Todesstrafe Eine Frau mit Stimme

Ein kanadisches Ex-Model engagiert sich für ein junges Mädchen, das im Iran zum Tode verurteilt wurde. Das Verfahren wird jetzt neu aufgerollt.
Nazanin Afshin-Jam © AI/Bilan

An einem Morgen im April erhält Nazanin Afshin-Jam eine E-Mail, die sie bis heute nicht loslässt: Ein Unbekannter schreibt der «Miss World 2003», er sei auf ihre Internetseite gestossen, als er nach Informationen über ein junges Mädchen mit gleichem Vornamen suchte. Die 17-jährige Nazanin Mahabad Fatehi war gemeinsam mit ihrer jüngeren Nichte in einem öffentlichen Park in Teheran im Iran überfallen worden. Als die Männer versuchten, sie zu vergewaltigen, erstach sie einen der Angreifer. Notwehr oder nicht, vor Gericht interessierte sich niemand für ihre Beweggründe. Nazanin Mahabad Fatehi wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt.

Afshin-Jam war sprachlos: «Ich habe mich damals schrecklich gefühlt und immer daran gedacht, dass ich an ihrer Stelle sein könnte. Ich hätte genau dasselbe getan.» Auch sie wurde im Iran geboren, emigrierte allerdings 1980 nach Kanada. Damals war sie ein Jahr alt, wie die islamische Revolution, die ihren Vater seinen Job und fast das Leben gekostet hatte. Er managte das Sheraton Hotel in Teheran. Diese westliche Hotelkette entsprach nicht den Wertvorstellungen der Mullahs: «Im Hotel war es erlaubt, Alkohol auszuschenken und Musik zu spielen. Nach der Revolution trat die Sharia, die islamische Rechtssprechung, in Kraft und diese ‹Zustände› konnten nicht mehr toleriert werden.»

Sicherheitskräfte holten den Vater von Nazanin ab, warfen ihn ins Gefängnis und folterten ihn fast zu Tode. In letzter Minute konnte er entkommen und mit seiner Familie nach Kanada fliehen. Nazanin Afshin-Jam denkt, dass diese schlimmen Erfahrungen der Grund dafür sind, dass sie einen besonders starken Gerechtigkeitssinn entwickelte. Schon als Kind hätte sie den Wunsch gehegt, den Schwachen in der Gesellschaft zu helfen.

Spezielle Website 

Die Geschichte des jungen Mädchens aus Teheran beschäftigte sie so sehr, dass sie sich an Amnesty International (AI) wandte, um den Fall zu überprüfen. Als ihre Informationen bestätigt wurden, schaltete sie eine Website (www.helpnazanin.com) und forderte dazu auf, eine Online-Petition gegen das Urteil zu unterschreiben. In kürzester Zeit sammelte sie mehr als 200000 Unterschriften. «Ich habe monatelang nichts anderes gemacht, als mich um diese Internetseite zu kümmern. Es gab Tage, an denen ich nicht mal aufgestanden bin. Ich wurde wach, nahm meinen Laptop mit ins Bett und versorgte die Seite mit den neuesten Informationen», erzählt Afshin-Jam.

Als die Website eingerichtet war, interessierten sich plötzlich auch Medienvertreter für den Fall. «Es ist sehr unangenehm, dass man einen Titel braucht, um in die Medien zu gelangen», sagt sie. Dennoch ergreift sie die Chance, denn sie möchte denen eine Stimme verleihen, die keine haben.

Das Mädchen aus der Teheraner Todeszelle ist inzwischen volljährig. Dass der Fall nun in einem Verfahren neu aufgerollt wird, ist auch den internationalen Protesten zu verdanken. Die Schönheitskönigin ist stolz auf diesen Erfolg und möchte sich nun weiter für Frauenrechte im Iran einsetzen. Die Menschenrechtsverletzungen im Iran geschehen ihrer Meinung nach aus Machtgier und nicht aus religiösen Gründen. «Es geht um Kontrolle, deswegen werden vor allem die Frauen unterdrückt», sagt sie.

Soziales Engagement 

Sie sei nur bei den Miss-Wahlen stolziert, um sich in der Medienflut für ihr soziales Engagement Gehör zu verschaffen. Und das Geld, die Modelverträge? «Mit dem Titel habe ich gar nichts verdient», erklärt Afshin-Jam. «Die Miss-Wahlen finden unter dem Motto ‹Schönheit für einen guten Zweck – beauty with a purpose› statt. Die Gewinnerinnen reisen um die Welt und sammeln Geld für soziale Projekte.»
Aber Afshin-Jam hat nicht nur auf Schönheit gesetzt. Sie studiert auch internationale Beziehungen und Politik. «Globale Themen werden immer wichtiger», sagt sie. «Ich lebe in einem Land, in dem ich die Stimme gegen Menschenrechtsverletzungen erheben kann. Diese Möglichkeit will ich nutzen.»   

von Tatjana Schütz, Redaktorin bei AI Deutschland


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion