Buch Chomskys heiliger Zorn

Noam Chomsky rechnet in seinem neusten Buch, «Der gescheiterte Staat», mit der Bush-Administration und den USA ab, die als «einzige vom Völkerrecht und der internationalen Gerichtsbarkeit ausgenommen sind».

Der Amerikaner Noam Chomsky, Professor am Massachusetts Institute of Technology, gilt gemeinhin als das Enfant terrible der Analytiker der US-Aussen- und Innenpolitik. Seit Jahren denkt und schreibt er an: gegen den herrschenden Mainstream der Medien und die die Politik bestimmenden Denkmuster, gegen die vom Weissen Haus in wechselnder Präsidialzusammensetzung vorgegebene Richtung des Handelns einer kleinen, mächtigen Elite. Dieses Handeln ist, wie Chomsky in seinem neusten Buch, «Der gescheiterte Staat», aufdeckt, mehr oder weniger konstant: Die Etiketten haben gewechselt, indessen nicht die Inhalte: von Präsident Eisenhower bis zum jetzigen Amtsinhaber Bush. Es ging und geht nach Chomsky stets um die Mehrung der US-Interessen, die Sicherung der Erdölvorräte, die Vernichtung des «demokratischen Virus» beispielsweise in Allendes Chile oder im Nicaragua der Sandinisten.

Mit Bush junior geht Chomsky, wie nicht anders zu erwarten, besonders hart ins Gericht. Manches, was er in seinem heiligen Zorn, nicht ohne Polemik, über den Zerfall der amerikanischen Demokratie, über die katastrophalen Auswirkungen des Neoliberalismus an Fakten ausbreitet, mag zwar übertrieben klingen, aber in einigen Belangen müss(t)en auch seine härtesten Kritiker dem streitbaren Professor zustimmen. Es sei denn, sie gehörten jener kleinen, tonangebenden «etatistischen Elite» an, die Chomsky schonungslos entblösst: Die USA sind zu einer Macht geworden, die als «einzige vom Völkerrecht und der internationalen Gerichtsbarkeit ausgenommen sind» – «Selbstdispens», obgleich die breite amerikanische Öffentlichkeit am Internationalismus weiterhin festhalte.

Was versteht Noam Chomsky unter dem Begriff «gescheiterter Staat»? Ansätze dazu erkennt er bereits in den Sechzigerjahren; der Abstieg der USA in den Kreis der «gescheiterten Staaten» vollzog sich endgültig unter Bush junior. Ein solcher Staat ist nicht mehr in der Lage, seinen Bürgern Sicherheit zu bieten, sich im In- und Ausland an Recht und Gesetz zu halten, ist ein Staat, der die Öffentlichkeit manipuliert, Meinungsumfragen negiert, die der Regierung nicht in den Kram passen. Das von Chomsky ausgewertete Material ist umfangreich – und zugleich beängstigend. Gleiches gilt für den «Krieg gegen den Terror», den Bush vernachlässige, und die Invasion Iraks, die schliesslich zur «Heilsmission» zurechtgebogen wurde.

Chomskys Streitschrift, gespickt mit Fakten, die kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen sind, ist bedenkenswert – allerdings mit Einschränkungen: Seine äusserst kritische Darlegung der amerikanischen und israelischen Politik ist oft schlicht parteiisch. Und er irrt sich in einigen Bereichen: Die Hisbollah wurde in Opposition zur Amal Berris gegründet und nicht als Reaktion auf den Libanon-Feldzug Israels von 1982; Israels Zerstörung des irakischen Kernreaktors Ozirak (1981) war nicht der Auslöser für Saddams Atomwaffenprogramm – es begann bereits 1978.   
Von Walter Lüthi

Noam Chomsky:
Der gescheiterte Staat. Verlag Antje Kunstmann.
München 2006,
400 Seiten. Fr. 43.70


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion