Chile Die «Revolution der Pinguine»

Seit Monaten demonstrieren Schülerinnen und Schüler in Chile für eine Reform des Bildungssystems, das die Reichen begünstigt und die Armen benachteiligt. Die «Revolution der Pinguine» wird von Polizei und Regierung massiv unterdrückt, eine Kommission soll jetzt aber Vorschläge für eine Schulreform ausarbeiten.
Die Pinguine gehen für ein besseres Schulsystem in Chile auf die Strasse  © Privat

Santiago, die chilenische Hauptstadt mit fast sieben Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, erwacht aus dem Nebel und der Kälte. Vor dem «Liceo Nr. 1», der symbolträchtigsten Schule der Hauptstadt, warten Carabineros der chilenischen Polizei auf den Befehl, Schüler und Schülerinnen, die sich in der Schule verbarrikadiert haben, zu evakuieren. Bereits zum x-ten Mal in diesem Jahr ist das Sekundarschulgebäude – wie zahlreiche andere im ganzen Land – besetzt. Unter dem Hagel von Kreide, Papier und anderen mehr oder weniger gefährlichen Wurfgeschossen beginnen die Carabineros mit der Stürmung der Schule. Die Operation verläuft gewalttätig, daran ändert auch die Anwesenheit der nationalen Presse und der chilenischen Menschenrechtskommission (CCHDH) nichts.
Juan Pablo Cárdenas Squella, Vertreter der CCHDH und angesehener Journalist, bedauert die gewalttätigen Ereignisse dieser neuen Mobilisationswelle: «Als ich versuchte, eine Gruppe Jugendlicher zu beschwichtigen, die eine heftige Diskussion mit den Carabineros hatten, befand ich mich plötzlich zwischen den Fronten. Die Polizisten gingen brutal gegen mich vor und führten mich auf den nächsten Polizeiposten ab.» Die Polizei rechtfertigte die Gewalt damit, dass einem der Polizisten eine Wunde am Finger zugefügt worden sei und verschiedene Polizisten verletzt worden seien.

Anfang April begann die «Revolution der Pinguine», wie die Bewegung in der Öffentlichkeit wegen der blau-weissen Schuluniformen genannt wird. Seither kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen SchülerInnen und Polizei. Michelle Bachelet, die chilenische Präsidentin, sagte in Anspielung auf Demonstrierende, die ihre Gesichter verhüllen, gegenüber der Presse: «Wir tolerieren weder den Vandalismus noch die Zerstörung öffentlicher Güter und noch weniger die Drohversuche gegenüber den Behörden! Wir wollen eine Demokratie mit unverhüllten Gesichtern und fordern eine gewaltlose Kritik von Angesicht zu Angesicht!»

Aufgrund der Zusammenstösse haben die Protestierenden ihre Strategie geändert und die Demonstrationen ins Innere der Schulgebäude verlegt, um gewaltsame Ausschreitungen zu verhindern und ihre Glaubwürdigkeit zu wahren. In weniger als einer Woche wurden mehr als 250 schulische Einrichtungen im ganzen Land entweder von Schülern und Schülerinnen besetzt oder bestreikt, mehr als eine Million Jugendliche konnten mobilisiert werden. Auch LehrerInnen, Eltern, GewerkschafterInnen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen haben sich ihnen angeschlossen, weil sie der Meinung sind, dass das chilenische Schulsystem die sozialen Ungleichheiten eher verstärkt als überwindet.

Angesichts der Breite der Mobilisierung hat die chilenische Regierung den Forderungen der Jugendlichen nachgegeben und die Schaffung eines Präsidialrats zur Überprüfung des Schulsystems vorgeschlagen. Das Gremium soll aus LehrerInnen, Ministerinnen, SchülerInnen und SpezialistInnen bestehen und es soll das chilenische Bildungssystem umfassend reformieren. Doch während die Regierung die Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern aufgenommen hat, haben sich die Demonstrationen zu landesweiten Auseinandersetzungen zugespitzt. Bei einem nationalen Streik im Juni dieses Jahres wurden mehr als 1000 Personen festgenommen und über 30 verletzt. Im Fernsehen waren Bilder von Polizisten zu sehen, die junge Mädchen verprügelten, und es kam zu Anzeigen von Schülerinnen, die während den Festnahmen sexuell belästigt worden sind.

Enorme Unterschiede

Chile wird auf internationaler Ebene gelobt für seine Wirtschaftspolitik und seine politische und wirtschaftliche Öffnung. Die Armutsrate hat sich, gemäss nationaler Statistik, von 45,1 Prozent im Jahr 1987 auf 18,8 Prozent im Jahr 2003 halbiert. Diese Zahlen zeigen allerdings nicht, dass in Chile die Schere zwischen Arm und Reich enorm gross ist. Das Durchschnittseinkommen der Reichsten entspricht zwanzig Mal demjenigen der Ärmsten.

Diese Ungleichheit widerspiegelt sich im öffentlichen Bildungssystem. «Der chilenische Staat hat ein Bildungssystem geschaffen, das von den Regeln des Marktes diktiert wird und die Ärmsten von einer guten Bildung ausschliesst», erklärt Daniela Barrera von der Fundación para la Superación de la Pobreza (Stiftung für die Überwindung der Armut). 42 Prozent der Kinder der Ärmsten schliessen die obligatorische Schule nicht ab, bei den Reichen sind es 3 Prozent. Und weniger als eines von zehn Kindern aus armen Verhältnissen hat die Möglichkeit, eine höhere Ausbildung zu absolvieren. Das schlechteste Ausbildungsniveau herrscht an den öffentlichen Schulen, die vor allem von den armen Bevölkerungsschichten besucht werden. Dabei ist das chilenische Bildungsmodell ein Erbstück der Diktatur: Das Bildungsgesetz wurde am 10. März 1990 eingeführt – einen Tag vor dem Ende der Diktatur.

Bildung ist Privatsache

Das Gesetz legt die Verantwortung für die Bildung in die Hände Privater. Der Staat begnügt sich damit, diese Einrichtungen aufgrund der Anzahl Lektionen finanziell zu unterstützen. Damit sollte die Konkurrenz unter den Schuleinrichtungen und damit die Qualität gefördert werden. Die Realität sieht ganz anders aus: Das Geld, welches die Gemeindeverwaltungen einbringen, reicht nicht, um das öffentliche Schulwesen zu finanzieren, und die Ungleichheiten nehmen zu.
Manuel Riesco, Mitglied des neuen Präsidialrats zur Überprüfung des Bildungswesens, bestätigt, dass der Staat wieder eine zentrale Rolle übernehmen müsse, um ein qualitativ gutes Bildungssystem für alle zu ermöglichen. Die Verhandlungen sind im Gang, doch die Schüler- und Schülerinnenvereinigungen drohen damit, den Rat zu verlassen. Sie sind unzufrieden über das langsame Tempo und den politischen Ton, der zunehmend die Diskussionen bestimmt. Bereits sind neue Demonstrationen angekündigt.   

Von Matthias Novak

Matthias Novak ist Wirtschaftshistoriker und
arbeitet für die «Fundación para la Superación de
la Pobreza» (Stiftung zur Überwindung der
Armut) in Chile.



Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion