch die ersten Erfolge haben wir uns auf die Äste der <Urgent Actions> hinausgewagt», erzählt Delorenzi. Noch immer trifft sich der 65-Jährige jeden Dienstag im AI-Büro in Lugano mit einigen Freunden, um Briefe zu schreiben für Menschen, deren Rechte verletzt werden. Regelmässig geht er an Schulen, um die Jugendlichen über AI und die Menschenrechte aufzuklären, nimmt an Konferenzen teil und macht bei den Aktionen des Regionalzentrums in Lugano mit.

Wenn der ehemalige Dozent für politische Ökonomie auf seine «ersten» 32 Jahre Aktivmitgliedschaft bei AI zurückblickt, ist für ihn klar: «Die Zeit, die ich für den Schutz der Menschenrechte investiert habe, hat sich gelohnt. Indem ich dazu beigetragen habe, das Leben von anderen zu retten, habe ich auch meinem Leben einen tieferen Sinn gegeben.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion