Iran «Eine Sache der Vernunft»

Seine Kritik am religiösen Regime im Iran brachte den Journalisten Akbar Ganji jahrelang ins Gefängnis. Seine Überzeugungen hat er deswegen nicht aufgegeben. Am 11. Oktober 2006 hat er für sein Engagement den Martin-Ennals-Preis für Menschenrechtsverteidiger erhalten.

amnesty: Wie haben Sie Ihre Haftzeit erlebt?
Akbar Ganji: Die Einzelhaft ist so ähnlich wie ein Grab. Dort hatte ich nichts ausser meinen Gedanken – es gab keine Bücher, kein Radio und niemanden, mit dem ich reden konnte. Die einzigen Informationen erhielt ich während der kurzen Besuche von meiner Familie. Sie erzählte mir auch von der internationalen Unterstützung durch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Ich weiss nicht, wie mein Schicksal ohne diese Unterstützung ausgesehen hätte.

Wie beurteilen Sie das politische System im Iran?
Ich glaube an keine religiöse Staatsordnung. Wir brauchen weder einen religiösen Staat noch eine staatliche Religiosität. Das Herrschaftssystem der Islamischen Republik setzt voraus, dass die Menschen unmündig sind und wie verlorene Schafe einen Hirten brauchen. Gott hat jedoch den Menschen die Vernunft gegeben, und ich denke, dass politische Herrschaft eine Sache der Vernunft ist. Die Menschen sollen sich dieser Vernunft bedienen, um damit ein menschenfreundliches System aufzubauen.

Der iranische Präsident Ahmadinejad erweckt oft den Eindruck, als handle er irrational.

Der Präsident ist sicher nicht verrückt, aber zugleich sind die Ziele und Methoden der iranischen Regierung mit Sicherheit unvernünftig. Mit dieser «Strategie» erzielt sie immer das Gegenteil von dem, was erreicht werden sollte. Das Ausland ist dem Iran feindlicher gesinnt als seinerzeit dem Irak unter Saddam Hussein. Der irakische Diktator trieb mit seiner Politik einen Keil zwischen die USA und Europa. Im Gegensatz dazu ist sich
die internationale Gemeinschaft in der Iran-Frage einig. Mit seinen Äusserungen über Israel bringt Ahmadinejad die Welt gegen sich auf. Wenn der Iran angegriffen werden sollte, würde dies die Vernichtung des Landes bedeuten. Wir wollen aber keinen Krieg, wir wollen Frieden. Anstatt das Atomprogramm fortzusetzen, sollten die Stimmen ernst genommen werden, die eine Entwaffnung fordern.

Was bezweckt die Regierung mit dieser Konfrontation?
Dieser unterdrückerische Staat will dafür sorgen, dass er seine Willkürherrschaft fortsetzen kann. Unter normalen Umständen könnte er seine Herrschaft nicht fortführen. Also schafft er künstlich eine Krisensituation, in der Krieg droht. Damit erteilt er sich die Erlaubnis, seine Gegner zu unterdrücken.

Wie ist die Situation für Journalisten und Journalistinnen im Iran?
Der Iran ist das einzige Land auf der Welt, das einem Journalisten oder einer Journalistin ein lebenslanges Schreibverbot auferlegen kann. Jede kleinste kritische Äusserung hat Konsequenzen. In den letzten Jahren wurden über hundert Zeitungen geschlossen. Kritischen Journalisten und Intellektuellen droht jederzeit eine Anklage wegen «Spionage». Unbequeme Internet-Seiten werden von dem Regime gefiltert oder blockiert. Das hat zu starker Selbstzensur bei den nicht-staatlichen Medien geführt.

Was planen Sie für die nahe Zukunft?
Ich werde in den Iran zurückkehren. Schliesslich habe ich keine gesetzeswidrigen Schritte unternommen, sondern nur das getan, was jedem Bürger zusteht. Wenn ich wieder verhaftet werde, dann ist das der Preis, den wir zahlen müssen. Demokratie und Menschenrechte kommen nicht von alleine. Solche Ideale werden nicht ohne Anstrengungen verwirklicht. Dazu brauchen wir auch Mut und Widerstandsfähigkeit.   

Interview: Anton Landgraf   


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion